Kaserne Radelandstraße

Kaserne Radelandstraße, ehem. Arbeiterstadt "Große Halle"
Kaserne Radelandstraße, ehem. Arbeiterstadt "Große Halle"
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner

Ehem. Arbeiterstadt “Große Halle” (später Ev. Waldkrankenhaus)

Stadtrandstraße 548, 548A-548E, 549, 550, 550A-550G, 551, 555, 561, 562 in Spandau, Ortsteil Falkenhagener Feld
Bauzeit / -Geschichte: 1940 von Carl Christoph Lörcher

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Kaserne Radelandstraße, ehem. Arbeiterstadt "Große Halle"
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner

Vom 25. April bis Juli 1945 nutzte eine Einheit der Roten Armee das Gelände als Kaserne, ihr folgten nach deren Abzug aus dem Westsektor die britischen Streitkräfte bis November 1946.

Die ehemalige “Arbeiterstadt Große Halle”, deren noch erhaltene Gebäude zum größten Teil auf dem Gelände des heutigen Evangelischen Waldkrankenhauses Spandau liegen und von diesem seit Juli 1945 genutzt werden, wurde 1940 errichtet, um die Arbeitskräfte unterzubringen, die ab 1938 zur “Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin” durch Albert Speer, insbesondere für die sogenannte “Große Halle des Volkes” erforderlich waren. Albert Speer übertrug 1939 die Planung für die Arbeiterstadt dem Architekten Prof. Dipl.-Ing. Carl Christoph Lörcher (1884-1966), einem führenden NS-Architekten in Berlin. Die “Arbeiterstadt Große Halle” ist ursprünglich für ca. 8.000 Arbeiter geplant worden, jedoch wurde sie nur zu einem Drittel für ca. 2.500 Arbeiter realisiert. Von den 24 geplanten U-förmigen Wohnhöfen, den sogenannten “Zellen” mit je zwei Wohnbaracken und einem Wirtschaftsgebäude, wurden neun Wohnhöfe fertiggestellt, davon sind heute noch drei Wohnhöfe vollständig, zwei weitere teilweise erhalten. Die Gebäude des Einfahrtshofes und die übrigen Wohnhöfe sind in der Nachkriegszeit abgebrochen worden. Des Weiteren sind von der realisierten Gesamtanlage der “Arbeiterstadt Große Halle” das “Kommandantenhaus” (heute Frauenhaus Nr. 2) sowie die kleine Wohnsiedlung im Südosten mit sieben Doppelwohnhäusern erhalten geblieben.

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Kaserne Radelandstraße, ehem. Arbeiterstadt "Große Halle"
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner

Die Wohnbauten der U-förmig angelegten Wohnhöfe, die sogenannten “Zellen”, sind eingeschossig und besitzen hohe, steile Walmdächern mit Dachgauben. Je zwei Wohnheime (Grundfläche 10 × 44 m) mit eingezogener Laube sind einander gegenüber in 26 Meter Entfernung angeordnet, die Hofanlage wird auf einer Seite durch ein Wirtschaftsgebäude geschlossen. Das Wirtschaftsgebäude (Grundfläche 10 × 46 m) weist keine an der Längsseite durchlaufende Laube auf, dafür aber ein risalitartig vorspringendes, zweigeschossiges Querhaus mit Fachwerkobergeschoss, das zum Hof hin ausgerichtet ist. Die Grundrissgliederung der Wohnheime war denkbar einfach: In der Mitte des langen Gebäudes ist eine große Diele mit zwei seitlichen Treppen ins ausgebaute Dachgeschoss angelegt, rechts und links von der Halle war je ein großer Schlafsaal angeordnet, der nur durch eine Doppelreihe von Holzstützen gegliedert war, die die durchlaufenden Unterzüge tragen. Diese Konstruktion wiederholte sich im ausgebauten Dachgeschoss. Das Dachtragwerk ist ein liegender Kehlbalkendachstuhl. Im Keller befanden sich die Waschräume. Das Wirtschaftsgebäude ist ähnlich organisiert: Eine zentrale Diele erschließt das eingeschossige Gebäude, rechts und links davon ist der große Speisesaal mit Bühne und kleinen Garderoben bzw. die Großküche angeordnet. Auch hier ist ein liegender Kehlbalkendachstuhl gewählt worden, der über dem Speisesaal mit einer Holztonne verkleidet worden ist. Jede Wohnzelle umfasst eine Fläche von ca. 46 × 64 m mit einem Hof in der Mitte.

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Kaserne Radelandstraße, ehem. Arbeiterstadt "Große Halle"
Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner

Im Südosten des Geländes befindet sich eine aus sieben Doppelhäusern bestehende Wohnsiedlung, die vermutlich für das Führungspersonal errichtet worden war. Im Erdgeschoss der Doppelhaushälften befanden sich je eine Küche und ein Wohn- / Ess-Raum, im Dachgeschoss waren die Schlafräume untergebracht, die vom Giebel her und durch die Schleppgauben belichtet werden. Die Häuser sind mit steilen Satteldächern gedeckt. Jedem Doppelhaus sind zwei große Gärten zugeordnet. Das ehemalige “Kommandantenhaus” liegt am Ostende der ehemaligen Hauptachse der “Arbeiterstadt Große Halle”. Es besteht aus drei eingeschossigen Gebäuden mit steilen Walmdächern. Die Gebäude sind durch Lauben miteinander verbunden und bilden eine U-förmige Anlage, die sich mit der Mittelachse zur ehemaligen Arbeiterstadt hin axial öffnet. Eine Nebenachse führt nach Süden zum Hauptplatz der Wohnsiedlung. Das Hauptgebäude der ehemaligen Kommandantur wird mittig durch eine große Diele erschlossen, von der rechts und links Flure abgehen. Eine Treppe führt ins ausgebaute Dachgeschoss. Die ähnlich disponierten Nebengebäude sind mit eingezogenen Lauben an das Hauptgebäude angehängt.

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Bild: Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner

Für die Gestaltung dieses Arbeiterlagers, in dem ab Herbst 1941 auch zwangsrekrutierte Arbeitskräfte aus den besetzten Gebieten kaserniert und vom Kommandantenhaus aus überwacht wurden, ist nicht die Architektursprache der Monumentalbauten des “Dritten Reiches”, der spezifische NS-Klassizismus, gewählt worden, sondern die der traditionalistischen “Stuttgarter Schule”, in der der Architekt Carl Christoph Lörcher vor 1914 ausgebildet worden war. Dies sollte offenkundig den Charakter und die Struktur des Lagers ästhetisch verschleiern und die Arbeiter mit ihrer Situation im Lager “versöhnen”. Die Architektur dieser Anlage hatte neben den praktischen Zwecken einen propagandistisch ideologischen zu erfüllen. Die Arbeiterstadt ist ein wichtiges Zeugnis der Baupolitik für die Germania-Planung des NS-Regimes, deren Gigantomanie eine lagerartige Unterbringung von Arbeitermassen für die Großbauten notwendig machte.

Im 25. April 1945 besetzte die Rote Armee das Gelände. Nach der Aufteilung Berlins in die vier Sektoren übernahmen im Juli die Briten das Areal mit seinen 35 beschädigten Gebäuden und nutzten es als Kaserne. Bereits ab August 1945 wurde mit Genehmigung der britischen Besatzungsbehörde mit der Einrichtung eines Krankenhauses durch den “Verein zur Errichtung evangelischer Krankenhäuser e. V.” unter der Verantwortung des Pfarrers Siegert und der Diakonieschwester Renate Röhrich begonnen. Dazu gaben die Briten zwei Gebäude frei, die von dem Kasernengelände mit einem Zaun abgetrennt waren und von der Radelandstraße aus erreicht werden konnten. Im Herbst 1946 sind alle Gebäude zur Krankenhausnutzung übergeben worden. Die große Toranlage der ehemaligen Arbeitersiedlung ist 1978 abgerissen worden.