Antisemitismus in Neukölln

Grafitty auf Stein

3. Teil einer Veranstaltungsreihe der VHS Neukölln zur lokalen Geschichte und Gegenwart des Judenhasses 2024/25

Antisemitische Ressentiments und Angriffe waren in Neukölln bereits vor dem 7. Oktober 2023 gehäuft zu verzeichnen, haben aber seitdem massiv zugenommen. Dabei werden oft Menschen angegriffen, die selbst das militärische Vorgehen Israels in Gaza verurteilen. Wie kann jedoch ein friedvolles Zusammenleben hier, fern des Konflikts, gelingen? Und warum ist Antisemitismus weiterhin zu ächten?
Im letzten Teil der seit Herbst 2024 durchgeführten Veranstaltungsreihe wird in Diskussionsrunden, Lesungen und Workshops informiert und zum Dialog eingeladen. Betroffene, Fachleute und Engagierte sprechen über die aktuelle Situation und darüber, was man tun kann, um Haltung zu zeigen gegen den Antisemitismus.

Die Veranstaltungen sind kostenlos. Um Anmeldung auf der VHS-Website oder per E-Mail wird gebeten: www.berlin.de/vhs-neukoelln/ oder veranstaltung@vhs-neukoelln.de

Zu den einzelnen Veranstaltungen:

Schon wieder: Antisemitismus in Neukölln

Kaum ein Ort wird so häufig genannt, wenn über Judenfeindschaft und Israelhass in Deutschland geredet wird. Neonazistische Anschlagserien und antiisraelische Kundgebungen haben den Bezirk in Verruf gebracht. Nicht erst seit dem Terroranschlag des 7. Oktober steht Neukölln im medialen Fokus und am Pranger der politischen Öffentlichkeit. Jahrzehntelanges Engagement für die Aufarbeitung der Judenverfolgung im Nationalsozialismus, zur Erinnerung und Reaktivierung jüdischen Lebens – gescheitert?
Henning Holsten, Historiker und Kurator der Veranstaltungsreihe wirft in seinem Einführungsvortrag einen Blick zurück nach vorn. Von der Lokalgeschichte der NS-Verbrechen und der Vergangenheitsbewältigung , mit denen wir uns in den vorangegangenen Semestern beschäftigt haben, den Debatten über alte und neue Formen des Antisemitismus zu den Konflikten der Gegenwart. Ein Überblick der folgenden Veranstaltungen stellt konkrete Ansätze und Initiativen vor, diese Probleme zu benennen und zu überwinden.
Henning Holsten ist Historiker, Ausstellungsmacher und Stadtführer. Seit über zehn Jahren forscht er zur Geschichte seines Heimatbezirks und bietet Bildungsveranstaltungen u.a. für die VHS Neukölln an.

Ort: Kurt-Löwenstein-Haus, Raum 008
Termin: 10.9., 18:30 Uhr

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Was ist Antisemitismus? Definitionen, Debatten, Konsequenzen

„Das Gerücht über die Juden“ (T.W.Adorno) ist sehr viel älter als der Holocaust und keine deutsche Erfindung – doch seit dem Zivilisationsbruch der Nationalsozialisten ist es verpönt, sich öffentlich als Antisemit zu bekennen. Judenfeindliche Einstellungen sind zwar nie verschwunden aus der deutschen Gesellschaft, doch äußern sie sich nach 1945 in der Regel verdeckt, etwa als Leugnung der NS-Verbrechen oder Israelkritik. Begriffe und Definitionen sind deshalb nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Debatten, sondern auch des politischen Streits um die Lehren aus einer Geschichte, die sich nie wiederholen soll.
Ist der Antisemitismus archaisches Relikt oder moderne Ideologie, Vorurteil oder Weltanschauung, links oder rechts, einzigartiger Judenhass oder eine Spielart des Rassismus, vergleichbar mit anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit? Dies sind nicht nur akademische Fragen, wenn sie in Zusammenhang mit polarisierenden Kontroversen um Migrationspolitik, Postkolonialismus oder Nahostkonflikt diskutiert werden.
Peter Ullrich und Klaus Holz sind ausgewiesene Experten und Autoren des Sammelbandes Was ist Antisemitismus? Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft.

Ort: Kurt-Löwenstein-Haus, Raum 008
Termin: 19.9., 18:30 Uhr

Weitere Informationen und Anmeldung

Rechter Judenhass. Extremistische Ideologien, Akteure und Strukturen

Lange Zeit geächtete völkische Ideologien und rechtsextreme Organisationen befinden sich seit Jahren im Aufwind – auch in Neukölln. Eine Serie politischer Straftaten von Hakenkreuzschmierereien und Schändungen von Gedenkzeichen an Opfer des Naziregimes bis zu Brandanschlägen auf bekannte Antifaschisten ist seit Jahren unter dem Schlagwort „Neukölln Komplex“ Gegenstand gerichtlicher Verhandlungen und öffentlicher Debatten.
Deutschnationale Demagogen sind seit Jahrzehnten v.a. im Süden des Bezirks aktiv und seit den späten 1980er Jahren auch immer wieder mal in der BVV vertreten. Migrantische Rechtsextremisten wie die türkischen Grauen Wölfe und arabische Djihadisten teilen Vorstellungen von ethnischer Homogenität, militantes Auftreten und Sehnsucht nach autoritärer Führung. Auch Israelhass wird in diesen Kreisen offen artikuliert.
Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin beobachtet seit vielen Jahren die rechte Szene in Berlin und Neukölln. Simon Brost wird Auskunft geben über historische Entwicklungen und aktuelle Bedrohungen.

Ort: Rathaus Neukölln, Bat Yam-Zimmer
Termin: 25.9., 19-21 Uhr
Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich [fällt aus]

Weitere Informationen und Anmeldung

Die Sonnenallee. Alltag und Ausnahmezustand

Shisha-Bars, Zuckerbäcker und Falafel-Läden – seit mehreren Jahrzehnten gilt der nördliche Teil der Sonnenallee als Berlins „arabische Straße“. Klischees vermengen sich dabei mit harten sozialen Realitäten. Seitdem hier am 7. Oktober 2023 Hamas-Sympathisanten den Terrorangriff auf Israel mit der Verteilung von Baklavas feierten, kippte das ambivalente Bild ins Negative und wird seitdem von Berichten über antiisralische Kundgebungen, Krawalldemos und Polizeieinsätze beherrscht.
Als Symbol für gescheiterte Integration, Ghettoisierung und „No-Go-Area für Juden“ hat die Sonnenallee traurige Berühmtheit erlangt – und hat doch an ihrer Popularität als multikulturelle Begegnungstätte, Einkaufs- und Ausgehmeile wenig eingebüßt. Gemeinsam mit Journalisten und Publizisten, die als Anwohner und Besucher den Kiez seit Jahren kennen, wollen wir die Medienberichterstattung aus dem Krisengebiet auf den Prüfstand stellen.
Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier und taz-Journalist Jan Feddersen haben 2016 und 2024 Bücher über „ihre“ Sonnenallee geschrieben. Die deutsch-arabische Journalistin Sineb El Masrar publiziert seit Jahren zu Islamismus und Antisemitismus in der hiesigen arabischen Community.

Ort: Klunkerkranich in den Neukölln Arcaden, Karl-Marx-Straße 66
Termin: 07.10., 19-21 Uhr

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Mythen und Streitpunkte des Nahostkonflikts

Nicht erst seit dem 7. Oktober wird der Nahostkonflikt auch auf Berliner Straßen sichtbar. Der Slogan „Brennt Gaza, brennt Berlin!“ stand 2024 an Neuköllner Hauswänden. Solidaritätsappelle und Kampfansagen für und wider die Konfliktparteien polarisieren die politische Debatte, bis hinein in die Bezirkspolitik.
Historische Narrative über die erfolgreiche Gründung und Verteidigung des Staates Israel und den bisher gescheiterten Aufbau eines Palästinenserstaates spielen dabei eine wichtige Rolle. Schlagworte wie „Terror“ und „Widerstand“, „Besatzung“ und „Apartheid“, „Siedlerkolonialismus“ und „Genozid“ triggern dabei Emotionen und Analogien, die mit der Realität des Konfliktes oft wenig zu tun haben.
Der Nahostexperte Tom Khaled Würdemann von der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg ist Autor der Broschüre „Welcher Fluss, welches Meer? Eine Einordnung der Mythen und Streitpunkte des Israel-Palästina-Konflikts“, die 2024 in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank erarbeitet wurde.

Ort: Rathaus Neukölln, Bat Yam-Zimmer
Termin: 10.10., 19-21 Uhr
Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich

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Miteinander reden. Interreligiöser Dialog im House of One

Martin Luthers judenfeindliche Schriften und fanatische „Deutsche Christen“ in der NS-Zeit, islamistische Hassprediger und Nazikollaborateure – Religion als Ursache und Rechtfertigung antijüdischer Ressentiments war bereits wiederholt Thema unserer Veranstaltungsreihe.
Am Beispiel des überkonfessionellen Projektes des Berliner House of One wollen wir nun erinnern an die gemeinsamen historischen, theologischen und ethischen Wurzeln der drei großen abrahamitischen Glaubensgemeinschaften. Rabbiner Andreas Nachama, Imam Kadir Sanci und Pastorin Marion Gardei stellen vor, wie Religionen Menschen zusammenbringen statt sie zu trennen.
Gastgeber ist die Rixdorfer Brüdergemeine, deren Geschichte gleichermaßen von religiöser Verfolgung und Vertreibung wie Toleranz und Versöhnung geprägt ist.

Ort: Kirchsaal der Böhmischen Brüdergemeine, Kirchgasse 14
Termin: 12.10., 19-21 Uhr

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Hummus, Habibis! Kochen gegen Vorurteile

In diesem besonderen Workshop verbinden wir gemeinsames Kochen mit politischer Bildung. Wir entdecken köstliche Rezepte aus der israelischen, arabischen und jüdischen Küche und setzen uns gleichzeitig mit Antisemitismus und verbreiteten Vorurteilen auseinander. Beim gemeinsamen Zubereiten von Hummus, Shakshuka, Challah und Babka sprechen wir über kulturelle Vielfalt, religiöse Traditionen und die Geschichten hinter den Gerichten. Es geht um weit mehr als ums Essen – nämlich um Austausch, Begegnung und das bewusste Auseinandersetzen mit antisemitischen Bildern, Sprache und Denkmustern im Alltag.

Der Workshop schafft Raum für Sensibilisierung und Dialog, vermittelt Wissen über jüdisches Leben heute und fördert interkulturelles Verständnis – durch die Freude am gemeinsamen Kochen und Genießen. Eingeladen sind alle, die Interesse an Kultur, Kulinarik und gesellschaftlichem Zusammenhalt haben. Es sind keinerlei Vorkenntnisse nötig – weder in der Küche noch im Thema. Beim Kochen bauen wir Brücken, und mit Wissen treten wir Vorurteilen entgegen.

Shay Dashevsky, deutsch-israelischer Küchenchef und Friedensaktivist, engagiert sich seit Jahren in seiner Wahlheimat Berlin für gute Küche und Verständigung.

Ort: Kurt-Löwenstein-Haus, Lehrküche Raum 211
Termin: 16.10., 17-21 Uhr
Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich

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Gegen Terror und Hass. Palästinensisch-israelische Brückenbauer

Die Eskalation des Gazakrieges seit dem Terrorangriff der Hamas stellt Israelis wie Palästinenser auch in der Diaspora vor ein Loyalitätsdilemma. Erfordert die Verteidigung jüdischen Lebens die bedingungslose Unterstützung der Kriegspolitik der israelischen Regierung? Kann eine Bewegung, die den Terrorismus und die Gewaltherrschaft der Djihadisten als Teil des Widerstands akzeptiert und zur „globalen Intifada“ aufruft, im Interesse der notleidenden palästinensischen Bevölkerung sein?
Während in Israel Hunderttausende gegen ihre Regierung demonstrieren können, riskiert in Gaza immer noch sein Leben, wer gegen die seit 2006 herrschende Hamas protestiert. Auch in Berlin, wo die größte palästinensische Exilgemeinschaft Europas beheimatet ist, wagen nur wenige öffentliche Kritik an radikalantisemitischen Scharfmachern und Hasspredigern.
Zu diesen Wenigen zählt Hamza Howidy, der 2023 vor dem Terrorregime aus Gaza flüchtete. Gemeinsam mit dem „propalästinensischen Zionisten“ Shay Dashevsky, Mitbegründer der Initiative Civil Watch Against Antisemitism, wirbt er mit dem Format „Let’s Talk – Voices from Gaza and Israel“ für eine Verständigung – ohne die Islamisten. Begleitet werden die beiden Friedensaktivisten von der Historikerin Verena Buser, Holocaustforscherin, die ihr Publikationsprojekt zur Sammlung moderater arabischer Stimmen zum Nahostkonflikt vorstellen wird.
Die Diskussion wird auf dem Podium in englischer Sprache geführt. Fragen können auf Deutsch gestellt werden.

Ort: Rathaus Neukölln, Bat Yam-Zimmer
Termin: 31.10., 19-21 Uhr
Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich

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Zwischen Hass und Haltung

Gibt es einen spezifisch „muslimischen“ Antisemitismus? Oder dient die Rede vom „importierten“ Antisemitismus nur der Entlastung der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die immer weiter nach rechts rückt? Schadet die Legitimierung von antimuslimischen Vorurteilen womöglich dem Kampf gegen judenfeindliche Ressentiments?
Derviş Hızarcı, gebürtiger Rixdorfer und gläubiger Muslim, setzt als dialogorientierter Pädagoge darauf, dass gerade die Anerkennung eigener Diskriminierungserfahrungen die Bereitschaft schafft, auch die Diskriminierung Anderer zu erkennen und zu überwinden. Als Geschichtslehrer, Referent im Jüdischen Museum Berlin und Vorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) konnte er diesen Ansatz mit Kindern und Jugendlichen praktisch erproben. Politische Erfahrungen sammelte er zudem als Aufsichtsratsvorsitzender der Türkischen Gemeinde zu Berlin und Antidiskriminierungsbeauftragter der Berliner Senatsverwaltung.
Sein Buch „Zwischen Hass und Haltung. Was wir als Migrationsgesellschaft lernen müssen“ (2024) verbindet Autobiographisches mit den Erfahrungen und Lehren aus dieser langjährigen Bildungspraxis.

Ort: Helene-Nathan-Bibliothek
Termin: 7.11., 18:00-20:00 Uhr

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Antisemitismus. Das Gerücht über die Juden

Die Verachtung jüdischer Traditionen und die Ablehnung von Jüdinnen und Juden haben eine lange Geschichte, die immer wieder zu Hass und Gewalt führen. In Deutschland werden jüdische Einrichtungen heute von der Polizei geschützt.

Der Workshop des Jüdischen Museums Berlin verfolgt die Ziele, über unsere heutige Gesellschaft nachzudenken und antisemitische Äußerungen und Handlungen zu erkennen. Vorstellungen, Denkprozesse und Erfahrungen der Teilnehmenden werden in dem offenen Gesprächsraum einbezogen. Sie üben sich darin, die Perspektive zu wechseln und ein eigenes Urteil zu bilden.

Ort: Kurt-Löwenstein-Haus, Raum 105
Termin: 13.11., 18-21 Uhr
Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich

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Heult leise, Habibis!

Wo liegt die Grenze zwischen Islam und Islamismus – und wer zieht sie? Werden Muslime diskriminiert, wenn man von ihnen eine eindeutige Distanzierung von islamistischen Terroranschlägen und antisemitischen Ideologien verlangt – oder wenn man sie von einer Kritik ausnimmt, der sich die christlichen Kirchen und die deutsche Mehrheitsgesellschaft seit langem stellen (mußten)? Dient die Abwehr eines „antismuslimischen Rassismus“ womöglich auch der Immunisierung gegen aufgeklärte Selbstkritik und säkulare Werte?
Die deutsch-marokkanische Journalistin Sineb El Masrar gründete 2006 das multikulturelle Frauenmagazin „Gazelle“ und war 2010 bis 2013 Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Als Feministin und gläubige Muslima kritisiert sie in ihren Büchern islamistische Tendenzen, insbesondere in Bezug auf reaktionäre Geschlechterhierarchien und antijüdische Vorurteile.
In ihrem jüngsten Buch „Heult leise, Habibis! Wie Ignoranz und Dauerempörung unsere Gesellschaft spalten“ (2024) fordert El Masrar Integration durch Akzeptanz demokratischer Werte und plädiert für eine offene Streitkultur.

Ort: Helene-Nathan-Bibliothek
Termin: 21.11., 18:00-20:00 Uhr

Weitere Informationen und Anmeldung

Hinweise zu den Veranstaltungen

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenfeindliche Äußerungen in Erscheinung treten, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.
Während der Veranstaltung sind Ton- und Filmaufnahmen nicht gestattet, um die Privatsphäre aller Teilnehmenden zu respektieren.
Es gilt die Hausordnung des jeweiligen Veranstaltungsortes.