Grabung am Molkenmarkt

Luftbild Molkenmarkt Berlin-Mitte

Molkenmarkt, Rotes Rathaus und Altes Stadthaus in Berlin-Mitte

Allgemeine Informationen

Im Jahr 2016 hat das Berliner Abgeordnetenhaus den Bebauungsplan 1-14 verabschiedet. Er sieht zwischen Mühlendamm und der Klosterruine Neubauten vor. Das Landesdenkmalamt führt in diesem Bereich seit 2019 bau- und planungsvorbereitende Ausgrabungen durch. In den nächsten Jahren wird ca. ein Fünftel der mittelalterlichen Fläche Berlins archäologisch untersucht werden.

Der Molkenmarkt gilt als ältester Markt Berlins. Die archäologischen Ausgrabungen bringen ein kostbares Archiv aus 800 Jahren Berliner Stadtgeschichte ans Tageslicht. Die entdeckten Zeugnisse sind so vielfältig wie das Leben der Berliner Stadtbewohner. Bislang kamen unter anderem mittelalterliche Holzkeller, frühneuzeitliche Abfallgruben, barocke Gewölbe, gründerzeitliche Elektrizitätswerke und auch verfüllte Bombentrichter des zweiten Weltkriegs zutage. Zahlreiche Funde vermitteln ein lebendiges Bild von der Geschichte des Ortes, einer Keimzelle der Metropole Berlin.

Übersicht

Grabungsnews

Kurzberichte

Digitale Führungen

Die Grabungsfläche B2, B3 und A3 am Molkenmarkt

Die Ausgrabungen in den Grabungsflächen A3, B2 und B3 wurden im September 2019 aufgenommen. Die Fläche B2 konnte im Juli 2020 abgeschlossen werden, die Flächen A3 und B3 werden noch bis August 2021 bearbeitet werden. Ein wesentlicher Bestandteil der archäologischen Dokumentation besteht aus Digitalfotos. Sie entstehen nicht nur während, sondern auch nach der Feldarbeit. Einen kleinen Ausschnitt von den vielfältigen Zeugnissen, die bei Ausgrabungen im historischen Stadtkern freigelegt werden, zeigen die folgenden Fotos:

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Ausgrabungen am Molkenmarkt, Mai 2020. Der Blick vom Dach des Roten Rathauses über die umzäunten Grabungsflächen hinweg lässt erahnen, wie der Untergrund unter den weiten Straßenflächen beschaffen ist. Der historische Molkenmarkt lässt sich anhand des Palais Schwerin –des gelb angemalten Hauses mit Skulpturengiebel neben der Alten Münze- zumindest an einer Fassade noch verorten.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Grabungsfläche B2 in Richtung Westen. Das Drohnenfoto erfasst die im Vordergrund befindliche Grabungsfläche B2 am Molkenmarkt, die zum benachbarten Roten Rathaus hin um den künftigen Straßenraum der künftigen Grunerstraße (ehemals Gustav-Böß-Straße) erweitert wurde. Alle Fundamente am unteren Bildrand gehören zu den Elektrizitätswerken Spandauer Straße (seit 1889) und Rathausstraße (seit 1897).

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Grabungsfläche B2 in Richtung Osten. Das im Mai 2020 entstandene Drohnenfoto zeigt die um den künftigen Straßenraum der Grunerstraße erweiterte Grabungsfläche B2 am Molkenmarkt. Die Baustraße am Roten Rathaus entlang entspricht der ehemaligen Gustav-Böß-Straße (vor dem 2. Weltkrieg Rathausstraße). Das Bild erfasst einen großen Teil der Elektrizitätswerke, die sich ab 1889 neben dem Roten Rathaus erhoben und ca. ein Drittel des historischen Wohnquartiers einnahmen.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Vollständiger Kochtopf des späten 16./frühen 17. Jahrhunderts aus einem Abfallschacht des frühen 17. Jahrhunderts in Fläche B2. Bauchige Töpfe aus heller Irdenware mit Griffhenkel und drei Standfüßen zählen zu den häufigsten Keramikfunden des 16. und 17. Jahrhunderts.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Frühneuzeitlicher Abfallschacht des frühen 17. Jahrhunderts in Fläche B2. Unter einem Fußboden des 19. Jahrhunderts wurden zwei nebeneinander angelegte Abfallschächte aufgedeckt. Der östliche, annähernd runde Schacht mit einem Außendurchmesser von 2,2 m enthielt zahlreiche Haushaltabfälle. Dazu gehörten sehr qualitätvolle, teilweise verzierte Hohlgläser und große Mengen zerscherbter Keramik.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Mittelalterliche Feldsteinmauer des im 14. Jahrhundert errichteten Hauses Blankenfelde. Die Aufnahme zeigt den vollständigen Aufbau der mittelalterlichen Nordmauer des Hauses Blankenfelde nach Entfernung eines Betonfußbodens des 19. Jahrhunderts. Der Bodenbelag hatte den freigelegten Schacht am linken Bildrand überlagert.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Maschinenfriedhof. Im Kellergeschoss der 1907 errichteten Unterstation der Berliner Elektrizitätswerke waren vier eiserne Schaltwagen zurückgelassen worden. Die in Berlin angefertigten Objekte gehören zur Ausstattung der von 1919 bis 1948 betriebenen Umspannstation.

  •  Mitte Rathausstraße Jüdenstraße Elektrizitätswerk Molkenmarkt

    Industriekathedrale. Das Kellergeschoss der im Jahr 1907 errichteten Unterstation der Elektrizitätswerke ist durch mächtige eiserne Pfeiler und abgedeckte Kabelschächte gekennzeichnet. Hier wurde unter anderem überschüssiger Strom, der in den benachbarten Centralstationen produziert wurde, gespeichert und transformiert.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Der Preis des Fortschritts. Der Blick über das Berliner Häusermeer hinweg nach Norden wurde an einem sonnigen, aber kalten Wintertag vom Turm des Alten Stadthauses aus festgehalten. Das Foto muss spätestens 1919 entstanden sein – so lange wurde in den mit Steinkohle befeuerten Elektrizitätswerken Spandauer Straße und Rathausstraße noch Gleichstrom produziert. Danach diente der Komplex nur noch als Umspannstation.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Vogelperspektive bis zum Untergrund. Blick auf die Grabungsfläche A3 im Schatten des Turmes des Alten Stadthauses. Dort zeichnen sich unter anderem freigelegte Fundamente von Hinterhäusern, Keller, diverse technische Anbauten, Hinterhöfe und Brunnen ab. Seit der Gründung Berlins lagerten sich in den Hinterhöfen bis zu 4 m mächtige Erdschichten ab.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Grabungsfläche A3 im Mai 2020. Die Drohnenaufsicht lässt die historische Häuserstruktur des Wohnquartiers am Molkenmarkt erkennen. Die runden Ziegelsetzungen sind Brunnen in einem Hinterhof. In diesem Bereich haben sich die Erdschichten im Laufe der Berliner Stadtgeschichte bis zu einer Mächtigkeit von 4 m abgelagert. Die steinernen Fundamente gehören zu Häusern des 17. bis 19. Jahrhunderts.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Lutherkachel. Kachelöfen mit bemalten und glasierten Ofenkacheln waren in der Mitte des 16. Jahrhunderts in ganz Europa beliebt. Die ehemals langrechteckige, aus mehreren nahtlos aneinanderpassenden Fragmenten bestehende Bildkachel zeigt das Brustbild Martin Luthers mit weichem Samthut. D.M.L. steht für Dr. Martin Luther.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    800 Jahre Geschichte in einem Profil, Grabungsfläche A3. In einem Hinterhof der historischen Bebauung des Molkenmarktes hat sich in circa 800 Jahren ein 4 m mächtiges Paket historischer Erdschichten abgelagert.

  • Molkenmarkt Grabung Grabungsfläche B2 B3 A3

    Haus zur Rippe am Molkenmarkt vor dem zweiten Weltkrieg. Die korrekte Adressbezeichnung lautete Am Molkenmarkt/Ecke Molkenstraße – die ehemalige Molkenstraße ist vom heutigen Stadtplan verschwunden. Das Erkennungsmerkmal des Hauses, die an der Hausecke befestigten Walknochen, existiert bis heute.

Die Sondage am Mühlendamm

Die Ausgrabungen im Straßenbereich des Mühlendamm südlich des heutigen Nikolaiviertels fanden von Januar bis Juni 2019 statt. Die freigelegten Relikte aus 800 Jahren Stadtgeschichte sind teilweise noch unter der Asphaltdecke des Mühlendamms erhalten.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Fundamente der nördlichen Häuserzeile des historischen Molkenmarktes (Sondage 1, Mühlendamm). Von Januar bis Juni 2019 untersuchte ein Team des Landesdenkmalamtes auf einer 800 Quadratmeter messende Fläche Bebauungsreste des historischen Molkenmarktes vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. Die freigelegten Fundamente entsprechen der zum Mühlendamm ausgerichteten Front des heutigen Nikolaiviertels.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Ausgrabungen des Landesdenkmalamtes Berlin im Mühlendamm, März 2019. Die straßenseitige Front des Grabungszeltes entspricht ungefähr der historischen Fassadenfront des Molkenmarktes.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Durch Hitze deformierte Glasflasche. Aus einem nach dem 2. Weltkrieg mit Bauschutt verfüllten Keller stammt diese vermutlich bei einem Brand deformierte Flasche. Die Häuser am Molkenmarkt wurden im 2. Weltkrieg schwer beschädigt, wovon auch Brandschichten auf den Kellerfußböden zeugten. Fundort: Sondage 1, Mühlendamm.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Blaulicht. Die blaue Glühbirne stammt aus der Schuttverfüllung eines Kellers am Molkenmarkt. Eine solche Osram-Luftschutz-Blaulichtlampe diente der notdürftigen Beleuchtung während der Verdunkelung bei Luftangriffen.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Diversität. Eine Abfallgrube des 19. Jahrhunderts in einem Hinterhof der Bebauung am historischen Molkenmarkt enthielt neben vielen anderen Hausabfällen auch etliche Mineralwasserflaschen aus salzglasiertem Steinzeug. Die gemalten oder gestempelten Herstellermarken dieser im 18. und 19. Jahrhundert weit verbreiteten Gefäße helfen z.B. bei der Verfolgung von Handelswegen. Fundort: Sondage 1, Mühlendamm.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Malhornware. Der mit konzentrischen Kreisen und abstrakten Ornamenten verzierte Teller des 18. Jahrhunderts wurde mit Hilfe eines sogenannten Malhorns bemalt und mit einer Bleiglasur überzogen. Fundort: Sondage 1, Mühlendamm.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Henkeltopf. Das aus heller Irdenware auf der Töpferscheibe gedrehte Standbodengefäß besaß ursprünglich auch einen Deckel. Das Alltagsgeschirr weist es eine gelb-braune Bleiglasur auf, außen schmücken die Schulterzone nur zwei rote Engobe-Streifen. Es handelt sich um Massenware des 18. Jahrhunderts. Fundort: Sondage 1, Mühlendamm.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Mittelalterlicher Kugeltopf. Vor allem vom 13. bis zum 15. Jahrhundert gehörten Kugeltöpfe aus hartgebrannter Irdenware in nahezu jeden mittelalterlichen Haushalt. Sie wurden unter anderem als Kochtöpfe in das offene Feuer gestellt. Das vorliegende Exemplar weist als Besonderheit eine Ausgusslippe auf. Fundort: Sondage 1, Mühlendamm.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Artefakt der Eisenzeit. Im Schutt eines Kellers am Molkenmarkt, der nach Ende des zweiten Weltkriegs verfüllt wurde, befand sich eine stark korrodierte, mit zahlreichen Partikeln verbackene Nähmaschine. Fundort: Sondage 1, Mühlendamm.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Klassizistische Ofenkachel. Die weiß glasierte Kachel mit einem Palmettenmotiv aus dem späten 19. Jahrhundert weist Abplatzungen am Rand auf, die vielleicht auf Hitzeeinwirkung zurückzuführen sind. Fundort: Sondage 1, Mühlendamm.

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Autokosmetik. Shampoos der Marke Globo, die in kleinen Einheiten wie der vorliegenden Packung verkauft wurden, sind der Pflege von Autos vorbehalten. Das Unternehmen wurde 1931 gegründet. Fundort: Sondage 1, Mühlendamm

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Apothekerfläschchen. Das ca. 9 cm hohe Glasfläschchen fällt durch seine fast vollständige, in Regenbogenfarben schillernde Oberfläche ins Auge. Dieses irisierende Korrosionsphänomen wird auch als Glaskrankheit bezeichnet. Bei unsachgemäßem Umgang kann die fragile Oberfläche abplatzen. Fundort: Sondage, Mühlendamm

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Mittelalterliche Zinngussform aus Kalkstein. Die ca. 8 cm hohe Kalksteinscheibe hatte ursprünglich noch ein Gegenstück, mit dem zusammen es eine zweiteilige Gussform für Schmuckplättchen bildete. Die beiden tiefen Löcher an den Seiten dienten der passgenauen Fixierung der beiden Hälften. Die mittige Trichteröffnung nahm das flüssige Zinn auf. Fundort: Sondage, Mühlendamm, in einem neuzeitlichen Befund verlagert

  • Molkenmarkt Grabung Sondage Mühlendamm

    Haus zur Rippe am Molkenmarkt im Jahr 2019. Das bis zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 fertiggestellte Eckhaus des Nikolaiviertels am Mühlendamm/Ecke Poststraße ist dem historischen Vorgängerbau am Molkenmarkt nachempfunden. Das alte Haus stand allerdings bis zum zweiten Weltkrieg 12 m weiter südlich, also mitten auf der Fahrbahn des heutigen Mühlendamms.

Grabungsberichte

Hier finden Sie die Berichte zur Grabung am Molkenmarkt.

  • Ergebnisse der ersten Untersuchung des Landesdenkmalamtes Berlin am Molkenmarkt in Berlin-Mitte

    PDF-Dokument (1.7 MB)

Häufig gestellte Fragen zur archäologischen Grabung

Warum finden archäologische Ausgrabungen rund um den Molkenmarkt statt?

Anlass der bau- und planungsvorbereitenden Ausgrabungen ist ein ambitioniertes Bauvorhaben des Landes Berlin zwischen Nikolaiviertel und der Klosterruine. Der im Jahr 2016 vom Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedete Bebauungsplan 1-14 sieht auf einer Fläche von ca. 25.000 Quadratmetern den Neubau von Quartieren im Bereich der heutigen Grunerstraße vor. Die Blöcke werden sich an der ehemaligen Bebauung orientieren, sodass auch historische Straßenverläufe wiederhergestellt werden. Die Realisierung des „Molkenmarkt-Projekts“ hat mit den vorbereitenden Ausgrabungen und dem Straßenbau schon begonnen.

Die Baumaßnahmen werden am Ende circa ein Fünftel der mittelalterlichen Stadtfläche Berlins erfasst haben. Bei diesem Schnitt durch das historische Berlin werden zahlreiche im Boden konservierte Zeugnisse zerstört werden. Deswegen dokumentieren ArchäologInnen vorher Spuren aus 800 Jahren Berliner Geschichte.

Wo liegt eigentlich der Berliner Molkenmarkt?

Der historische Molkenmarkt in der Nähe der Nikolaikirche bildete den äußerst verkehrsgünstigen Schnittpunkt von drei Berliner Hauptstraßen: Mühlendamm, Spandauer Straße und Stralauer Straße.

Der Molkenmarkt gilt als ältester Markt Berlins: Schon im Mittelalter hieß er „Olde Markt“ (Alter Markt). Mit der enormen Verbreiterung und Begradigung der Verkehrsschneisen durch die Berliner Altstadt Ende der 1960er Jahre geriet der alte Platz unter Asphalt und Beton. Die Ortsbezeichnung Molkenmarkt wurde damals auf die neugeschaffene Platzfläche westlich des Alten Stadthauses verlegt. Dort finden derzeit Ausgrabungen statt. Der Projektname steht aktuell für das ganze Bebauungsplangebiet 1-14 zwischen Mühlendamm und Klosterruine. Nach Fertigstellung der geplanten Bebauung wird der Molkenmarkt wieder an seinen Ursprungsort zurückkehren.

Wo genau finden archäologische Ausgrabungen am Molkenmarkt statt?

Derzeit beschränken sich die archäologischen Untersuchungen auf Flächen der künftigen Bebauung, die nicht vom fließenden Verkehr beansprucht werden. Dabei handelt es sich um den Platz vor dem Alten Stadthaus (Fläche A3), den ehemaligen Parkplatz an der Gustav-Böß-Straße (Fläche B2, abgeschlossen) und die Fläche C2 rund um den Großen Jüdenhof. Erst wenn die neue Grunerstraße in Betrieb genommen worden ist, können die heutigen Straßenflächen ausgegraben werden.

Warum finden Straßenbauarbeiten am Molkenmarkt statt?

Für den Bau der geplanten Quartiere muss zuerst die Grunerstraße verschwenkt werden. Die künftige Grunerstraße wird nicht mehr in östlicher Richtung vom Mühlendamm geradeaus in den Tunnel unter dem Alexanderplatz führen, sondern um das Nikolaiviertel herumschwenken und dann am Roten Rathaus und den folgenden Gebäuden entlangführen. Der Straßenbau ist soweit fortgeschritten, dass Teilabschnitte der neuen Fahrbahn schon zu sehen sind. Die laufenden Straßen- und Leitungsbauarbeiten erfassen Bereiche, die ehemals dicht bebaut waren. Deswegen finden auch hier in der Regel baubegleitende, zum Teil auch bauvorbereitende archäologische Untersuchungen im Auftrag des Landesdenkmalamtes statt.

Wer führt die Ausgrabungen durch?

Die Ausgrabungen am Molkenmarkt werden von hochspezialisierten MitarbeiterInnen des Landesdenkmalamtes Berlin realisiert. Insgesamt sechszehn KollegInnen sind beim Landesdenkmalamt ausschließlich mit dem Molkenmarkt-Projekt beschäftigt. Die beiden siebenköpfigen Teams –pro Team zwei ArchäologInnen, GrabungstechnikerIn, DokumentarIn, FundbearbeiterIn, ZeichnerInsowie GrabungshelferIn – und die Projektleitung werden von Bundesfreiwilligen der Jugendbauhütte Berlin unterstützt. Archäologische Handarbeit fällt in unterschiedlichem Ausmaß bei jedem Teammitglied an. Die Grabungsteams werden bei groben Arbeiten wie der Beräumung schuttverfüllter Keller maschinell von einer Baufirma unterstützt.

Was tun ArchäologInnen am Molkenmarkt genau?

ArchäologInnen ergraben, dokumentieren, analysieren und interpretieren alle im Boden erhaltenen Spuren menschlicher Tätigkeit aus 800 Jahren. Sie betrachten den Untergrund von Berlin als riesigen dreidimensionalen Datenspeicher, der durch die Ausgrabung erschlossen wird. Alle daraus hervorgehenden Befunde und Funde werden nach wissenschaftlichen Kriterien ausführlich erfasst. Aus der Abfolge und dem Zusammenhang der materiellen Zeugnisse erschließen ArchäologInnen in Verbindung mit allen anderen zur Verfügung stehenden Quellen die Geschichte des Ortes. Sie verfolgen dabei unter anderem den Anspruch, sämtliche Bauaktivitäten eines Quartiers von Anfang an zu rekonstruieren und letztlich Erkenntnisse über die Bewohner zu erlangen. Oft genug kommen ArchäologInnen zu überraschenden Erkenntnissen, die nirgendwo geschrieben stehen.

Was tun GrabungstechnikerInnen am Molkenmarkt genau?

GrabungstechnikerInnen kümmern sich um die technische Umsetzung aller archäologischen Arbeiten von der Feldarbeit über die Dokumentation bis hin zur Plangestaltung. Das betrifft nicht nur handwerkliche Methoden bei den konkreten Grabungsarbeiten. Immer mehr in den Vordergrund gerückt sind Vermessung und die Erstellung von digitalen Grabungsplänen aller Art, die für eine Langzeitarchivierung geeignet sind. GrabungstechnikerInnen verfügen idealerweise über handwerkliches Geschick, frische digitale Kenntnisse und archäologisch-historisches Grundwissen.

Was tun DokumentarInnen am Molkenmarkt genau?

Da der Fortgang einer Ausgrabung mit einem sukzessiven Abbau des Bodenarchivs einhergeht, haben DokumentarInnen eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe: Sie dokumentieren jeden Grabungsbefund in dem Bewusstsein, dass er in den meisten Fällen schon bald zerstört sein wird. Die fotografische Dokumentation erfolgt vor Ort mit Digitalkameras. Im Innendienst sorgen DokumentarInnen dafür, dass die Dokumentation der Ausgrabung in eine Grabungsdatenbank eingepflegt wird. DokumentarInnen vereinen ihr Geschick im Umgang mit technischen Systemen mit hoher Sorgfalt und systematischer Vorgehensweise.

Was tun FundbearbeiterInnen am Molkenmarkt genau?

Bei den Ausgrabungen am Molkenmarkt kommen vor allem Reste alltäglicher Objekte in großen Massen ans Tageslicht: Tonscherben, Tierknochenabfälle, Glasscherben, zerbrochene Werkzeuge aller Art und vieles mehr. FundbearbeiterInnen haben die Aufgabe, die Funde zunächst zu reinigen und ihre angemessene Aufbewahrung sicherzustellen. Sie sortieren die Funde nach Gattungen, Warenarten und anderen Kriterien und erfassen sie sorgfältig in einer Datenbank.

Was tun ZeichnerInnen genau?

Die Anfertigung von maßstabsgetreuen archäologischen Handzeichnungen schult das Auge und fördert den Erkenntnisprozess erheblich. Trotz fortgeschrittener digitaler Dokumentationsmethoden sind Handzeichnungen noch immer sinnvoll und hilfreich. Auf Zeichnungen können Zusammenhänge hervorgehoben werden, die bei digitaler Dokumentation einer aufwändigen Nachbearbeitung bedürfen. Publikationen enthalten diverse Objektzeichnungen. Gute ZeichnerInnen fertigen geduldig farbechte und steingerechte Zeichnungen oder auch einfarbige Umzeichnungen von Objekten an, die neben dem wissenschaftlichen auch einen hohen ästhetischen Wert haben und nachweislich sehr langlebig sind.

Was tun GrabungshelferInnen genau?

Die sorgfältige Freilegung archäologischer Befunde ist die vornehmste Pflicht von GrabungshelferInnen. Da Erdschichten, Mauern, Gruben, Straßenhorizonte etc. äußerst vielfältig sind, müssen Vorgehensweise und Werkzeug entsprechend darauf abgestimmt werden. Die Tätigkeit von GrabungshelferInnen ist daher sommers wie winters Hand- und Kopfarbeit zugleich. Beim Abgraben der Befunde bergen sie alle darin befindlichen Objekte und achten darauf, dass die zahlreichen Funde nicht durcheinandergeraten. Dabei helfen nicht nur Fitness und Aufmerksamkeit, sondern auch handwerkliches Geschick und räumliches Vorstellungsvermögen.

Hier werden archäologische Funde gemacht. Gibt es jetzt einen Baustopp?

Nein. Im historischen Zentrum Berlins ist in der Regel davon auszugehen, dass sich zahlreiche frühneuzeitliche und mittelalterliche Strukturen im Boden erhalten haben. Diese Erfahrung wird durch Hinweise im Fundarchiv des Landesdenkmalamtes oder auch grabungsvorbereitende geophysikalische Untersuchungen untermauert. So ist es auch am Molkenmarkt. Die Flächen der künftigen Wohnquartiere werden bauvorbereitend untersucht, damit die folgenden Bauarbeiten ohne vermeidbare Verzögerungen durchgeführt werden können.

Was finden ArchäologInnen im historischen Stadtkern Berlins?

In der Mehrheit kommen am Molkenmarkt materielle Zeugnisse ans Tageslicht, die das alltägliche Stadtleben vom Mittelalter bis in die Gegenwart widerspiegeln. Diese haben sich in bis zu 4 Meter mächtigen Ablagerungen mit zahlreichen Erdschichten, Mauer- und Fundamentresten, verfüllten Kellern, Brunnen, Abfallgruben, Pfostenlöchern, Planierschichten, technischen Anlagen und vielem anderen mehr erhalten. Gerade in einer Großstadt wie Berlin geraten in Dimension, Beschaffenheit und Zeitstellung vollkommen unterschiedliche Befunde in überraschende Nachbarschaften: zum Beispiel kann ein ehemaliges Elektrizitätswerk an einen mittelalterlichen Holzkeller grenzen oder steinzeitliche Feuersteingeräte in verfüllte Bombenkrater des Zweiten Weltkriegs geraten. Die zahlreichen Objektfunde, vor allem große Massen robuster Keramikscherben und Tierknochenabfälle, decken eine Zeitspanne von der Mittelsteinzeit bis zum 21. Jahrhundert ab. Metall-, Glas-, Holz- und Steinfunde bilden den kleineren Teil des Fundmaterials.

Wohin kommen die freigelegten Mauern?

Die Mauern werden freigelegt und dokumentiert, und im Anschluss – spätestens mit Baubeginn – weitgehend abgetragen. Darunter können sich noch ältere Strukturen verbergen, beispielsweise mittelalterliche Gruben. In Einzelfällen kann entschieden werden, dass besondere Bauelemente erhalten werden sollen und als archäologische Fenster in der zukünftigen Bebauung sichtbar integriert werden.

Wenn Sie in die Neubebauung integriert werden können und sichtbar bleiben, kann von einem archäologischen Fenster gesprochen werden. In seltenen Fällen finden Blockbergungen statt, bei denen sensible und zeitintensive Befunde in Gänze geborgen und nach Freilegung und Konservierung gegebenenfalls an anderer Stelle gezeigt werden.

Was passiert mit den Funden?

Die Funde werden gereinigt und katalogisiert. Durch die Bestimmung z.B. der Keramik können wiederum die Schichten datiert werden, aus denen sie stammt. Dies wird aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Erst nach Abschluss der Untersuchungen werden alle Funde an das Museum für Vor- und Frühgeschichte übergeben. Nur ein kleiner Teil davon wird dauerhaft in Museumsvitrinen zu sehen sein.

Was sind archäologische Fenster?

Bei baulichen Zeugnissen, die Berliner Geschichte in besonderer Weise erlebbar machen – z.B. mittelalterliche Kellergewölbe oder industriegeschichtliche Relikte- ist eine Vor-Ort-Erhaltung als archäologisches Fenster möglich. Dieses bewährte Mittel zur historischen Verankerung eines Ortes findet in Berlin schon Anwendung: z.B. in der Zitadelle Spandau, in der Nikolaikirche oder auch dem Humboldt Forum. Im Idealfall sind die historischen Überreste sichtbar und begehbar in einen Neubau integriert.

Die Realisierung eines archäologischen Fensters hängt von vielen Faktoren ab: dazu gehören etwa der Erhaltungszustand, die grundlegende denkmalrechtliche Bewertung, die Möglichkeiten zur Integration des Denkmals in die Neubebauung und ein stimmiges Nutzungs- und Pflegekonzept.

Wozu sind archäologische Untersuchungen rund um den Molkenmarkt gut?

Die MitarbeiterInnen der Ausgrabungen am Molkenmarkt erschließen einen riesigen dreidimensionalen Datenspeicher vom Geburtsort Berlins. Dieses Archiv ist 800 Jahre lang gewachsen und bietet einzigartige Informationen aus erster Hand. Die sorgfältige Erfassung von äußerst vielfältigen materiellen Spuren des Stadtlebens ist der Versuch, diese einmaligen Zeugnisse zumindest als Dokumentation langfristig zu bewahren.

Gerade für die Periode der Stadtwerdung, aus der es kaum Schriftliches gibt, bietet die archäologische Methode neue und manchmal überraschende Erkenntnisse. Durch die historische Gesamtbetrachtung von tausenden von Einzelbefunden und Fundobjekten, die Hinzuziehung naturwissenschaftlicher Methoden sowie die Berücksichtigung aller sonst verfügbaren Informationen entsteht ein faszinierendes wie komplexes Bild von der Entwicklung dieser Keimzelle Berlins.

Die Ergebnisse stadtarchäologischer Ausgrabungen verleihen dem Quartier zusätzliche Attraktivität als geschichtslebendigem Ort voller Stadtkultur. Sie betten das künftige Quartier – um viele Neuigkeiten bereichert – in seine lange Geschichte ein. So kann die Identität des Ortes gestärkt werden. Stadtarchäologie hilft so auch bei der Bestimmung der Richtung, in die sich das Quartier entwickeln soll.

Kann man als interessierter Laie bei den Ausgrabungen mitmachen?

Leider nein. Die Ausgrabung wird von erfahrenen Spezialisten durchgeführt. Wir arbeiten auch mit Bundesfreiwilligen der Jugendbauhütte Berlin und studentischen Praktikanten zusammen, diese sind aber über einen längeren Zeitraum bei uns und werden von uns eingearbeitet.
Schon aus versicherungstechnischen Gründen ist eine Mitarbeit für einige Tage praktisch kaum möglich.

Muss ein Elektrizitätswerk des 19. Jahrhunderts auch ausgegraben werden?

Vor dem Denkmalschutzgesetz des Landes Berlin sind alle im Boden ruhenden Strukturen erst einmal gleich. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie einhundert, eintausend oder zehntausend Jahre alt sind. Entscheidend ist, welche historische, künstlerische, wissenschaftliche oder städtebauliche Bedeutung sie haben. Nach solchen Kriterien kann auch ein Elektrizitätswerk des 19. Jahrhunderts ausgegraben und unter Schutz gestellt werden – zumal sich darunter auch noch mittelalterliche Keller befinden können.

Haben Schatzfunde eine besondere Bedeutung?

In der Regel werden Schätze als eine ungewöhnliche Menge von Edelmetall angesehen. Aus der Sicht von ArchäologInnen sind solche sehr seltenen Funde aber nichts wert, wenn sie nicht auch einem Fundkontext, aus dem sie stammen, zugeordnet werden können. Werden einzelne Stücke aus ihrem Fundzusammenhang gerissen, wird ihr kulturhistorischer Wert und Nutzen für die Forschung zunichte gemacht. Daher haben Schatzfunde nur dann eine besondere Bedeutung, wenn auch ihr Fundzusammenhang sorgfältig dokumentiert wird.

Seit wann gibt es die Archäologie als wissenschaftliche Disziplin?

Die Archäologie ist eine relativ junge wissenschaftliche Disziplin, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt hat.

Warum lagern sich über Jahrhunderte Erdschichten so ab, dass Städte in die Höhe wachsen?

Die unermüdliche Bautätigkeit, die in städtischen Metropolen seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden stattfindet, findet in wachsenden Erdschichten ihren Niederschlag. Im Zweifel bleibt ein Straßenpflaster oder alte Fundamente im Boden, so dass die Neubauten auf Altem gründen.

Wann werden die Ausgrabungen abgeschlossen sein?

Nach jetzigem Stand (2020) werden die flächigen archäologischen Ausgrabungen bis zum Ende des Jahres 2024 andauern. Ein Großteil der künftigen Bauflächen, der momentan von der stark befahrenen Grunerstraße überlagert wird, wird erst nach der Freigabe der neuen Grunerstraße -voraussichtlich im Jahr 2022- für Ausgrabungen zugänglich sein.