GEW: Gedenkminute für ermordeten Lehrer reicht nicht

GEW: Gedenkminute für ermordeten Lehrer reicht nicht

Für Lehrerinnen und Lehrer in Berliner Schulen ist es nach Überzeugung der Elternvertreter unverzichtbar, unterrichten zu können, ohne sich bedroht zu fühlen. Es dürfe nicht sein, dass Lehrkräfte sich aus Angst mit bestimmten Themen nicht beschäftigten, sagte der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Norman Heise, am Montag. «Wir stehen dazu, dass Lehrkräfte völlig ohne Druck ihre Themen behandeln dürfen und ohne dass ihnen Schaden für Leib und Leben droht.» Aus diesem Grund habe die Elternvertretung die Gedenkminute an Berliner Schulen am Montagvormittag für den in Paris ermordeten Geschichtslehrer Samuel Paty unterstützt.

Tom Erdmann

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Tom Erdmann blickt in die Kamera.

Mitte Oktober hatte der brutale Mord Entsetzen ausgelöst. Das Motiv des 18-jährigen Angreifers mit russisch-tschetschenischen Wurzeln war den Ermittlern zufolge, dass Paty in einer Unterrichtsstunde zum Thema Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Patys Leiche war enthauptet aufgefunden worden.
Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte die Berliner Schulen gebeten, sich an einer europaweiten Gedenkminute für den Geschichtslehrer zu beteiligen. Scheeres hatte am Freitag außerdem angeregt, über die Hintergründe des Anschlags im Unterricht zu sprechen und Schülerinnen und Schüler erneut für Toleranz und Solidarität sowie gegen Gewalt und Extremismus zu sensibilisieren.
Heise geht davon aus, dass nicht alle Berliner Schüler für die Diskussion bestimmter Themen wie Meinungsfreiheit offen sind: «Die Stadt ist groß, wir haben 360 000 Schülerinnen und Schüler. Da wird es auch welche geben, die Vorbehalte haben», sagte er. Schule sei aber ein Ort von Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit. «Und dann muss man gucken, wie man mit solchen Schülerinnen und Schülern oder deren Eltern ins Gespräch kommt.»
Astrid-Sabine Busse vom Interessenverband Berliner Schulleitungen sagte der Deutschen Presse-Agentur, es habe im Vorfeld Hinweise auf mögliche Störungen der Gedenkminute gegeben. «Schon das muss uns erschrecken.» Mit der Gedenkminute ein Zeichen zu setzen, sei richtig gewesen. «Ein Kollege von uns ist ermordet worden», sagte Busse. «Wir dürfen jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen.»
Dass Lehrkräfte Angst gehabt hätten, sich an der Gedenkminute zu beteiligen, sei schrecklich, so die Schulleiterin aus Neukölln. Aber die Angst sei berechtigt. Es gebe muslimische Kinder, die von zu Hause oder in den Moscheen indoktriniert würden. «Wir haben zu lange gewartet, etwas gegen diese Entwicklung zu tun, wir hätten schon vor 20 Jahren damit anfangen müssen.» Rückmeldungen über Störungen der Gedenkminute habe sie bis Montagnachmittag aber noch nicht erhalten.
Martin Klesmann, Sprecher der Bildungsverwaltung, sagte, Zahlen darüber, wie viele Berliner Schulen sich an der Gedenkminute beteiligt hätten, lägen ihm nicht vor. Der Bildungsverwaltung sei ebenfalls nichts über Störungen bekannt. Klesmann betonte, in Berlin sei Ethik verpflichtendes Schulfach in der Mittelstufe, in dem es unter anderem darum gehe, Respekt für andere zu entwickeln.
Auch aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW war die Gedenkminute ein richtiger Schritt. Sie könne dazu beitragen, ein Bewusstsein für extremistische Tendenzen zu schaffen, sagte Berlins GEW-Landesvorsitzender Tom Erdmann. Er kritisierte, in den vergangenen Jahren sei in den Berliner Schulen zulasten von politischer Bildung ein zu starker Schwerpunkt auf vermeintliche Kernkompetenzen wie Deutsch, Mathe, und Naturwissenschaften gelegt worden. Das müsse überdacht werden.
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Unter den Lehrerinnen und Lehrern herrsche sehr viel Unsicherheit, sagte Erdmann. «In vielen Schulen gibt es Lehrkräfte, die schon mit Schülerinnen und Schülern zu tun hatten, bei denen sie sich sehr unsicher waren, wie man mit fundamentalistischen Tendenzen umgeht.» Sie müssten für den Umgang mit solchen Situationen gestärkt werden, so der GEW-Vorsitzende, unter anderem durch Fortbildungen etwa zu den Themen Islamismus und personenbezogene Menschenfeindlichkeit.
Erdmann sagte, er glaube aber nicht, dass es in dem Zusammenhang in Berlin ein flächendeckendes großes Problem gebe. «Es gibt regelmäßig Fälle, wo sich Kolleginnen und Kollegen mit Beratungsbedarf melden, die mit der Situation an ihrer Schule überfordert sind. Das sind vor allem die Lehrkräfte, die engagiert sind und sich des Problems annehmen wollen», so der ausgebildete Lehrer. «Wir wissen allerdings nicht, wie hoch der Anteil der Kollegen ist, die überfordert sind, aber aufgrund der Aufgabenfülle im Alltag keine Zeit und keine Reserven haben, sich damit auseinanderzusetzen.»

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Montag, 2. November 2020 17:31 Uhr

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