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Stadtteilmütter - Vom Neuköllner Modellprojekt zum Landesprogramm

Stadtteilmütter mit ihren Zertifikaten vor dem Rathaus
Bild: BA Neukölln

Als Modellvorhaben startete im Jahr 2004 erstmals die Qualifizierung von zwölf arbeitslosen Müttern mit Migrationsgeschichte zu Stadtteilmüttern in Neukölln. Die Idee der aufsuchenden Familienberatung auf Augenhöhe durch muttersprachliche Multiplikatorinnen hat sich seither zu einem echten Erfolgsprojekt entwickelt.

Insgesamt wurden ca. 500 Neuköllnerinnen mit überwiegend türkischer und arabischer Herkunft zu Stadtteilmüttern ausgebildet. Die Frauen nehmen an einem halbjährigen Qualifizierungskurs teil, in dem sie zu den Themengebieten Bildung, Erziehung und Gesundheit geschult werden. Nach erfolgreich abgeschlossener Qualifikation geben die Stadtteilmütter ihr erworbenes Wissen an andere interessierte Mütter weiter. Auch die späteren Berufschancen der Stadtteilmütter selbst werden durch die Arbeit verbessert.

Das Angebot der Stadtteilmütter umfasst zehn aufeinander aufbauende Familienbesuche, in denen wichtige Informationen zu den genannten Themengebieten vermittelt und gezielt die Anbindung in bezirkliche Angebote gefördert wird. Dabei liegt der Fokus auf Familien mit Migrationsgeschichte, die Kinder im Alter von 0-12 Jahren haben. Sie besuchen die entsprechenden Familien zu Hause, informieren über Sprachförderung, Angebote in Familienzentren, zur Kinderbetreuung oder zum Schulsystem und vermitteln in der Kommunikation mit Kita oder Grundschule. Bis heute haben die Stadtteilmütter so rund 11.900 Neuköllner Familien erreicht und beraten.

Auszeichnung der Stadtteilmütter mit dem Frauengesundheitspreis
Bild: BA Neukölln

Am 10. April 2019 erhielten die Neuköllner Stadtteilmütter den Frauengesundheitspreis. Mit dem Preis der Initiative Women for Women wurde damit erstmals eine gemeinnützige Organisation gewürdigt, die Frauen unterstützt, ihre Gesundheit zu erhalten und diese zu verbessern, oder wie es in der Laudatio hieß „…Mütter nicht-deutscher Herkunft zu Gesundheitsbotschafterinnen in ihren Communities auszubilden…“. Die Stadtteilmütter Neukölln leisten einen ganz besonderen Beitrag zur Integration sowie Frauen- und Gesundheitsförderung. Durch ihren Einsatz werden jährlich über 1.000 Mütter mit Migrationshintergrund von anderen Müttern in ihrer Muttersprache zu Krebsvorsorge-untersuchungen informiert, aufgeklärt und sogar begleitet.

Flyer des Projektes Stadtteilmütter
Bild: BA Neukölln

Die Stadtteilmütter haben eine wesentliche „Brückenfunktion“ zwischen den besuchten Familien und den bezirklichen Angeboten inne. Als Sprach- und Kulturmittlerinnen leisten sie insbesondere für die Verwaltung und Bildungsinstitutionen besonders wertvolle Arbeit. Dabei kooperiert das Projekt sehr eng mit den Quartiersbüros, den Kindertagesstätten, Grundschulen, Familienzentren und Fachberatungsdiensten im Bezirk.

Deshalb soll sich bis 2025 die Zahl der Stadtteilmütter verdoppeln. Waren es im Sommer 2019 noch 157, die überwiegend in den Bezirken Mitte, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg im Einsatz waren, sollen es bis 2025 rund 300 werden. Der Berliner Senat hat im Sommer 2019 beschlossen, die erfolgreich evaluierte Arbeit der Stadtteilmütter langfristig zu sichern. Statt der bisherigen, unsicheren Finanzierung über verschiedene Förderwege wird die Arbeit der Stadtteilmütter nun über ein Landesprogramm auf ein festes Fundament gestellt. Bis einschließlich 2024 wird nach Angaben der Berliner Senatsverwaltung mit Ausgaben von insgesamt rund 43 Millionen Euro gerechnet.

Der rote Schal der Stadtteilmütter – ihr Markenzeichen – wird also bald in ganz Berlin noch häufiger zu sehen sein.