Regierungsfraktionen: Auseinandersetzung mit Kolonialismus

Regierungsfraktionen: Auseinandersetzung mit Kolonialismus

Mit dem geplanten Humboldt Forum gewinnt das Thema eine neue Brisanz: Wie umgehen mit Objekten aus der Kolonialzeit Deutschlands? Die Regierungsfraktionen wollen nun ein Konzept für Berlin.

Rückgabe von Objekten

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Ein historisches hölzernes Objekt aus dem Ethnologischen Museum Berlin wird präsentiert. Foto: Ralf Hirschberger/Archiv

Berlin (dpa/bb) - Die Berliner Regierungsfraktionen wollen die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit der Stadt verstärken. Vom Senat verlangen die Fraktionen von SPD, Linke und Grünen ein gesamtstädtisches Aufarbeitungs- und Erinnerungskonzept. Dies solle «Berlins Rolle und historischer Verantwortung als ehemaliger Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs im Zeitalter des deutschen und europäischen Kolonialismus und Imperialismus gerecht» werden, heißt es in einem Antrag, der an diesem Donnerstag im Parlament eingebracht werden soll.
Das Konzept soll die Auseinandersetzung mit Kolonialismus-Geschichte der Stadt intensivieren. Zudem solle es «zur Versöhnung beitragen und würdige Formen des Erinnerns entwickeln».
Besondere Bedeutung misst der Antrag Berlins Gedenken «an den deutschen Völkermord an den Herero und Nama von 1904 bis 1908 auf dem Gebiet des heutigen Namibia» zu. Dabei hatten deutsche Kolonialtruppen im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika Aufstände der beiden Volksgruppen grausam niedergeschlagen.
Die deutsche Truppen töteten Historikern zufolge etwa 65 000 der 80 000 Herero und mindestens 10 000 der 20 000 Nama. Historiker sehen darin den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Inzwischen spricht auch die Bundesregierung von einem Völkermord. Allerdings sieht die Regierung keine rechtliche Grundlage für materielle Ansprüche Namibias oder der Volksgruppen und lehnt Entschädigungszahlungen oder Reparationen deswegen bisher ab.
Aus Sicht der rot-rot-grünen Koalitionäre in Berlin fehlt zudem weiterhin eine zentrale Gedenkstätte zur Erinnerung an deutschen Kolonialismus und afrikanische Opfer von Kolonialismus, Rassismus und Versklavung. Dies solle aber nicht auf Berliner Geschichte beschränkt sein. Entsprechend wünschen sich die Abgeordneten eine Abstimmung des Senats mit dem Bund.
Für die SPD-Fraktion erinnerte Frank Jahnke an eine «besondere Verpflichtung» Berlins. Regina Kittler forderte für die Linke, der Völkermord an den Herero und Nama müsse «zur Entschuldigung bei den Nachfahren der Opfer und zu Reparationen als symbolische und materielle Wiedergutmachung führen». Der Grünen-Abgeordnete Daniel Wesener nannte «eine gründliche und umfassende Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit überfällig».
Die Kulturminister der Länder hatten sich Mitte März auf Grundlagen einer gemeinsamen Restitutionspolitik im Umgang mit Objekten aus kolonialen Zusammenhängen verständigt. Fünf Länder, darunter Berlin, hatten darüber hinaus Kolonialismus als «System von Herrschafts-, Gewalt- und Ausbeutungsverhältnissen» bezeichnet, deren nachhaltige Spuren bis heute wirkten. Die Androhung von Gewalt habe Erwerb und Erlangung von Objekten aus kolonialen Kontexten geprägt. Dies müsse bei Restitutionsvorhaben berücksichtigt werden.
Bereits Ende vergangenen Jahres hatten Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering (SPD), eine intensivere historische Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit gefordert.
Für Deutschland ist das Thema auch aktuell, weil im geplanten neuen Kulturzentrum in Berlin, dem Humboldt Forum im wiederaufgebauten Schloss, ein Großteil der Objekte aus der Kolonialzeit stammt.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Mittwoch, 3. April 2019 16:30 Uhr

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