Baugeschichte

Berliner Rathaus mit Gerichtslaube, 1819 Lithografie von Lüthke
Berliner Rathaus mit Gerichtslaube, 1819 Lithografie von Lüthke Bild: Landesarchiv

Das Berliner Rathaus wurde erstmals 1380 urkundlich erwähnt. Der erste Rathaus-Bau wird südlich der Nikolaikirche am Molkenmarkt vermutet. Ende des 13. Jahrhunderts wurde das Rathaus an die heutige Spandauer-, Ecke Rathausstraße verlegt.

Vor dem Bau des jetzigen Berliner Rathauses befanden sich an dieser Stelle insgesamt vier Vorgängerbauten. Das letzte der alten Gebäude mit der Gerichtslaube – auf dem Foto zu erkennen – wurde zwischen 1692 und 1695 nach Plänen des Architekten Johann Arnold Nering durch einen Flügel erweitert. Schon 1861 wurde es wegen Baufälligkeit zusammen mit einem ganzen Häuserblock abgerissen, die Gerichtslaube von 1555 – wesentlich verändert – im Schlosspark von Babelsberg wieder aufgebaut.

1809 trat die Preußische Städteordnung in Kraft, und erstmals wurde eine Stadtverordnetenversammlung gewählt. Anfangs tagte diese im Cöllnischen, danach im Berliner Rathaus.

Das Berliner Rathaus kurz nach der Fertigstellung
Das Berliner Rathaus kurz nach der Fertigstellung Bild: Landesarchiv

Der Architektenverein zu Berlin schrieb 1856 einen Wettbewerb für einen Neubau des Berliner Rathauses aus. Keiner der sechs preisgekrönten Entwürfe, in der Königlichen Akademie der Künste am Pariser Platz ausgelegt, konnte sich durchsetzen. So wurde auch der an Hermann Philipp Wilhelm von der Hude vergebene erste Preis nicht realisiert. Hermann Friedrich Waesemann hatte an dem Wettbewerb nicht teilgenommen. Er reichte seine Entwürfe erst am 1. November ein. Nach verschiedenen Gutachten und nochmaliger Überarbeitung wurde das Projekt am 19. Juli 1860 bestätigt. Stadtarchivar Ernst Fidicin gab zum Tag der Grundsteinlegung – am 11. Juni 1861 – eine Gedenkschrift heraus.

Waesemann wurde von den Architekten Friedrich Wilhelm Otto Reißner und Bernhard Friedrich Daniel Kolscher, ein Kommilitone von W. von der Hude, unterstützt; Kolscher war hauptsächlich für die Innengestaltung des Berliner Rathauses verantwortlich. Die Decken- und Dachkonstruktionen entwarf Johann Wilhelm Schwedler. Nach Fertigstellung des ersten Bauabschnittes an der Jüdenstraße tagte der Magistrat hier erstmals am 30. Juni 1865. Das Richtfest wurde am 9. November 1867 begangen; am 6. Januar 1870 fand die erste Sitzung der Stadtverordnetenversammlung im neuen Berliner Rathaus statt.

Am 30. Juni 1871 legte Waesemann die “Schlussrechnung betreffend den Neubau des Berliner Rathauses” vor; sie belief sich auf 2 119 546 Taler und fiel um 100.000 Taler geringer aus als die Geldsumme, die ihm bewilligt worden war.

Eine Marmorbüste H. F. Waesemanns von Otto Geyer befand sich in der Bibliothek des Rathauses; sie ging leider in den Kriegswirren verloren.

Berliner Rathaus - Fenster über Hauptportal
Fenster über Hauptportal Bild: elxeneize - Fotolia.com

Das 99 × 88 m große Gebäude steht zwischen der Rathaus-, Jüden-, Gustav-Böß- und Spandauer Straße. Es beeindruckt durch seinen ungewöhnlichen Stil und Detailreichtum seiner leuchtend-roten Fassade aus Backstein. Die Vierflügelanlage im Stil der italienischen Frührenaissance mit Elementen normannischer Architektur und dem Turm nach dem Vorbild der Kathedrale von Laon (Picardie/Frankreich) ist ein architektonischer Solitär. Das Gebäude steht seit 1979 unter Denkmalschutz.

In den Jahren 1876 – 1879 wurden die Balkonbrüstungen des ersten Stockwerks mit Terrakotta-Reliefs geschmückt, die das Rathaus als Fries umgeben und die Geschichte Berlins vom 12. bis zum 19. Jahrhundert dokumentieren.

Schon 1882 wurde das Rathaus mit Fernsprechanlagen ausgestattet; 1884/1885 erfolgte mit einer eigenen Kraftstation im Hause die Umstellung von der Gaslampe auf elektrische Beleuchtung.

Mit Einführung der neuen Einheitsgemeinde von 1920 war ein Umbau des Stadtverordnetensaales unumgänglich geworden: 225 Stadtverordnete standen zur Wahl und der Verwaltungsapparat vergrößerte sich enorm. Die Diensträume reichten nicht mehr aus, so dass gegen Ende der Zwanziger Jahre ein Neubau zwischen dem Berliner Rathaus und dem nahegelegenen Stadthaus geplant werden musste. Der Entwurf, von Martin Wagner und Richard Ermisch vorgelegt, sah eine komplette Bebauung zwischen Rathaus-, Jüden-, Spandauer und Stralauer Straße einschließlich der Überbrückung von Jüden- und Rathausstraße vor, um eine Verbindung zu den älteren Verwaltungsgebäuden zu schaffen. Es sollte ein einziges städtisches Verwaltungsgebäude entstehen. Der auf der deutschen Bauausstellung in Berlin gezeigte Entwurf wurde jedoch auf Grund der schwierigen wirtschaftlichen Lage nicht verwirklicht.

In den dreißiger Jahren wurden im Rathaus Modernisierungen und Umbauten größeren Umfangs durchgeführt, die in Zusammenhang mit der Austragung der Olympischen Spiele im Jahre 1936 stehen. Mit diesen Arbeiten wurde der Architekt Richard Ermisch beauftragt.

Berliner Rathaus nach Ende des 2. Weltkriegs
Berliner Rathaus nach Ende des 2. Weltkriegs Bild: Landesarchiv

Der Wiederaufbau von 1951 bis 1955 des stark beschädigten Gebäudes durch Fritz Meinhardt veränderte die Innenarchitektur grundlegend. Viele Räume erhielten andere Funktionen, wurden stark vereinfacht oder im Stil der fünfziger Jahre neu gestaltet. Zur 750-Jahr-Feier wurde mit der Instandsetzung der Außenfassade begonnen.

Mit dem Umzug des Regierenden Bürgermeisters vom Schöneberger in das Berliner Rathaus im Oktober 1991 erfolgten umfangreiche Modernisierungs- und Umbauarbeiten unter der Leitung des Architekten Helge Pitz. Es galt, ohne größere Eingriffe in das denkmalgeschützte Gebäude, behutsam die moderne Technik von heute einzubauen. Deutliche Zeichen der Moderne sind die Aufzugstürme in den Innenhöfen und alle Installationen, wie zum Beispiel die Beleuchtung auf den Fluren.

Unter den Attributen moderner Architektur der neunziger Jahre sind die architektonischen Sedimentschichten der Entstehung 1869 und des Wiederaufbaus in den fünfziger Jahren sichtbar geblieben.

An der Außenfassade Jüdenstraße befinden sich Gedenktafeln für Wilhelm Krausnick (Oberbürgermeister von 1834 – 1862) und Hermann Friedrich Waesemann (1813 – 1879), dem Rathausbaumeister. Im großen Innenhof an der Jüdenstraße sind Gedenktafeln zur ersten Sitzung des Magistrats 1865, der ersten Stadtverordnetenversammlung 1870 und zur Feier aus Anlass des Zusammentritts des Ersten Deutschen Reichstages am 17. April 1871 in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. angebracht. Im hinteren Hofbereich macht eine Tafel auf das Verhältnis des alten preußischen Ruten-Längenmaßes zum Meter (3,766) aufmerksam.