Fahrgastverband: Berliner U-Bahn droht große Krise

Fahrgastverband: Berliner U-Bahn droht große Krise

Viele Berliner erinnern sich an die jahrelangen S-Bahn-Probleme. Nun spitzt sich die Lage bei der U-Bahn zu: Die Wagen werden knapp - und BVG und Fahrgastverband sehen kurzfristig nur einen einzigen Ausweg.

Berliner U-Bahn

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Dicht gedrängt steigen Menschen aus einer U-Bahn im Bahnhof am Alexanderplatz. Foto: Kay Nietfeld/Archiv

Berlin (dpa/bb) - Berlins U-Bahn-Kunden drohen aus Sicht des Fahrgastverbandes schwere Zeiten. «Der Fahrzeugmangel ist eine mittlere Katastrophe», sagte der Vizevorsitzende Jens Wieseke der Deutschen Presse-Agentur. «Es kann schwerwiegende Folgen haben, die an die S-Bahn-Krise erinnern.» Kämen im nächsten Jahr keine neuen Wagen, müsse möglicherweise eine ganze Linie stillgelegt werden. Wieseke warf dem Senat und den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) Versäumnisse vor. «Es fehlt auf allen Linien, eine Entspannung ist erst ab 2023 in Sicht.»
BVG-Sprecherin Petra Reetz sagte: «Wir kriegen den täglichen Verkehr hin, aber das ist schon eine Leistung. Wir brauchen dringend Fahrzeuge.» Das Landesunternehmen will vom nächsten Sommer an bis zu 1050 neue U-Bahn-Wagen ausschreiben. Doch es vergehen gewöhnlich mehrere Jahre, bis die Aufträge vergeben, die Züge entwickelt, gebaut und zugelassen sind.
Bei der BVG soll vorerst ein außergewöhnlicher Schritt helfen: Die BVG will per Direktvergabe eine laufende Bestellung bei Stadler um 80 Wagen aufstocken, um alte Züge zu ersetzen, die sie im nächsten Jahr aus dem Verkehr ziehen muss. Der Stadler-Konkurrent Siemens beharrt indes auf einer Ausschreibung und hat Beschwerde eingelegt. Auch ein Gütetermin am Mittwoch brachte keine Einigung.
«Wir appellieren an Siemens, dass man sich mit der BVG einigt und nicht auf sein Recht pocht», sagte Wieseke, der Vizechef der Interessengemeinschaft Eisenbahn, Nahverkehr und Fahrgastbelange Berlin. «Das Wachstum der Stadt wird dazu führen, dass auch für Siemens noch Kuchenstücke freiwerden.»
«Für unsere Kunden ist diese Stadler-Bestellung wichtig», sagte auch BVG-Sprecherin Petra Reetz. «Wenn wir die Wagen nicht bestellen können, haben wir in einem Jahr ein Problem und müssen womöglich Takte verlängern.» Leihgaben aus anderen Städten seien keine Alternative, sie passten nicht ins System. «Wir können nicht nach Moskau gehen und sagen: Schickt uns mal ein paar Züge rüber.»
Berlins U-Bahnen werden immer voller. Im vergangenen Jahr zählte das Unternehmen 563 Millionen Kundenfahrten, gut elf Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Der Fahrgastverband gestand den Betriebsleitern und Werkstätten der BVG gute Arbeit mit den insgesamt 1272 U-Bahn-Wagen zu. «Aber wenn keine Hasen mehr da sind, kann man keine mehr aus dem Hut zaubern.»
Berlins Nahverkehrskunden sind leidgeprüft: Technikprobleme, Managementfehler und Wartungsmängel hatten die S-Bahn 2009 in eine tiefe Krise gestürzt. Jahrelang fehlten im täglichen Betrieb Züge, weil sie öfter in die Werkstätten mussten.
Wieseke warf dem Senat und der BVG Versäumnisse bei der U-Bahn vor. Nach dem Sparkurs des damaligen Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD) hätten sie nicht rechtzeitig gegengesteuert. «Dass Berlin wächst, wissen wir seit Jahren.»
Das Unternehmen wies den Vorwurf zurück. Sicher sei Zeit vertan worden, sagte eine Sprecherin. «Das sind aber Entscheidungen, die trifft nicht der Vorstand, sondern der Aufsichtsrat.» Nach Sarrazin führte der parteilose Finanzsenator Ulrich Nußbaum das Gremium, heute ist es die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne).

Quelle: dpa

| Aktualisierung: 26. Mai 2018