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Russischer Theaterfrühling

Neues russisches Theater heute

Aschenputtel

Russischer Theaterfruehling, Aschenputtel, Theater-Praktika
Bild: Theater-Praktika

Montag, 01.06.2015, 20.00 Uhr

Gastspiel: Theater Praktika
Aschenputtel von Joel Pommerat

Regie/Bühne: Marfa Gorwits
Kostüme: Jewgenija Panfilowa
Licht: Narek Tumanjan
Video: Sewa Taran, Natalia Naumowa
Ton: Andrej Lewtschenko
Mit: Nadezhda Lumpowa, Alexander Userdin, Katerina Vassilieva, Jana Gurjanowa, Tatjana Wolkowa, Aleksej Rosin, Philipp Gurewitsch

Die schwer zugängliche Teenagerin Zoja (Spitzname „Zola“ – auf Russisch Asche) zieht mit ihrem Vater in das schicke Glashaus ihrer neuen Stiefmutter und deren Töchter. Zoja, alias Asche, glaubt von ihrer Mutter am Sterbebett gehört zu haben, sie solle ständig an sie denken – so befolgt sie diese letzten Worte emsig und nimmt die schwere Hausarbeit im neuen Haushalt freiwillig und aufopfernd auf sich. Diese deprimierende Routine wird eines Tages durch eine sehr unge­wöhn­liche Hipster-Fee gebrochen, die Zoja auffordert, zu einem Ball zu gehen. Wie es sich gehört, trifft Zoja dort ihren Prinzen, der jedoch, ganz anders als es sich gehört, an Autismus leidet und so eine eher untypische Lovestory ins Rollen bringt…

Die junge Regisseurin Marfa Gorwits verwandelt die moderne Interpretation des altbekannten Märchens in eine Art Gruppentherapie, die das infantile Verhalten der Jugendlichen, aber vor allem auch das ihrer Eltern vorführt und humorvoll inszeniert. Mit Leichtigkeit thematisiert die Regisseurin ernste Themen wie Maso­chismus und Selbstausbeutung und verliert dabei den Spaß am theatralen Spiel dennoch nicht aus den Augen. Das Stück ist mit feinem Humor, ironischen Details und experimentellen Videoprojektionen insze­niert und bietet eine aufre­gende unterhaltsame und gleichzeitig zum Nachdenken anregende Melange eines klassi­schen Märchens und einer Analyse der Neurosen einer modernen Gesellschaft.

Alice und der Staat

Russischer Theaterfruehling, Alice und der Staat
Bild: Konstantin Zismanov

Donnerstag, 04.06.2015, 20.00 Uhr

Gastspiel: Meyerhold-Theater & Liquid Theater
Alice und der Staat von Sascha Denissowa
Übersetzung: Ekaterina Vassilieva / Irina Bondas (wird eingesprochen)

Regie: Alexej Zherebtsow
Musik: Dmitri Pawljukow
Video: Vsevolod Taran, Arsenij Bersenjew
Bühne: Jelisaveta Dzutsewa
Mit: Inna Suchoretskaja, Alexander Gorelow, Andrej Smirnow, Darja Demidowa, Anna Rud, Oleg Tolkunow

Junge Studentin Alice möchte eine Prüfung über die Grundfunktionen des Staates an der Wirtschaftsfakul­tät der Universität ablegen. Sie fällt aber in Ohnmacht und findet sich in einer seltsam verdrehten Welt. Alice macht sich auf eine Reise durch ein düsteres Labyrinth des russischen Staatsapparats, der viele Parallelen zum absurden und willkürlichen Reich aus Lewis Carroll Roman „Alice im Wunderland“ aufweist.
Die experimentelle zeitgemäße Inszenierung kommt ohne viel Dramatismus aus, sondern setzt auf wissen­schaftliche Monologe, Kommentare und Fragen an das Publikum über die Möglichkeit einer Zivilgesellschaft und eines Rechtsstaats in Russland. Aber wie ist es möglich, wenn Bürokraten-Kaninchen korrumpiert sind, die Abgeordneten-Raupen absurde Gesetze verabschieden, und die Intelligentsija wie immer mit eigenen Streitereien beim Teetrinken beschäftigt ist? Mit diesen und anderen Fragen schlägt sich die junge Alice im russischen Wunderland.

Kann das Theater nun wieder zur Hauptaufklärungsanstalt in Russland werden, wenn alle anderen Institu­tionen, wie Medien, Bildungseinrichtungen etc. versagen? Ist das Theater der geeignete Ort dafür, das Publikum über Rechte und Pflichten dem Staat gegenüber auf­zu­klären und dabei konkrete Verbesserungsvorschläge für die Bekämpfung der aufgeblähten Bürokratie zu unterbreiten?

Der Usbeke

Russischer Theaterfruehling, Der Usbeke
Bild: Jakov Petschenin

Sonnabend, 06.06.2015, 20.00 Uhr

Gastspiel: Joseph-Beuys-Theater & Sacharow-Zentrum & Theater.doc
Der Usbeke

Autor, Regie, Darsteller: Talgat Batalow
Dramaturgie: Ekaterina Bondarenko
Übersetzung: Irina Bondas
Produktion: Georg Genoux

Talgat Batalow verbindet die persönliche Geschichte seiner Migration aus Taschkent nach Moskau mit authentischen Berichten anderer Migranten, die ihr Glück als Gastarbeiter in Russland versuchen. Die Migranten aus Zentralasien sind von der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit geprägt: es wurde die Gleichheit aller Nationalitäten in einem multinationalen Staat propagiert. Die Erwartung, eine freundliche Aufnahme in Russland zu finden, ist immer noch da. Die Realität im postsowjetischen Russland sieht leider anders aus.

Der Autor Batalow präsentiert in seinem dokumentarischen StandUp eine Art Reportage bzw. ein szeni­sches Essay über Migration, ständig changierend zwischen tragischer und komi­scher Perspektive auf schwere Entscheidungen und harte Schicksalsschläge der Einwande­rer. Er öffnet dem Zuschauer sein Innerstes und zeigt sich dabei sehr verletzlich – in der neuen harten Zeit des aufblühenden Nationalismus und des Kampfes um einen Platz unter der Moskauer Sonne.