Steinerne Chronik
Die Tafel in der Grunerstraße zeigt das Markttreiben.
Bild: Landesarchiv Berlin
Ein rundum laufendes Fries aus 36 Terrakotta-Tontafeln schmückt die Außenfassade an Balkonen und Portalen des Roten Rathauses. Auf Anregung des Baumeisters Hermann Friedrich Waesemann erhielt das Rote Rathaus in den 1870er-Jahren diesen zusätzlichen Fassadenschmuck. Der Fries ist unter dem Namen „Steinerne Chronik“ bekannt und wurde von den Bildhauern Ludwig Brodwolf, Alexander Calandrelli, Otto Geyer und Rudolf Schweinitz geschaffen. Kunstvoll wird hier die Geschichte Berlins vom 12. bis zum 19. Jahrhundert erzählt.
Bei den Bombenangriffen während des Zweiten Weltkrieges sind große Teile des Rathauses samt Fries zerstört worden. Da die Entwürfe nur unvollständig archiviert waren, war die Wiederherstellung der „Steinerne Chronik“ schwierig. Erfreulicherweise stellten die Berlinerinnen und Berliner beim Wiederaufbau des Rathauses ab 1951 Fotos und Zeichnungen aus Privatbesitz zur Verfügung.
Die Hauptrolle in der Steinernen Chronik spielen die Berlinerinnen und Berliner. Die Hälfte der Tafeln zeigt das bürgerliche Leben der Stadt im Mittelalter: Markttreiben und Fernhandel, Gewerbe, Rechtswesen und Alltagsleben. Die übrigen Tafeln geben Auskunft über die Verdienste der preußischen Könige und den rasanten Aufstieg der Stadt im 19. Jahrhundert. Dazu gehören sowohl der Verlust der städtischen Unabhängigkeit im 15. Jahrhundert als auch deren Rückgewinnung der Selbstverwaltung durch Reformen Anfang des 19. Jahrhunderts. Mehrere Tafeln präsentieren Berlin als freiheitlichen Wirkungsort bedeutender Wissenschaftler und Künstler.
Um der Chronik zu folgen, beginnen Sie an der Grunerstraße (Ecke Spandauer Straße) und gehen entgegen dem Uhrzeigersinn in Richtung Jüdenstraße ringsum.
Darstellungen in der “Steinerne Chronik”:
| Grunerstraße | Christianisierung slawischer Bewohner im Zuge der Deutschen Ostsiedlung und Entstehung der Mark Brandenburg im 12. Jahrhundert; Gründung Berlins im 12./13. Jahrhundert; Markttreiben in Alt-Berlin. |
| Jüdenstraße | Alltagsleben im späten Mittelalter, Rechtswesen (Pranger auf dem Marktplatz, Gerichtslaube (offener Ort für die Rechtsprechung) und Raubmordszene); Trauung und Kirchgang im 15. Jahrhundert. |
| Rathausstraße links | Gastwirtschaft und Handwerk, Städtisches Marktleben, Anfänge des Schulwesens (getrennt nach Jungen und Mädchen), Handelsstadt im Mittelalter, Beendigung des Raubrittertums, mittelalterliche Krankenpflege, Anerkennung der kurfürstlichen Hoheit nach Aufstand im Winter 1447/48, („Berliner Unwille“), Schlossbau der Hohenzollern seit 1443. |
| Rathausstraße rechts | Kirchen-rechtliche Veränderung und Reformation (1517), Druckwerkstatt Leonhard Thurneyssers im Grauen Kloster, Aufnahme der Hugenotten in Berlin (der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg bot 1685 Zuflucht nach Aufhebung der Religionsfreiheit in Frankreich), Gründung der Akademie der Wissenschaften 1700 unter Förderung die r Kurfürstin und spätere Königin Sophie Charlotte , die Steinsche Städtereform ( kommunale Selbstverwaltung), Vorbereitung der Befreiungskriege und Feldzug gegen Napoleon, Rückholung der Quadriga. |
| Spandauer Straße | Beendigung der Befreiungskriege und der französischen Besatzung, Industrieller Aufschwung im 19. Jahrhundert, Eröffnung der ersten Eisenbahnstrecke Preußens von Berlin nach Potsdam (1838), Künstler und Wissenschaftler im 19. Jahrhundert, die bildenden Künste und Berlin als Zentrum geistigen Lebens (Gründung der Berliner Universität 1810); Siegesnachricht aus Versailles 1871 (Berlin wurde Reichshauptstadt). |
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