Vom Schutzbrief zur Mobilitätswende: 40 Jahre VCD

VCD Nordost Heiner von Marschall und Klaus de Boor

Heiner von Marschall und Klaus de Boor vor den VCD-Büros in der Yorckstraße.

Dieses Jahr feiert der Verband einen runden Geburtstag. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) wird 40: „1986 haben wir angefangen als Konkurrenz zum ADAC“, erklärt der Landesvorsitzende Heiner von Marschall die Anfänge. „Wenn man damals seinen Führerschein gemacht hat, dann brauchte man einen Schutzbrief fürs eigene Auto. Den bekam man damals ausschließlich beim ADAC und wurde sowieso automatisch Mitglied eines Lobbyverbandes.“

So gründete sich der VCD als Alternative, der ebenfalls Schutzbriefe an Autofahrer*innen vergibt. „Viele Leute haben zwar ein Auto, sind aber trotzdem nicht zufrieden mit der Verkehrspolitik, die auf das Auto zentriert ist. Da sind wir eine gute Alternative.“

Frankfurter Tor

Für den Umweltverbund: Der VCD setzt sich für den Rad-, Fuß

Die Diskussion um die Mobilitätwende ist etwas ganz Alltägliches geworden

Die Besonderheit des VCD ist, dass er verkehrsartenübergreifend arbeitet. „Wir schauen nicht nur auf eine einzelne Verkehrsart. Denn aus unserer Sicht ist der gesamte Umweltverbund wichtig und sollte zusammen gedacht werden. Es geht uns um die Mobilitätswende.“ Wichtig sei, alles zusammen zu denken und nicht in Konkurrenz zueinander. „Offiziell gelten wir als Naturschutzverband mit Fokus auf Mobilitätswende.“ Nachhaltigkeit müsse in der Gestaltung des Verkehrs eine größere Rolle spielen. „Wir müssen verstehen: Es ist nicht nur gut, wenn der öffentliche Nahverkehr Fahrgäste hat, es ist auch gut für die Gesellschaft, wenn weniger Autos fahren.“ Der VCD versteht sich als Lobbyverband für die Mobilitätswende.

Bereits in den 1980er Jahren habe man festgestellt, dass es mit dem Ausbau der autogerechten Stadt so nicht immer weitergehen könne. Man habe langsam gemerkt: „Das stetige Wachstum von Kfz-Verkehr geht so nicht weiter. Langsam wurden Parkplatznot und Flächenknappheit zum Thema durch die zunehmende Bebauung und den ansteigenden Motorisierungsgrad der Bevölkerung.“ Man stellte auch erste ökologische Auswirkungen des motorisierten Verkehrs fest. Seitdem sei die Diskussion um die Mobilitätwende etwas ganz Normales und Alltägliches geworden – auch durch die Arbeit des VCD.

Kottbusser Tor

Der Landesverband hat rund 3.000 Mitglieder.

Konzeptionelle Arbeit

„Wir arbeiten klar inhaltlich und konzeptionell“, erklärt Heiner von Marschall die Arbeitsweise des Vereins. „Wir sind weniger aktivistisch unterwegs als andere – uns geht es eher um Konzepte.“ Dabei versucht der VCD, konkrete Vorschläge für konkrete Situationen zu machen.“ Ein Beispiel hierfür ist die Kreuzberger Oranienstraße, für deren Gestaltung der Verband vor zwei Jahren anlässlich des Parking Day einen Lösungsvorschlag einbrachte.

Der Landesverband Nordost hat die Besonderheit, dass er für zwei Bundesländer zuständig ist, die sich gar keine Landesgrenze teilen: Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Damit sind wir der einzige nicht zusammenhängende Landesverband. Er hat rund 3.000 Mitglieder.

Innerhalb des Landesverbandes gibt es große Unterschiede zwischen den beiden darin vereinten Ländern. Mit einem Anteil von nur sieben Prozent macht der öffentliche Nahverkehr in Mecklenburg-Vorpommern beim Modal Split einen sehr kleinen Anteil aus. Viele Eisenbahnstrecken sind dort in den letzten Jahrzehnten stillgelegt worden. „Wir brauchen dort ein verlässliches Angebot mit einer ebenso verlässlichen Preisgestaltung.“
Denn was das 9- Euro-Ticket von 2022 und sein Nachfolger, das Deutschlandticket, klar gezeigt haben, ist dies: Auch der Preis ist ein wichtiger Aspekt bei der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs.

U-Bahn der Linie 1/3

Der Verand denkt in seinen Ansätzen Kinder und Ältere mit.

Ehrenamtliches Team

Heiner von Marschall kam über sein langjähriges Engagement als Elternvertreter zum VCD. 16 Jahre lang war er erst in Baden-Württemberg, wo seine Kinder lange zur Schule gingen, und später in Berlin als Elternvertreter aktiv, auch im Landesschulbeirat. In Freiburg war er damals in dieser Funktion in einem Ausschuss des Stadtrats zum Thema Verkehr und traf dort unter anderem auf den VCD. Ihn überzeugte, dass der Verband in seinen Ansätzen auch Kinder und Ältere mitdenkt. Nachdem seine Kinder aus der Schule waren, wurde Heiner von Marschall Teil des VCD-Nordost-Vorstandsteams. „Ich bin Berufskraftfahrer – und gerade deshalb Aktivist für die Mobilitätswende,“ beschreibt sich Heiner von Marschall selbst. Seit acht Jahren ist er Landesvorsitzender. Diesen Posten bekleidet er ehrenamtlich. Beim Landesverband sind lediglich zwei Teilzeitkräfte angestellt. Unterstützt wird das Team außerdem von Bundesfreiwilligendienstlern. Einer von ihnen ist Klaus de Boor, der seinen Bundesfreiwilligendienst erst vor wenigen Tagen, am 1. September, begonnen hat.

Der VCD ist in allen Fahrräten der Bezirke vertreten, die in jedem Berliner Bezirk anders heißen und sehr unterschiedlich arbeiten. In Friedrichshain-Kreuzberg trifft sich der Mobilitätswenderat viermal im Jahr.

Schulzone Schwarnweber Straße

"Häufig sind wir Übersetzer zwischen den einzelnen Ämtern."

Organisation von Mahnwachen für getötete Fußgänger*innen

Ein Thema, das der Verband kontinuierlich bearbeitet, sind Schulstraßen. Hierfür steht der VCD eng im Kontakt mit Initiativen vor Ort. Vor zwei Jahren hat der Verband hierzu sein erstes Projekt in Berlin gestartet und sucht nach weiteren Grundschulen in der Stadt, die hierzu Interesse haben. „Gemeinsam schauen wir dann, was vor Ort passen kann. Häufig sind wir Übersetzer zwischen einzelnen Ämtern.“ Als gelungene Lösung für eine temporäre Schulzone lobt Heiner von Marschall den Einsatz einer Schranke vor dem Leibniz-Gymnasium in Kreuzberg.

Der Verband organisiert auch Mahnwachen für im Verkehr getötete Fußgänger*innen.Bei diesen Mahnwachen stellt der VCD weiße Metallaufsteller in Menschenform auf. Die Veranstaltungen werden gemeinsam mit Changing Citys und dem Fuß e.V. durchgeführt, mit großer Unterstützung des ADFC. Auch eine transparente Liste der Verkehrstoten in Berlin pflegt der Verband und verschickt sie regelmäßig an die Presse. Darin sind entsprechende Polizeimeldungen verlinkt. „Allerdings zählen wir teilweise anders als die Polizei, zum Beispiel bei Fußgängern die mit Trams verunglückt sind. Wir zählen diese als Verkehrstote. Offiziell gelten sie jedoch oft nicht als im Verkehr Verstorbene, wenn sich die Unfälle auf Betriebsflächen ereignen.“ Auch Menschen die auf Privatflächen, etwa von Supermärkten, angefahren werden, werden beim VCD gezählt.

Parking Day in der Oraniestraße

Der Verband arbeitet in Fachgruppen.

Zusammenarbeit in Bündnissen

Statt in Bezirksgruppen arbeitet der VCD in Berlin in Fachgruppen: Eine beschäftigte sich mit dem Rad- und Fußverkehr und eine andere mit dem öffentlichen Nah- und Regionalverkehr. Die Fachgruppensitzungen finden entweder im Büro in der Yorckstraße statt oder aber vor Ort, um sich Verkehrsinfrastruktur direkt anzuschauen, etwa an der geplanten Tangentialverbindung Ost (TVO) in Wuhlheide oder am S-Bahnhof Zehlendorf. „Unsere konkrete Arbeit passiert ja vor Ort – und dafür suchen wir immer Akteure aus den Kiezen. Wir gehen dorthin, wo es bereits jemanden gibt, der aktiv ist.“

Wichtig ist dem VCD Nordost die Zusammenarbeit in Bündnissen, etwa mit dem ADFC, Changing Cities oder dem BUND. „Wir arbeiten sehr gut übergreifend zusammen.“ Quartalsweise finden in den Räumlichkeiten des VCD-Verbändetreffen statt.

Das Besondere am Fußverkehr sei, dass sich dieser nicht bündeln lasse. Als langsamste Form der Fortbewegung lasse der Fußverkehr keine Umwege zu. Aus Sicht des VCD muss man daher für den Fußverkehr in Vorrangbereichen denken – nicht in Vorrangnetzen, wie es beim Radverkehr und ÖPNV der Fall ist. Vorrangbereiche für Fußverkehr gemäß Berliner Mobilitätsgesetz sollten vor Schulen, rund um wichtige ÖPNV-Umsteigepunkte und Bahnhöfe, aber auch in den Ortsteilzentren der einzelnen Kieze ausgewisesen und gestaltet werden.

Parking Day in der Oranienstraße

Der Parking Day ist in Berlin über die letzten Jahre immer größer geworden.

Entflechtung der Verkehre

Ein wichtiger Grundsatz in der konzeptionellen Arbeit des VCD ist die Entflechtung der Verkehre. „Wenn eine Verkehrsart in einem Verkehrsraum Vorrang hat, dann werden die anderen Verkehrsarten in diesem Bereich nachrangig behandelt.“ Daraus resultiere, dass verschiedene Verkehrsarten auf verschiedenen Trassen geführt werden müssten. „Hierfür ist die Entflechtung ein tolles Instrument.“

Ein Beispiel sei hier die Verlängerung der Straßenbahnlinie M10 von der Warschauer Straße Richtung Hermannplatz. Hier sollte eine Entflechtung der einzelnen Verkehrsarten aus Sicht des VCD eine Rolle spielen. „Wir werben sehr für Entflechtung, weil wir damit Konflikte zwischen den einzelnen Verkehrsarten reduzieren können.“

Parking Day in der Oranienstraße

"Was würdest du mit dem öffentlichen Raum machen, wenn dort kein Auto abgestellt wird?"

Organisation des Parking Day

Seit vielen Jahren organisiert der VCD in Berlin den Parking Day, der jedes Jahr weltweit am dritten Freitag im September stattfindet. Dazu ruft der VCD dazu auf, Parkplätze im öffentlichen Raum mit Leben zu füllen. „Die Fragestellung dahinter ist: Was würdest du mit dem öffentlichen Raum machen, wenn dort kein Auto abgestellt wird?“

Der Parking Day ist in Berlin über die letzten Jahre immer größer geworden. Jedes Jahr organisiert der VCD dazu ein größeres Event an wechselnden Orten Berlins. In den Vorjahren war der Verband bereits am Hackeschen Markt, am Savignyplatz, an der Grundschule am Insulaner in Steglitz und in der Kreuzberger Oranienstraße.

Beim Parking Day geht es um Flächengerechtigkeit in Mobilität. „In Berlin sind die Flächen knapp. Gleichzeitig bedeutet urbaner Raum und städtisches Leben, dass viele Menschen auf diesen begrenzten Flächen unterwegs sind. Aus dieser Knappheit müsste eigentlich eine effiziente Nutzung der öffentlichen Flächen folgen, damit möglichst viele Menschen mobil sein können. Parkplätze im öffentlichen Raum sind aber eine absolut ineffiziente Flächennutzung.“ Die aktuell als Parkplätze im öffentlichen Straßenland genutzten Flächen ergeben zusammen die Größe des ehemaligen Flughafenareals in Tegel. Damit dominiere die Verkehrsform des motorisierten Individualverkehrs mit dem ruhenden Verkehr den öffentlichen Raum, obwohl sie am Modal Split in Berlin gerade mal ein Viertel ausmache. Das seien Flächen, die dringend für die Mobilitätswende gebraucht würden. „Mit dem Parking Day möchten wir zeigen, wie wir diese Flächen alternativ viel besser nutzen können und rufen alle Berliner auf, sich zu beteiligen.“ Das Prinzip des Parking Day sei einfach und barrierefrei. „Eigentlich braucht es nur zwei Menschen, zwei Sitzgelegenheiten und vielleicht zwei Getränke. Und dann wird geparkt – nur eben ohne Auto.“

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