Strawalde | Blätter aus der Zeit

Ausstellung vom 11.09. bis 27.10.2019

Jürgen Böttcher Strawalde gehört als Filmemacher und Maler zu den herausragenden und originellsten Künstlerpersönlichkeiten der deutschen Kunstgeschichte nach 1945.

Obwohl bereits in hohem Alter ist er noch immer künstlerisch enorm produktiv.

Während in den vergangenen Jahren in umfangreichen Retro­spek­tiven u.a. in Altenburg und Dresden sein künstlerisches Œvre auf­gearbeitet und gewürdigt wurde widmet sich die Ausstellung in der Galerie Pankow aus­schließlich den Arbeiten auf Papier.

Beginnend mit frühen Portraits, Stadt­landschaften oder Still­leben aus den 1950er-Jahren bis hin zu einer jüngst entstandenen Serie umfasst die Aus­stellung Bleistift- und Tusche­zeichnungen, Collagen und Über­malungen aus einem Zeit­raum von nunmehr fast 70 Jahren. Es sind Arbeiten, die neben der Malerei als eigen­ständiger Werk­komplex ent­standen sind ohne jedoch die Bindung zur Malerei aufzu­geben. Während die Malerei in ihrer sinn­lichen Präsenz gültige Aussagen formuliert bietet die Arbeit mit dem Medium Papier einen direkteren Zugriff, ist sinnlich und reflektiert zugleich und ermöglicht es Strawalde in immer neuen Variationen sein gedank­liches und künst­lerisches Vokabular zu prüfen. Sie geben so einen Einblick in einen künst­lerischen Kosmos der sich in beson­derer Weise aus seiner eigenen Biografie speist und der ohne diese Bindung nicht zu verstehen ist.

Strawalde (Jürgen Böttcher, 1931 in Frankenberg geboren, lebt in Berlin-Karlshorst) studierte von 1949 bis 1953 Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Anschließend war er als frei­schaffen­der Künstler bis 1955 in Dresden tätig und unter­richtete an der Volks­hoch­schule unter anderem A. R. Penck, Peter Makolies, Peter Graf und Peter Herrmann. Von 1955 bis 1960 studierte er Regie an der Hochschule für Film und Fern­sehen Potsdam und arbeitete bis 1991 im DEFA-Dokumentar­film­studio in Berlin. Für sein umfangreiches film- wie bild­künst­lerisches Œuvre ist er inter­national bekannt und geehrt worden.

Zur Ausstellung erscheint in Kooperation mit dem Leonhardi-Museum Dresden ein Künstlerbuch.

Die Ausstellung wurde von Matthias Flügge kuratiert.

Eröffnung: Dienstag, 10. September 2019, 19.00 Uhr

Begrüßung: Annette Tietz, Leiterin der Galerie Pankow
Einführung: Matthias Flügge, Kunstwissenschaftler, Berlin

Künstlergespräch: Donnerstag, 17.10.2019, 19.00 Uhr

Matthias Flügge im Gespräch mit Strawalde

Zitat: „…daraus ergibt sich, daß die zielbewußte Gründung von Familien durch planmäßige Auswahl von Gatten mit […] einwandfreien Genenkombinationen zu den höchsten Kulturaufgaben eines Volkes gehören muß und daß die künstliche Ausscheidung menschlicher Minusvarianten auch dem Ideal einer vollkommenen ärztlichen Prophylaxe entsprechen würde.“
(Menschliche Züchtungs¬kunst, “Eugenik”) (2. Aufl. 1911, S.32)
Zitat: „…betrachtet der Staat die Erbübel (…) als Krankheiten (…), die er mit allen Mitteln zu ver-hüten suchen muß (…) durch die zielbewußte Förderung von (…) einwandfreien wünschens-werten Genen¬kombi¬nationen (…) durch die gesetzlich durchgeführte Ausscheidung menschlicher Minus¬varianten. (…) Sterilisierung (…), Kastration (…) Vernichtung lebensunwerten Lebens…“
(8. Aufl. 1936, S. 53)
Beleg: Seit 1934 war Robert Rössle Mitherausgeber der Zeitschrift für menschliche Vererbungs- und Konstitutionslehre, ein wissenschaftliches Sprachrohr der NS-Rassenlehre. Weitere Mitherausgeber waren ranghohe Sanitätsoffiziere des Heeres und der Waffen-SS, darunter Otmar v. Verschuer, der Doktorvater und Förderer von Josef Mengele, der von seinem Schüler für seine Zwillingsforschung Augen, Blutproben und Gewebe aus dem KZ Auschwitz erhielt. Ab 1943 besuchte Rössle auch im Kreis der Herausgeber dieser Zeitschrift die erbpathologische Arbeitsgemeinschaft.
2. Robert Rössle war Teil von Hitlers wissenschaftlicher Elite
Beleg: Robert Rössles Forscherinteresse galt der Untersuchung von Hoden sog. Sitt¬lichkeits¬ver-brecher. Dazu zählten im NS-Staat auch homosexuelle Männer, die nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, kastriert werden konnten. Rössle untersuchte, ob sich diese Hoden von denen anderer Männer unterschieden. Dafür erhielt er von der Leitung des Untersuchungs¬gefängnis Moabit „lebenswarmes“ Material „in einem noch nicht da gewesenen Ausmaße“. Für die vermutete Verschiedenartigkeit fand er jedoch keinen Beweis. Trotz dieses Befundes sprach sich Rössle für die Kastration des Hodens als Organ, das die Gefährlichkeit der Perversion des Sittlichkeitsverbrechers

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