Den Menschen eine Perspektive geben, die keine Perspektive mehr haben“ – die SIEFOS-Einrichtung für wohnungslose Menschen in der Waldemarstraße

Dennis Gauglitz und sein Team von der SIEFOS sind stolz auf das eigene Konzept, dass es so selten gibt in Einrichtungen für wohnungslose Menschen

Dennis Gauglitz und sein Team von der SIEFOS sind stolz auf das eigene Konzept, dass es so selten gibt in Einrichtungen für wohnungslose Menschen

Dennis Gauglitz leitet zusammen mit Yvonne Böhm die SIEFOS-Einrichtung in der Waldemarstraße. Gemeinsam mit Yvonne Böhm bildet er ein eingespieltes Leitungsteam. Während er die administrativen und kaufmännischen Aufgaben verantwortet, übernimmt Yvonne Böhm mit ihrer fachlichen Kompetenz die Leitung des Sozialdienstes. Durch diese klare Aufgabenverteilung ergänzen sich beide Bereiche optimal und schaffen gemeinsam eine verlässliche Grundlage für die tägliche Arbeit. Sein beruflicher Weg begann zunächst in einem Handelsunternehmen im Vertrieb. Als er auf die SIEFOS aufmerksam wurde und dort eine Stelle frei war, entschied er sich jedoch für einen Wechsel. „Die Arbeit mit Menschen“, erzählt er, „gibt mir deutlich mehr und macht mich glücklicher“.

Als Leiter des Sozialdienstes ist Dennis Gauglitz für die administrativen und kaufmännischen Aufgaben der Einrichtung zuständig. Gleichzeitig gehört auch die Sozialarbeit zu seinem Arbeitsbereich.

27 Jahre SIEFOS: Von Protesten zu Akzeptanz

Die Einrichtung besteht mittlerweile seit 27 Jahren. Gegründet wurde sie 1999, damals noch in der Mühlenstraße. 2004 erfolgte der Umzug in die Kreuzberger Waldemarstraße. „Anfänglich gab es Proteste der Nachbarschaft gegen die Einrichtung“, erzählt er. Sie waren damals gegen den Einzug der Einrichtung. Heute ist das Verhältnis ein ganz anderes: Die Anwohner*innen haben die Einrichtung akzeptiert und unterstützen sie sogar, beispielsweise mit Kleider- oder Sachspenden.

Grundsätzlich ist die SIEFOS eine klassische Unterbringungsstätte für obdachlose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen, die auf Grundlage des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (ASOG) in Berlin behördlich eingewiesen werden. So, wie es sie an verschiedenen Orten in Berlin gibt. Über die Wohnhilfe werden obdachlose Menschen zugewiesen, die einen Heimplatz benötigen. Das Angebot der SIEFOS geht weit über das eines klassischen Wohnheims für wohnungslose Menschen hinaus.

Letzte Zuflucht und Begleitung: Wie die SIEFOS Menschen in extremen Lebenslagen auffängt

„Die normalen Bedarfe der Menschen, die wir von der Straße aufnehmen, können wir nicht ordentlich mit nur einem normalen Zimmer abdecken“, erklärt der engagierte Leiter. Viele Bewohner*innen sind suchtkrank, andere haben psychische Erkrankungen oder erhebliche körperliche Beeinträchtigungen. Teilweise besteht auch ein Pflegegrad. Gerade für Menschen mit besonders komplexen Problemlagen sind andere Einrichtungen häufig nicht geeignet oder können sie gar nicht erst aufnehmen.

Es handelt sich vielfach um Menschen, die bereits seit vielen Jahren auf der Straße leben und dadurch an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gelangt sind. „Klassische Wohnheime werden diesen besonderen Bedürfnissen oftmals nicht mehr gerecht“. Deshalb hat die SIEFOS ihr Konzept und ihr Angebot bereits vor Jahren erweitert.

Für viele Bewohner*innen ist die Einrichtung eine der letzten Anlaufstellen. Manche kommen in einem gesundheitlich und sozial stark beeinträchtigten Zustand an, in dem eine Rückkehr in ein selbstständiges Leben nur schwer möglich ist. In einigen Fällen ist die SIEFOS sogar der letzte Ort im Leben eines Menschen. Angehörige oder Verwandte sind dann häufig nicht mehr erreichbar.

Breites Konzept für komplexe Herausforderungen

Um den besonderen Bedürfnissen der Bewohner*innen gerecht zu werden, wurden zunächst Sozialarbeiter*innen eingestellt. Insgesamt kümmern sich heute 15 Mitarbeitende um individuelle Problemlagen der Bewohner*innen und unterstützen sie dort, wo Hilfe möglich und gewünscht ist. Die Herausforderungen sind vielfältig: langjährige Suchterkrankungen, psychische Erkrankungen, körperliche Schäden oder Pflegebedürftigkeit gehören zum Alltag.

Dabei geht es nicht darum, den Menschen Hilfe aufzuzwingen. Die Sozialarbeiter*innen bieten Unterstützung an und versuchen, Vertrauen aufzubauen. Nicht alle Bewohner*innen nehmen diese Angebote sofort an, manche ziehen sich zunächst zurück. Die meisten entwickeln jedoch mit der Zeit eine Bindung zu den Mitarbeiter*innen und lassen sich unterstützen. Insgesamt bietet die Einrichtung 140 Plätze für Bewohner*innen.

Zum Team gehören außerdem ein Hausmeister und Reinigungskräfte, die dafür sorgen, dass die Einrichtung sauber bleibt und der tägliche Betrieb funktioniert. In den Abendstunden unterstützt zudem ein Sicherheitsdienst, der mit der Einrichtung und ihren besonderen Gegebenheiten vertraut ist.

Eine Perspektive, wo keine ist: Die Haltung hinter der täglichen Arbeit

Das Konzept der SIEFOS wurde im Laufe der Jahre kontinuierlich weiterentwickelt. Heute gehört auch eine umfassende medizinische Versorgung zum Angebot. Ein Hausarzt kommt einmal im Monat zur Visite und behandelt Bewohner*innen bei Bedarf auch in akuten Fällen. Pflegekräfte unterstützen bei gesundheitlichen Problemen, zudem kooperiert die Einrichtung mit Krankenhäusern. Ein Physiotherapeut betreut einmal im Monat die Bewohner*innen. Zusätzlich wird regelmäßig medizinische Fußpflege angeboten. Auf dieses umfassende Angebot und das eingespielte Team ist Dennis Gauglitz besonders stolz. Denn die Arbeit in der Einrichtung bedeutet nicht nur, die Menschen unterzubringen. Es geht darum, ihnen unter den jeweiligen Umständen einen möglichst guten und würdevollen Ort zum Leben zu bieten.

Auch das Gemeinschaftsgefühl spielt dabei eine wichtige Rolle. Einmal pro Woche findet ein Gottesdienst für die Bewohner*innen statt. Dabei wird auch an Menschen erinnert, die kürzlich in der Einrichtung verstorben sind. Darüber hinaus gibt es jedes Jahr ein Sommerfest und eine Weihnachtsfeier.

Was ihn an seiner Arbeit besonders erfüllt, lässt sich für Dennis Gauglitz in einem Satz zusammenfassen: „Menschen zu helfen, denen vermutlich niemand mehr helfen kann – oder will. Den Menschen eine Perspektive geben, die keine Perspektive mehr haben“, das beschreibt für ihn den Ansatz der SIEFOS.