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Ödipus' Klage

von Tobias Schwartz

Spiel: Iris Boss, Timur Isik, Fjodor Olev, Cornelia Werner
Regie: Oleg Myrzak
Dramaturgie: Christine Elbel

Premiere: 24. August 2012

Das wurde aber auch Zeit: Rund 2.400 Jahre mussten vergehen bis im Vatermörder und Mutter-Verführer Ödipus ein Komplex erkannt wurde und weitere 100 Jahre bis er selbst seinen Weg auf die therapeutische Couch fand. Hier liegt er nun – endlich. Immer bei ihm ist sein Therapeut. Mit Fragen und Hinweisen will er Ödipus auf den – wie er sich sicher ist – richtigen Weg bringen. Wohin führt dieser Weg? Ins Eingeständnis, den Vater ermorden zu wollen und die Mutter zu begehren? Dieses vorgefasste Ziel vor Augen, unternimmt der Therapeut alles in seiner großen Macht stehende, um den Patienten seiner Theorie zu unterwerfen. Doch es kommt alles anders.
Hier ist ein neuer Ödipus. Ein Kind unserer Zeit. Hat er überhaupt seinen Vater umgebracht und die Mutter verführt? Seine eigenen Assoziationen führen ihn auf eine andere Spur. Er begegnet Iokaste und Antigone.
Doch nichts ist, wie es scheint.
Vor gut 100 Jahren hat Sigmund Freud aus seiner Lektüre des „König Ödipus“ von Sophokles den „Ödipus-Komplex“ geboren und in unsere Köpfe eingepflanzt. Der Grund für Neurosen, Hysterien und Depressionen war nun schnell und einfach zu finden. Die Schublade offen und der ungesunde Mensch in sie hinein gestopft. Sind wir nicht alle ein bisschen Ödipus?
Zeit für einen Aufschrei. Ödipus wagt ihn.