Forscher sieht 30 Jahre nach Einheit ostdeutsche Identität

Forscher sieht 30 Jahre nach Einheit ostdeutsche Identität

Der Historiker Johannes Schütz sieht 30 Jahre nach der deutschen Einheit Belege für eine ostdeutsche Identität. Nach dem politischen Umbruch von 1989/1990 habe sich die Vorstellung verändert, was alles Heimat sein kann, sagte der Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden der Deutschen Presse-Agentur.

Der Dresdner Historiker Johannes Schütz

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Der Dresdner Historiker Johannes Schütz.

«Man brauchte erst das Ende der DDR, die Transformationszeit und deren Folgen, um so etwas wie eine ostdeutsche Identität zu schaffen.» Umfragen und Studien belegten, dass viele Ostdeutsche immer noch vor allem Unterschiede wahrnehmen und sich nicht gleichberechtigt fühlen.

Ostdeutschland konnte zu eigener «Identitätsfigur» werden

Schütz zufolge wirkt sich das auch auf die «Verortung» in der Bundesrepublik aus, Ostdeutschland konnte zu einer eigenen «Identitätsfigur» werden. In den letzten Jahren tauche diese Figur an vielen Stellen auf, als Kleidungsaccessoires oder als Autoaufkleber wie: «Ostdeutschland. Heimat kann man nicht kaufen»: «Die Botschaft ist klar: Es kann jemand mit noch so viel Geld kommen, aber damit lässt sich nicht kaufen, was 'uns' gehört und 'unsere' Identität ausmacht.» 1990 sei man noch davon ausgegangen, dass die Mehrheit der DDR-Bürger sich als Deutsche betrachtet: «Doch dann kam der Transformationsprozess mit allen Schwierigkeiten.»

Schütz: «Man war gezwungen, seinen Herkunftsort zu verlassen, um Arbeit zu finden.»

Schütz erinnerte an ein Plakat, das zur Wende bei einer Demonstration in Dresden auftauchte: «Helmut (Kohl) nimm' uns an die Hand und führe uns ins Wirtschaftswunderland.» Dieser Wunsch habe sich für viele Menschen aber nicht erfüllt: «Die Treuhandanstalt wurde etabliert, es gab Millionen Arbeitslose und Millionen Menschen wanderten in den Westen ab, um dort zu leben oder auch nur die Woche über zu arbeiten. Für viele war das eine Erfahrung von Heimatverlust. Man war gezwungen, seinen Herkunftsort zu verlassen, um Arbeit zu finden. Die meisten hatten sich das wohl anders vorgestellt.»

Viele hätten empfunden, «Bürger zweiter Klasse» zu sein

«Die vertraute Lebenswelt brach weg, die Leute mussten sich komplett neu orientieren und ihre familiären Beziehungen neu sortieren. Das hat die Einstellungen Betroffener verändert. Sie fragen sich ganz anders, wo sie zuhause sind und welcher Bezugsrahmen für sie wichtig ist - ob Region, Nation oder Europa», erklärte der Forscher. Viele hätten auf einmal empfunden, nur «Bürger zweiter Klasse» zu sein: «Denn die Bedingungen waren für sie selbst anders gesetzt als für die Mitbürger jenseits der Grenze.»
Laut Schütz haben die meisten Studien bisher ergeben, dass ein Teil der Ostdeutschen es so empfindet, dass Erfahrungen aus DDR-Zeiten, Prägung und Herkunft, in gleichem Maße aber auch Erfahrungen in der Umbruchzeit abgewertet werden. Der Bezug auf die lokale Region und Ostdeutschland insgesamt könne als Reaktion darauf gewertet werden. Dass dabei der Begriff Heimat benutzt und aktualisiert wird, lässt sich vor allem vor dem Hintergrund der langen Tradition verstehen, an der die DDR ihren eigenen Anteil hatte.

Ziel sei gewesen, Identifikation mit dem Staat herzustellen

Schütz geht in seiner Arbeit der Frage nach, wie Heimat als politische Idee in der DDR wirksam werden konnte und was das im Alltag bedeutete: «Die SED versuchte über verschiedene Institutionen, die Heimat als Hebel zu benutzen, um die Menschen zum sozialistischen Patriotismus zu erziehen. Das war seit Mitte der 1950-er Jahre Programm. Der 17. Juni 1953 hatte gezeigt, dass sich viele Menschen mit der DDR nicht identifizieren.» Ziel sei es gewesen, Identifikation mit dem Staat herzustellen: «Da das im Großen nicht gelang, versuchte man das über den regionalen Raum herzustellen.»
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Quelle: dpa

| Aktualisierung: Freitag, 2. Oktober 2020 09:06 Uhr

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