Großer Andrang bei Gedenkstätten: Doch Zeitzeugen schwinden

Großer Andrang bei Gedenkstätten: Doch Zeitzeugen schwinden

Die Gedenkstätten in den ehemaligen Nazi-Konzentrationslagern in Brandenburg zeigen hautnah grauenhafte Geschichte. Noch erlebbarer wird der Schrecken durch Erzählungen von überlebenden Opfern. Doch die Zeitzeugen schwinden.

Gedenkstätte Sachsenhausen

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Eine Besuchergruppe geht an einer Außenmauer des früheren Konzentrationslagers Sachsenhausen entlang. Foto: Bernd Settnik/Archiv

Sachsenhausen (dpa/bb) - Fast 75 Jahre nach Kriegsende müssen Brandenburger Gedenkstätten, die an Leid und Tod in den Konzentrationslagern erinnern, zunehmend alternative Wege beschreiten. «Zeitzeugen sterben und können nicht mehr der jüngeren Generation berichten», sagte Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, der Deutschen Presse-Agentur. Das gelte inzwischen auch für ehemalige Inhaftierte des sowjetischen Speziallagers.
Die meist Hochbetagten bringen persönlich Erlittenes, ihre Erlebnisse und Erfahrungen anderen Menschen ganz nahe. Das berühre auf besondere Weise, weil der Mensch einem gegenüber sitze. «Das ist nicht zu ersetzen», sagte Drecoll.
«Die eindrucksvollen Erfahrungen der Überlebenden sind nicht einfach durch andere Medien oder Techniken in den Ausstellungen zu ersetzen», sagte Drecoll angesichts der sinkenden Zahl von Zeitzeugen. Auf den Übergang hätten sich die Gedenkstätten aber seit längerem vorbereitet, indem auf andere Träger der Erinnerungen zurückgegriffen werde. Es gebe Dokumente und Objekte, die das Geschehen beleuchten, aber auch die bereits erfassten Erinnerungen der einstigen Häftlinge. Sie seien archiviert auf Tonband oder Video und müssten künftig verstärkt genutzt werden.
Die verbliebenen Zeitzeugen, die Furchtbares durchlitten haben, seien trotz ihres Alters unermüdlich aktiv. «Sie wollen, dass andere davon erfahren und nehmen die Strapazen von Reisen und die Teilnahme an Veranstaltungen und Gesprächsrunden auf sich. Sie wollen, dass wir aus ihren Erfahrungen lernen», sagte Drecoll.
Im KZ Sachsenhausen waren zwischen 1936 und 1945 mehr als 200 000 Menschen inhaftiert, Zehntausende kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit sowie Misshandlungen und Taten der SS um.
Die Zahlen der Besucher liegen in den Einrichtungen der Brandenburger Stiftung mit den Gedenkstätten in den ehemaligen KZ Sachsenhausen und Ravensbrück, der Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald sowie der Gedenkstätten in Brandenburg/Havel und in Potsdam im ehemaligen Gefängnis der sowjetischen Spionageabwehr bei etwa 900 000 im Jahr.
Nach wie vor sei der Andrang groß, sich an den Orten der Verbrechen mit den Gräueltaten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und mit der Nachkriegszeit auseinanderzusetzen. «Nationalsozialismus und seine Nachwirkungen haben eine globale Dimension», sagte er. Gäste aus ganz Europa, aus Asien oder den USA kämen vorbei. «Darunter sind nach wie vor sehr viele junge Menschen», sagte Drecoll.
Das Interesse an zeitgeschichtlichen Themen lasse nicht nach, sagte der Stiftungsdirektor, der seit Juni im Amt ist. Wechselausstellungen werden konzipiert, mit denen auch neue Aspekte und Themen angesprochen werden. «Nachwachsende Generationen haben neue Fragen an die Geschichte, darauf müssen wir reagieren», sagte er.
«Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Themen über die Zeit des Nationalsozialismus noch unerforscht sind», sagte Drecoll. 2020 werde der 75. Jahrestag Befreiung vom Nationalsozialismus begangen und auch der Befreiung der Häftlinge aus den Konzentrationslagern. Es sei immer noch zu wenig über die Interaktion zwischen den Lagern und ihrer Umgebung bekannt. «Zum Beispiel: wie verhalten sich Gesellschaften, wenn ein KZ sich mitten in der Nachbarschaft befindet und was geschieht in den Monaten nach dem Ende der NS-Herrschaft», sagte er. Da gebe es noch viele Fragen, die geklärt werden müssen.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Montag, 7. Januar 2019 08:20 Uhr

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