Der Landeswahlleiter für Berlin Prof. Dr. Stephan Bröchler hat am 3. Oktober 2025 im Dom zu Brandenburg an der Havel die Festrede zum 35. Tag der Deutschen Einheit gehalten.
In seiner Rede mit dem Titel „Demokratie auf dem Prüfstand: Welche Probleme Wahlen lösen können – und welche nicht“ blickte Bröchler auf die Entwicklung der Demokratie in Deutschland seit der Wiedervereinigung. Er betonte, dass der 3. Oktober nicht nur ein Tag der Erinnerung, sondern auch ein Tag der Selbstvergewisserung sei: „Wir feiern nicht nur die Einheit unseres Landes, sondern auch die Stärke unserer demokratischen Ordnung.“
Stephan Bröchler stellte fest, dass die Demokratie weltweit unter Druck steht. Kriege, Klimakrise, wirtschaftliche Unsicherheiten, Migrationsfragen und gesellschaftliche Polarisierung stellten Politik und Gesellschaft vor große Herausforderungen. Gleichwohl widersprach er alarmistischen Diagnosen: „Die Demokratie liegt nicht auf dem Sterbebett. Aber richtig ist: Wir leben in herausfordernden Zeiten.“
Er verwies auf aktuelle wissenschaftliche Daten, die Deutschland regelmäßig unter den besten zehn Prozent der Demokratien weltweit einordnen. Dennoch zeigten Umfragen deutliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Während die Zustimmung zur Idee der Demokratie insgesamt sehr hoch sei, zeigten sich im Osten größere Zweifel am Funktionieren des politischen Systems.
Stephan Bröchler sprach von einer „doppelten Entfremdung“ vieler Bürgerinnen und Bürger: Entscheidungen würden zunehmend in Gremien getroffen, die nicht unmittelbar demokratisch legitimiert seien, und manche Menschen fühlten sich politisch nicht mehr ausreichend repräsentiert. Diese Entwicklung müsse ernst genommen werden.
Ein Schwerpunkt der Rede war die Bedeutung von Wahlen. Wahlen seien das Fundament der Demokratie, aber nicht ihre alleinige Lösungskraft. Stephan Bröchler formulierte: „Wahlen sind nicht alles, aber ohne Wahlen ist alles nichts.“
Er erläuterte fünf zentrale Funktionen von Wahlen – von der politischen Repräsentation über die friedliche Konfliktlösung bis hin zur Legitimation staatlicher Organe. Gleichzeitig machte er deutlich, dass Wahlen keine „eierlegende Wollmilchsau“ der Demokratie seien: Sie schafften die Voraussetzungen für politische Problemlösungen, ersetzten diese aber nicht.
Als Landeswahlleiter erinnerte Stephan Bröchler an die in Berlin seit 2022 erfolgreich durchgeführten Wahlen und Volksentscheide. Er hob hervor, dass ordnungsgemäße Wahlen nicht nur ein organisatorischer Prozess, sondern Ausdruck lebendiger Demokratie seien: „Wahlen begeistern die Bürgerinnen und Bürger für die Demokratie – sowohl die Wählenden als auch die vielen tausend ehrenamtlichen Wahlhelferinnen und Wahlhelfer.“
Abschließend richtete Stephan Bröchler den Blick in die Zukunft. Angesichts multipler Krisen und einer zunehmenden Infragestellung demokratischer Institutionen müsse die Widerstandsfähigkeit von Demokratie und Wahlen gestärkt werden. „Demokratie braucht Resilienz – gegen Angriffe von außen wie von innen“, sagte Bröchler.
Er warnte vor einer Aushöhlung der Unabhängigkeit von Wahlorganen und erinnerte an internationale Beispiele, in denen demokratisch gewählte Regierungen versucht hätten, Wahlbehörden zu beeinflussen. Auch in Deutschland sei die Neutralität der Wahlleitungen öffentlich diskutiert worden.
Mit Blick auf die Zukunft entwarf Bröchler drei mögliche Entwicklungspfade: ein „Weiter so“, eine „illiberale Demokratie“ oder die „Demokratisierung der Demokratie“. Nur Letztere verspreche mehr Stabilität und Vertrauen.
Zum Abschluss rief Stephan Bröchler dazu auf, Demokratie aktiv zu leben: durch Engagement in Parteien, in der Zivilgesellschaft und durch Teilnahme an Wahlen. „Das Tun zeigt das Wollen“, sagte er und schloss mit einem Zitat, das Max Frisch zugeschrieben wird: „Die Zukunft ist unvermeidlich. Wie also wollt ihr sie gestalten?“
Der vollständige Redetext kann im Folgenden heruntergeladen werden.