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Neue Nachbarschaft

Keizersgracht Kanal in Amsterdam, Niederlande
Bild: Anibal Trejo - Fotolia.com

„Es ist soweit
ich bin bereit zu geh´n
die Kisten sind gepackt
die Zimmer stehen leer
Die Zeit war schön mit dir
Und ich denke noch gerne daran“

So oder so ähnlich hätten es wohl die Musiker der Münchner Freiheit beschrieben. Ich fasse mich kürzer und bedanke mich ganz herzlich bei Jan Braat, Niene Oepkes und den weiteren Kolleg*innen in Utrecht für eine sehr interessante Zeit mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen. Das Kennenlernen eines anderen Systems der Unterbringung und Integration Geflüchteter hat meine Sicht auf die eigene Arbeit bereichert. Sowohl im täglichen Arbeitsalltag (Co-Working-Space) als auch in der theoretischen Erarbeitung und praktischen Umsetzung von Konzepten und Projekten / Maßnahmen haben mir die vergangenen 4 Wochen neue Impulse gegeben.

Die letzte Woche des Aufenthalts war diesbezüglich keine Ausnahme und stand im Zeichen der Unterbringung von Geflüchteten. So wurde ich einerseits über das Projekt „Place 2 BU“ informiert, dass von einer lokalen Wohnbaugesellschaft durchgeführt wird. Dieses Projekt richtet sich an die Zielgruppen der 23- 35 jährigen Niederländer*innen, auf Geflüchtete mit einem Aufenthaltsstatus und Jugendliche, die aus dem betreuten Wohnen kommen und (wieder) selbstständig wohnen können/wollen. Den beiden letztgenannten Gruppen wird gemeinsam knapp die Hälfte der, auf Einzelhaushalte ausgelegten, Wohnanlage zur Verfügung gestellt. Auf jeder Etage befindet sich neben den Apartments ein Gemeinschaftsraum, der allen Bewohner*innen offen steht. Darüber hinaus fungieren zwei Bewohner*innen pro Etage als „Pacemaker“, deren Aufgabe hauptsächlich im Community-building durch das Initiieren von Austauschformaten zum (ersten) Kontakt innerhalb der Wohnanlage besteht.

Andererseits lernte ich in Socius einen weiteren Kooperationspartner der Gemeente Utrecht für die Unterbringung von Geflüchteten kennen. Socius verfolgt ebenfalls das Ziel einer wohnräumlichen Durchmischung und das Herausbilden einer diversen Hausgemeinschaft, die sich ergänzt und unterstützt. Man versucht bereits beim Errichten bzw. Renovieren der Wohnungen die (späteren) Mieter miteinzubeziehen. So werden alle Aufgaben im und am Haus, soweit möglich, in den Aufgabenbereich der Bewohner*innen übergeben. Unter der Aufsicht eines Bauunternehmers können die Bewohner*innen so erstens durch ihren Arbeitseinsatz im Baulichen und zweitens durch das Übernehmen verschiedenster Aufgaben wie Putzen, Organisation von Veranstaltungen etc., befristete Mietminderungen für sich generieren. Darüber hinaus wird durch das direkte Involvement die Verbindung zwischen Wohnanlage, Community und Bewohner*in gestärkt. Auch bei der Auswahl der Mieter*innen wird ein vergleichsweise unkonventioneller Weg gegangen und ein Hauptaugenmerk auf die Motivation der Bewerber*innen gelegt. So müssen beispielsweise an vielen Standorten die potentiellen Mieter*innen den Bewerbungsunterlagen ein Schreiben zu ihrer avisierten zukünftigen Rolle innerhalb der Community, ihren Fähigkeiten und Zielen beilegen. Davon unabhängig wird auf eine Einbeziehung von Geflüchteten in die Wohnanlagen geachtet. Beide Projekte werden mit Geldern der Gemeente bezuschusst.

Mit den Erfahrungen der letzten 4 Wochen im Gepäck freue ich mich nun wieder auf Friedrichshain-Kreuzberg, die Schlangen vor dem neuen „Mustafas Gemüsedöner“ und „Curry 36“ und vor Allem darauf, die neuen Erfahrungen in die (praktischen) Arbeit einfließen zu lassen.

Julian Pilot