Potsdamer NSU-Ausschuss durchleuchtet Neonazi-Szene

Potsdamer NSU-Ausschuss durchleuchtet Neonazi-Szene

Der Potsdamer NSU-Untersuchungsausschuss will Licht in die Neonazi-Szene bringen. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen wird ein wichtiger Zeuge vernommen - mit teils bizarrem Verlauf.

Potsdam (dpa/bb) - Unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen hat der NSU-Untersuchungsausschuss des Potsdamer Landtags versucht, Licht in die Neonazi-Szene der 1990er Jahre zu bringen. Der Potsdamer Sänger einer rechten Musikgruppe berichtete, er habe ein freundschaftliches Verhältnis zu dem damaligen V-Mann «Piatto» gehabt. Auch er sei von der Polizei angesprochen worden, als «Spitzel» zu arbeiten. Kontakte mit dem späteren NSU-Trio habe er allerdings nicht gehabt.
Der Ausschuss vernahm den Zeugen in einem Raum ohne Journalisten und Zuschauer - diese konnten lediglich eine Audioübertragung in einem anderen Raum verfolgen. Zudem war die Polizei im Landtagsgebäude aus Sicherheitsgründen stark präsent.
In den 1990er Jahren hatte der Sänger einmal in einem Gebäude in Chemnitz übernachtet, in dem vorübergehend auch das damals flüchtige Neonazi-Trio gewohnt haben soll. «Ich habe die Leute da nicht getroffen», sagte er.
Allerdings sagte er auch, wenn er gefragt worden wäre, untergetauchten Leuten auf der Flucht vor der Polizei zu helfen: «Ich hätte geholfen.» Er sei aber nicht gefragt worden. Er wisse auch nichts von Leuten, die Kontakte zum NSU-Trio gehabt hätten. Auch auf den Vorhalt der Linken-Abgeordneten Isabelle Vandre, sie halte die Aussage für unglaubwürdig, blieb der Zeuge dabei.
Die Vernehmung verlief streckenweise bizarr. Der Vorsitzende des Ausschusses, Holger Rupprecht (SPD), ermahnte den Mann, keine vulgären Begriffe wie «Drecksau» zu benutzen. Bestimmte Treffen der Neonazi-Szene beschrieb der Zeuge als «Essen, Trinken, Polizeieinsatz.» Zur Frage, über was man sich unterhalten habe, meinte er, über alles Mögliche. «Ficken, saufen, kloppen», ergänzte er.
Der Band-Sänger sagte, der Staatsschutz der Polizei habe in den 1990er Jahren versucht, ihn bei Vernehmungen als Spitzel anzuwerben. Dabei hätten Beamte auf seine bescheidene finanzielle Situation verwiesen. Er habe Aufgaben abgelehnt: «Ich habe mich auf keine Deals eingelassen.»
Am Montag hatte der Ausschuss den früheren Verfassungsschutz-V-Mann «Piatto» als Zeugen gehört, der über die Szene Brandenburgs und anderer Bundesländer berichtet hatte. Der Band-Sänger sagte, «Piatto» habe in der damaligen Szene erfolgreich für die rechtsextreme NPD geworben. Die Partei hätte ohne «Piatto» in Potsdam keinen Fuß auf den Boden bekommen.
Der Ausschuss soll klären, ob der Brandenburger Verfassungsschutz Hinweise von «Piatto» zu dem späteren NSU-Trio ausreichend an andere Behörden weitergegeben hat. Von Interesse ist auch, inwieweit ein bezahlter V-Mann die rechte Szene damals aktiv unterstützt hat.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: 15. Juni 2018