Lebenslang für Hells Angels: Neue Revierkämpfe befürchtet

Lebenslang für Hells Angels: Neue Revierkämpfe befürchtet

Die Verurteilung von acht Berliner Rockern der Hells Angels zu lebenslanger Haft hat aus Sicht der Staatsanwaltschaft neue Maßstäbe gesetzt. Es sei bundesweit das erste Mal, dass mit dem Schuldspruch eine Gruppe samt Führungsriege «von der Straße genommen wurde», sagte Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Er zeigte sich überzeugt, dass mit dem Urteil die Rockerszene geschwächt worden sei.

Kriminalgericht Moabit

© dpa

Der Eingang des Kriminalgerichts Moabit.

Am Dienstag hatte das Berliner Landgericht sieben Rocker wegen gemeinschaftlichen Mordes sowie deren Chef wegen Anstiftung zum Mord nach knapp fünfjährigem Prozess verurteilt. Ein 26-Jähriger wurde im Januar 2014 laut Urteil von einem «Überfallkommando» erschossen, um die «Ehre des Clubs» zu wahren. Die Entscheidung des Gerichts entsprach im Wesentlichen den Forderungen der Anklagebehörde.
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Einige Verteidiger kündigten bereits Revision an. Auch die Staatsanwaltschaft prüfe diesen Schritt, sagte Kamstra. Das Gericht gewährte den Angeklagten einen Abschlag von etwa zwei Jahren, weil das Landeskriminalamt (LKA) laut Urteil Fehler machte und nichts unternahm, um das Opfer zu warnen, obwohl dessen Gefährdung bekannt gewesen sei. «Die Abschlagsentscheidung ist rechtlich absolutes Neuland», so Kamstra.
Der Ermittler für Organisierte Kriminalität (OK) ging davon aus, dass andere Rocker nun versuchen dürften, die Geschäftsfelder der Verurteilten - in erster Linie den Drogenhandel - neu zu besetzen.
Auch der Innenexperte der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Tom Schreiber, rechnete mit neuen Rivalitäten von Rocker-Gruppen. Es gehe um eine Neuaufteilung der Reviere, um Macht und Einfluss beim Drogenhandel, bei der Prostitution oder Schutzgelderpressung, sagte er dem Inforadio. «Es wird eine neue Generation von Hells Angels geben und anderen, die nachrücken.» Es könne sein, dass Täter aus dem eurasischen OK-Bereich - etwa Tschetschenen - versuchten, sich festzusetzen.
Schreiber verwies auch auf die Probleme mit Rockern im Knast. «Die Organisierte Kriminalität funktioniert auch aus der Haft heraus», so der Innenpolitiker. Im Gefängnis Tegel saßen 2018 nach seinen Angaben 14 Kriminelle aus dem Rocker-Milieu. Diese hätten Handys und Drogen.
Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Norbert Cioma, betonte, Ermittler müssten sich darauf einstellen, dass jetzt andere in die Lücke stoßen wollten, die durch die Verurteilung von Rockerchef Kadir P. entstanden sei. Mit der Gerichtsentscheidung habe der Rechtsstaat aber sehr deutlich gemacht, dass der Deckmantel krimineller Strukturen nicht vor einer Verurteilung schütze.
Laut Bundeskriminalamt gibt es bundesweit rund 700 örtliche Rocker-Gruppen (Chapter) mit ungefähr 10 000 Angehörigen. Zwei Drittel der Rocker-Gruppen werden demnach von Deutschen angeführt.
Indes dauern die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen drei LKA-Beamte an. Ein Verfahren wegen des Verdachts des Totschlags durch Unterlassen war im Vorjahr eingeleitet worden. Wie die Polizei mitteilte, sind die Beamten aber wieder im Dienst. Ihnen war zunächst die «Führung der Dienstgeschäfte» wegen der Vorwürfe verboten worden.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Mittwoch, 2. Oktober 2019 14:56 Uhr

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