Die Publikation „Ausbildungsperspektiven 2025“ der Bertelsmann Stiftung gibt Aufschluss zur Haltung junger Menschen zu einer Ausbildung. Die Ergebnisse: Die duale Berufsausbildung ist bei jungen Menschen weiterhin der beliebteste Bildungsweg nach dem Schulabschluss. Doch insbesondere Schüler/-innen mit niedrigem Bildungsniveau tendieren dazu, nach dem Verlassen der Schule zunächst auf eine Ausbildung zu verzichten und ohne formale Qualifikation arbeiten zu wollen.
Jede/-r fünfte deutsche Schüler/-in gab in der repräsentativen Umfrage an, nach der Schule erst einmal arbeiten zu wollen, anstatt eine formale Berufsausbildung aufzunehmen. Besonders häufig trifft diese Aussage bei Schüler/-innen mit niedrigem Schulbildungsniveau zu. Diese Tendenz kann ein Risiko für den Arbeitsmarkt darstellen, denn sie birgt die Gefahr, dass junge Menschen auch später keine Ausbildung aufnehmen und langfristig ungelernt bleiben. Dabei ist der Handlungsbedarf, deutlich mehr junge Menschen in eine Ausbildung zu bringen, hoch: Laut Berufsbildungsbericht besaßen 2023 rund 19% der 20- bis 34-Jährigen keinen Berufsabschluss, das entsprach 2,86 Millionen Menschen. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft fehlten im Vorjahr bundesweit mehr als 570.000 qualifizierte Arbeitskräfte – mit erheblichen negativen Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Dabei können sich neun von zehn Befragten mit niedriger Schulbildung grundsätzlich eine Ausbildung vorstellen, wie aus der Umfrage hervorgeht. Gleichzeitig schätzt mehr als ein Drittel von ihnen (35%) ihre Chancen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, als schlecht ein. Clemens Wieland, Experte für berufliche Bildung bei der Bertelsmann Stiftung, sieht hierin einen möglichen Grund, für den Wunsch, nach der Schule lieber direkt arbeiten zu gehen: „Ausgerechnet diejenigen jungen Menschen, für die eine Ausbildung die naheliegendste Wahl nach der Schule ist, zweifeln am häufigsten an ihren Chancen. Das kann einer der Gründe dafür sein, warum viele von ihnen zunächst lieber in Aushilfsjobs arbeiten möchten. Deshalb ist es wichtig, gerade junge Menschen mit niedriger Schulbildung am Übergang von der Schule in den Beruf bedarfsgerecht zu unterstützen und ihnen konkrete Ausbildungsperspektiven aufzuzeigen.“
Die Befragungsergebnisse geben konkrete Rückschlüsse darauf, welche Ansätze hier erfolgsführend sein könnten. Befragte mit niedriger Schulbildung nannten vor allem Probleme beim Schreiben von Bewerbungen sowie das Fehlen der geforderten Qualifikationen als Hauptprobleme bei ihrer Ausbildungsplatzsuche. Eine passgenaue Unterstützung, ob aus dem Schulsystem heraus oder durch externe Partner/-innen wie Berater/-innen der Arbeitsagenturen, scheint hier entscheidend zu sein, um junge Menschen besser bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz zu unterstützen. All dies ändert aber nichts daran, dass eine Ausbildung insgesamt ein gutes Ansehen unter jungen Menschen genießt: 86% der Befragten sehen in ihr eine gute Basis für eine berufliche Karriere, 69% glauben, sich mit einer Berufsausbildung später ein gutes Leben leisten zu können.
Für Befragte mit höherer Schulbildung sind die Probleme andersgelagert: Vielen von ihnen fällt es schwer, sich in der Fülle an Informationen zur Berufswahl zurechtzufinden. Begünstigt wird dies durch den Umstand, dass viele Schüler/-innen mit höherem Bildungsniveau ein Studium in Erwägung ziehen, dessen Angebot von mittlerweile mehr als 10.000 Bachelor-Studiengängen an deutschen Hochschulenmehr als umfangreich ist. Sie wünschen sich deshalb mehr Angebote zur Berufsorientierung, vor allem in Form persönlicher Beratung.
Als wichtigste Informationsquelle für die Berufliche Orientierung gaben die befragten Schüler/-innen generell zu 70% Praktika (von einer Woche oder länger) an. Auch die persönliche Beratung durch Lehrkräfte, Ausbildende oder Berufsberater/-innen schaffte es mit 51% in die TOP 3, gefolgt von Betriebsbesichtigungen mit 49%. Ausbildungs- und Karrieremessen (33%), Informationen zum Selbstlesen wie Karrierewebsites oder Flyer (31%) sowie Besuche von Azubis oder Unternehmensvertreter/-innen im Unterricht (30%) lagen mit einigem Abstand dahinter.
Auch Schulen sind entscheidende Orte für die Berufliche Orientierung. Zufrieden mit dem schulischen Informationsangebot zur Ausbildung sind 42% der jungen Menschen, ein weiteres Drittel ist zumindest teilweise zufrieden. Unterschiede zeigen sich auch hier im formalen Bildungsniveau: Während Schüler/-innen mit niedriger Schulbildung sich zu 54% gut informiert fühlen, sind es bei denen mit höherem Bildungsniveau nur noch 36%. Dieses Verhältnis kehrt sich im Falle von Informationen zu Studienoptionen um (gut informiert bei niedrigem Bildungsniveau: 27%; bei höherem Bildungsniveau: 35%), insgesamt bewerten Schüler/-innen die Informationsangebote in diesem Zusammenhang aber schlechter im Vergleich zu denen im Ausbildungskontext.
Ganz konkret wünscht sich fast die Hälfte der Befragten mehr Berufsorientierung innerhalb der Schule (49%) oder durch eine/-n externen Ansprechpartner/-in (45%). 23% gaben an, die Unterstützung als ausreichend empfunden zu haben.
Insgesamt kommt die Bertelsmann Stiftung zu dem Schluss, dass die Ausbildung ein gutes Image unter Schüler/-innen genießt, der Übergang in eine Ausbildung aber zu vielen jungen Menschen nicht gelingt. Wichtig ist aus ihrer Sicht, junge Menschen frühzeitig auf die Risiken hinzuweisen, die entstehen, wenn sie langfristig keine berufliche Qualifikation erwerben. Darüber hinaus brauche es mehr passgenaue, individuelle Unterstützungsangebote, die sich an den differenzierten Bedarfen junger Menschen orientieren.