Quartier Napoléon

Quartier Napoléon, St. Louise-Kirche
Quartier Napoléon, St. Louise-Kirche
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner

Hauptquartier der französischen Streitkräfte (ehem. Kaserne des Luftwaffen-Infanterie-Regiments “General Göring”, heute Julius-Leber-Kaserne)

Kurt-Schumacher-Damm 41/167 in Mitte, Ortsteil Wedding
Bauzeit / -Geschichte: 1935-1939 Kasernenanlage von Oberbaurat Schneidt, Bauherr Reichsluftfahrtministerium; 1952-1953, 1955 (Emporeneinbau) Kath. St. Louis-Kirche von André Chatelain; Ausführungsleitung: Krafft, Hansrudolf Plarre (1955); 1955-1956 Kulturhaus, Kino, Hotel, Restaurant von Hans Wolff-Grohmann
Bauherr: französische Militärregierung

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Quartier Napoléon, Kino L'Aiglon
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner

Zwischen August 1945 und 1994 diente das Luftwaffen-Kasernengelände als Hauptquartier der Forces Françaises à Berlin und trug den Namen “Quartier Napoléon”.

Bereits im 19. Jahrhundert ist das Gelände westlich der Rehberge durch das Preußische Militär als Schieß- und Übungsplatz genutzt worden. Die ersten Kasernenbauten entstanden 1896 und erinnern noch heute an die frühe Geschichte der Luftfahrt, denn bis zum ersten Weltkrieg war hier das Luftschifferbataillon Nr. 1 stationiert, aus dem die deutsche Luftwaffe hervorging. Mit dieser Abteilung, der weltweit ersten Luftwaffeneinheit, begann die militärische Anwendung der Luftfahrt. Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages musste die Kaserne geschlossen werden und mehrere Unternehmen siedelten sich auf dem weiten Areal an. Ab 1928 sind die Gebäude von der Polizei genutzt worden. Nach der Umstrukturierung der Polizei stationierte hier Hermann Göring seine Spezialtruppe “Polizeigruppe zur besonderen Verwendung”, die zum militärischen Kampfverband um- und in die Reichsluftwaffe eingegliedert wurde.

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Julius-Leber-Kaserne, Schwimmhalle
Bild: la Taille, Alice

1936-39 ließ der Reichsluftfahrtminister Hermann Göring auf dem Gelände eine riesige Kaserne für das nach ihm benannte Luftwaffen-Infanterie-Regiment “General Göring” (RGG) errichten. Oberbaurat Schneidt entwarf eine aus 130 Gebäuden bestehende Soldatenstadt, die weniger monumental als großzügig und in der Fläche ausgedehnt ist. Die Kaserne wurde als “Gartenstadt für Soldaten” in aufgelockerter Bauweise errichtet. Die schlichten Gebäude, die ein bis zwei Stockwerke umfassen, erinnern an einfache, bodenständige Architektur um 1800, die vor allem von der Heimatschutzbewegung des frühen 20. Jahrhunderts propagiert wurde. Mit ziegelgedeckten Dächern, hell verputzten Wandflächen, rechteckigen Fenstern, geschmiedeten Gittern und Geländern erwecken die Häuser einen ländlichen, heimatlichen Eindruck. Hinter den Satteldächern verbirgt sich allerdings eine moderne, wehrtechnisch bedingte Konstruktion. Um die Häuser vor Bombenangriffen zu schützen, sind Stahlbetondächer mit trapezförmigem Querschnitt ausgeführt worden, die wegen ihrer Form auch “Sargdeckel” genannt wurden. Die frei stehenden Bauten, die sich in einen geometrischen, funktional angelegten Grundplan einordnen, sind von großen Grünflächen und Baumgruppen umgeben. Das annähernd dreieckige Kasernengelände wird von einer ovalen Ringstraße erschlossen. Die meisten Bauten sind spiegelsymmetrisch zur Mittelachse angeordnet. Der Haupteingang liegt an der nördlichen Ecke. In der Mittelachse erhebt sich das zweigeschossige Regimentsstabsgebäude, das mit seinem riesigen Tor monumental und repräsentativ wirkt. Über den östlichen und westlichen Arm der Ringstraße erreicht man Baugruppen, die jeweils einer Kompanie als Truppenunterkunft gedient haben. Die Innenfläche des Ovals, unterteilt durch eine Querachse, war der militärischen und sportlichen Ausbildung vorbehalten. Der Hauptplatz der Kaserne wird von zwei Turnhallen und dem Hallenbad begrenzt. Es handelt sich um moderne Stahlbetonskelettbauten mit großflächigen Fensterbahnen und Flachdach. Die Stahlbetonstützen sind mit Travertin verkleidet. Gegenüber dem Hauptplatz beginnt eine große Freifläche. Hinter dem ovalen Sportplatz liegt das Freibad. Der kleine Pavillon mit geschwungenem Spannbetondach wurde in den 1950er Jahren errichtet. Der halbkreisförmige südliche Abschnitt der Ringstraße erschließt mehrere Unterkunfts- und Versorgungsgebäude. In der Mittelachse befindet sich das mit einem klassischen Dreiecksgiebel hervorgehobene Mannschaftsheim. An der Außenseite der Ringstraße steht das Kasino der Unteroffiziere. Das Küchen- und Kantinengebäude begrenzt einen Platz mit steinernem Brunnen. Das Haus des Regimentskommandanten, eine zweistöckige Villa mit Walmdach, steht am westlichen Rand des Kasernengeländes. Die Gebäude des früheren Luftschifferbataillons Nr. 1 liegen an der südwestlichen Ecke des Kasernengeländes und wurden nach 1936 um weitere Bauten ergänzt. Die umfangreichen Wirtschafts- und Versorgungseinrichtungen, Werkstätten und Garagen befinden sich am äußeren Rand des Kasernengeländes. Der sogenannte Garagenbogen nimmt die Kreisform des mittleren Ovals auf. An der südöstlichen Ecke wurde abseits von den Mannschaftsgebäuden das Offizierskasino errichtet, das sich mit seinem ziegelgedeckten Dach und der lebhaft gegliederten Fassade in den grünen Landschaftsraum einordnet. Das Kasino verfügt über einen rustikalen Bierkeller, dessen ursprüngliche Ausstattung mit Kachelofen, Wandbildern und Bierbänken noch vorhanden ist.

Am 24./25.4.1945 wurde die Kasernenanlage durch die Rote Armee eingenommen. Im August 1945 übernahmen die französischen Besatzungstruppen die kriegsbeschädigte Kaserne, benannten sie in “Quartier Napoléon” um und bauten sie zum Hauptquartier der französischen Streitkräfte und Sitz des französischen Standortkommandanten in Berlin aus. Die Kaserne war der Mittelpunkt der französischen Streitkräfte im französischen Sektor Berlins, in ihr waren fast alle militärischen Truppenteile und Dienststellen stationiert. Der Wiederaufbau der teils schwer beschädigten Anlage dauerte von 1945 bis 1952. An die französische Zeit erinnert das Dienstgebäude des Kommandanten. Das 1936 errichtete Wirtschaftsgebäude wurde nach 1950 zum Sitz der französischen Militärregierung umgebaut. Den repräsentativen Haupteingang an der Ecke hat man mit einem weit auskragenden Vordach aus Spannbeton hervorgehoben.

Für die Soldaten und ihre Familienangehörigen, die in den benachbarten französischen Wohnvierteln lebten, wurde 1952-53 die katholische St. Louis-Kirche errichtet. Der Entwurf stammt von André Chatelain, die Ausführung leitete der deutsche Architekt Krafft. Das Gebäude am Kurt-Schumacher-Damm 129, unweit der Villa des Kommandanten, bildet mit der fensterlosen Straßenseite zugleich einen Abschnitt der Kasernenmauer. Fensterbahnen wurden nur an der Südseite ausgebildet, die zur Kaserne weist. Die St. Louis-Kirche besitzt einen einfachen, schlichten Gottesdienstraum mit offenem Dachstuhl. Die Kapelle ist am 4. und 5. Mai 1953 von Monsignore Feltin, Kardinal-Erzbischof von Paris, eingeweiht worden.

Am Kurt-Schumacher-Damm 121-123 ließ die französische Militärregierung 1955-56 ein Kulturhaus für ihre Streitkräfte errichten. Hans Wolff-Grohmann entwarf eine gestaffelte Baugruppe, die aus dem Kino L’Aiglon, einem niedrigen Querbau mit Restaurant und einem viergeschossigen Hotel besteht. Mit der eleganten Linienführung und dem großflächig verglasten Foyer ist das Kino ein Beispiel für die moderne Architektur der 1950er Jahre. Die Fassade ist wellenförmig geschwungen. Die Glasfront, unterteilt durch leiterartige Stahlsprossen, wird von einem verputzten Wandstreifen begrenzt. Ein großzügiges Foyer mit Garderobe führt in den Zuschauerraum, während eine ausschwingende Treppe über eine Empore den Rang erschließt. Der sachliche, nüchterne Kinosaal ist auch für Konzert- und Theateraufführungen eingerichtet. Der vorgelagerte Eingangsbau mit seiner zeittypischen Leuchtschrift geht in einen geschwungenen Verbindungsgang über, der durch das begrünte Gelände zum Hotel führt und dabei einen kleinen Hof einfasst. Das blockhafte Hotelgebäude wird von einem Stahlbetonskelett getragen. Das Kino ist seit 1994 geschlossen.

Die zivilen Anlagen des Quartier Napoléon wie die Kirche, das Kino oder das Schwimmbad wurden auch von den Einwohnern der benachbarten französischen Cités (Cité Pasteur, Cité Guynemer und Cité Berthezène) genutzt. 1971 öffnete erstmals das Quartier Napoléon seine Pforten zum Tag der Offenen Tür, eine bei der Bevölkerung West-Berlins beliebte Veranstaltung, die 23 Jahre lang ein fester Bestandteil der deutsch-französischen Begegnungen war.

Mit der Einheit Deutschlands endete der Auftrag der westlichen Schutzmächte in Berlin. Die französischen Streitkräfte zogen 1994 ab, das Quartier Napoléon wurde von der Bundeswehr übernommen und am 5.1.1995 nach dem SPD-Politiker und Widerstandskämpfer Julius Leber umbenannt. Heute ist die Kasernenstadt der größte Bundeswehrstandort in Berlin.