Angehörige eines Potsdamer Opfers: «War unser Sonnenschein»

Angehörige eines Potsdamer Opfers: «War unser Sonnenschein»

«Wir haben nur gesessen und geweint. Man konnte es nicht nachvollziehen» - mit diesen Worten hat die Schwester eines 56-jährigen Bewohners, der im April im Potsdamer Wohnheim für Menschen mit Behinderungen getötet wurde, im Prozess ihre Gefühle von damals beschrieben. «Ich konnte es einfach nicht fassen. Warum er? Er tut keinem was. Wir dachten immer, er ist gut untergebracht», sagte die 62-jährige Oranienburgerin im Landgericht Potsdam. Von der Tat erfuhr sie durch einen Anruf der Polizei.

Justitia

© dpa

Eine Figur der blinden Justitia.

Im Prozess ist eine 52-jährige ehemalige Pflegekraft wegen Mordes und versuchten Mordes angeklagt. Sie soll am Abend des 28. April laut Anklage in dem Wohnheim vier wehrlose Bewohner im Alter zwischen 31 und 56 Jahren mit einem Messer in ihren Zimmern angegriffen und tödlich verletzt haben. Ein Pathologe hatte am ersten Prozesstag gesagt, dass drei der Opfer vollständig gelähmt waren und eines halbseitig gelähmt war. Eine 43 Jahre alte Bewohnerin überlebte nach einer Notoperation.
Der getötete Bewohner, dessen Schwester am fünften Prozesstag als Zeugin angehört wurde, war von Geburt an geistig behindert. Da die Mutter viel arbeitete, habe ihn seine Schwester mit groß gezogen. «Wir hingen alle an ihm. Er hat immer dazugehört», so die 62-Jährige. 2015 brach ihr Bruder bei der Arbeit zusammen - Schlaganfall. Es folgt ein halbes Jahr Krankenhaus, dann Reha. Der Mann war nun halbseitig gelähmt. Erst brachte ihn die Familie in ein Altenheim. Dann erfuhr die 62-Jährige vom Oberlinhaus - dass dort auch jüngere Menschen mit Behinderung betreut werden.
Regelmäßig besuchte ihn die Familie im Heim. Erst sei man zufrieden gewesen mit der Betreuung. Doch die Pflege habe nachgelassen, berichtete die Schwester. «Es wurde immer schlimmer, dass wir ihn eigentlich nur noch im Bett vorgefunden haben.» Durch den ständigen Wechsel beim Personal habe man bald gar keinen mehr gekannt.
Die 62-Jährige kümmerte sich bei ihren Besuchen selbst um die Pflege des Bruders, rasierte ihn. «Er wollte immer fein sein», sagte sie. Die Angeklagte beschrieb die 62-Jährige - wie auch die anderen Zeugen sagten - als freundlich. «Sie hatte immer ein offenes Ohr.»
Die Mutter eines 35-jährigen getöteten Bewohners sagte, dass sie immer beruhigt gewesen sei, wenn die Angeklagte ihren Sohn gepflegt habe. Sie sei «mütterlich gewesen, «liebevoll». Ihr Sohn habe persönliche Zuwendung gemocht. Laut einem ärztlichen Gutachten war er eine Frühgeburt, hatte einen schweren Hirnschaden. Ihr Sohn sei fast immer gut drauf gewesen, sagte die 69-Jährige, er habe gekichert und gelacht. «Er war unser Sonnenschein. Er war ein in seiner Welt zufriedener Mensch.»
Die Angeklagte hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Laut einem psychiatrischen Gutachten soll sie die Taten im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit begangen haben. Die 52-Jährige, die lange Zeit im Oberlinhaus als Pflegekraft arbeitete, wurde nach der Tat in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Ihre Psychiaterin hatte am vierten Prozesstag gesagt, die Frau leide unter einer chronischen Depression und einer Persönlichkeitsstörung. Sie hatte ihr Medikamente verschrieben.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Dienstag, 23. November 2021 16:52 Uhr

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