Weg vom Heroin: Mehr Ersatzstoff-Angebote für Süchtige

Weg vom Heroin: Mehr Ersatzstoff-Angebote für Süchtige

Die Corona-Krise macht auch Berlins Drogensüchtigen das Alltagsleben schwerer. Es gebe in der Hauptstadt zwar noch genug Heroin auf dem Schwarzmarkt, sagen Insider. «Aber die Dealer sind schwerer zu erreichen und der Stoff ist nicht immer zu haben», sagt Astrid Leicht, Geschäftsführerin des Vereins Fixpunkt. «Wir rechnen deshalb in der nächsten Zeit bei Abhängigen mit Entzugserscheinungen in großem Stil». Eine Gefahr sei, dass Süchtige aus Verzweiflung viele verschiedene Drogen zur gleichen Zeit nähmen und dieses labile Konsumverhalten zu Überdosierungen führe.

Spritzbesteck

© dpa

Ein «Spritzbesteck» mit einer bereits aufgezogenen Heroinspritze.

Der Verein Fixpunkt kümmert sich seit rund 30 Jahren unter anderem um Gesundheitsförderung und Kriminalitätsprävention bei Menschen, die illegale Drogen nehmen. Geschätzt 10 000 Opioid-Abhängige gibt es in der Hauptstadt. Rund die Hälfte von ihnen ist in einem Ersatzdrogen-Programm. Dabei geben rund 150 Berliner Ärzte Ersatzstoffe wie Methadon kontrolliert an Süchtige ab, um sie aus dem Teufelskreis von harten illegalen Drogen samt Beschaffungskriminalität herauszuholen. Substitution heißt diese Hilfe.
Fixpunkt erreicht an drei festen Orten und an drei mobilen Standorten im Monat eienen Angaben zufolge 800 bis 1000 Süchtige. Astrid Leicht schätzt, dass mindestens 200 bis 400 Menschen, die von harten Drogen wie Heroin abhängig sind, in Berlin auf der Straße leben. «Wir haben unsere Konsumräume nicht geschlossen. Die Öffnungszeiten erhöhen wir sogar», sagte Leicht. Aber wichtige Angebote wie Beratungsgespräche liefen nur noch eingeschränkt.
Denn die strengen Abstandsregeln gelten auch bei Fixpunkt. «Damit kommen nicht alle Klienten klar», sagt Leicht. «Es gibt Unsicherheit, Anspannung und Angst in der Szene.» Der Zustand mancher Klienten verschlechtere sich, da sich mit den Ausgehbeschränkungen ihre psychosoziale Situation verändert habe - und es kaum Entlastungsmöglichkeiten gebe.
Das beobachtet auch die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Isolation, finanzielle Unsicherheit und Langeweile begünstigten den Griff zur Flasche, den Klick zum Online-Casino und auch den Konsum illegaler Drogen, heißt es dort.
Astrid Leicht sieht aber auch einige positive Effekte. So sei bei den niedergelassenen Arztpraxen die Höchstgrenze für Substitutionsplätze aufgehoben worden. Das eröffne mehr Heroinabhängigen als sonst die Möglichkeit, vom Schwarzmarkt weg und in ein Drogenersatz-Programm hineinzukommen. Das Bundesministerium für Gesundheit habe den Ernst der Lage verstanden.
«Zurzeit sind Dinge möglich, die vorher nicht möglich waren», sagt Leicht. So stellen zum Beispiel Ärzte bei stabilen Patienten verstärkt Rezepte für Ersatzdrogen für mehrere Tage aus, damit Süchtige nicht jeden Tag in die Praxis kommen müssen. Mediziner dürften auch ohne eine suchtmedizinische Zusatzausbildung mehr Patienten als bisher substituieren.
Doch auch diese Öffnung bringt manchmal Probleme mit sich. Da stabile Patienten zu Hause blieben, sei der Anteil an Suchtkranken, die chaotische Lebensverhältnisse haben, viel größer als sonst, berichtet Suchtmediziner Norbert Lyonn in einem Interview mit der «taz». Nun kämen auch Menschen, die früher Hilfsangebote abgelehnt hätten.
Lyonn leitet die Ambulanz für integrierte Drogenhilfe in Kreuzberg, in der Menschen mit Opiat-Abhängigkeit behandelt werden. Einige Patienten versuchten nun, Druck auszuüben, um Verordnungen für zu Hause zu bekommen, sagte der Mediziner der Zeitung. Dabei bestehe das Risiko, dass sie Rezepte auf dem Schwarzmarkt verkauften. Wer behauptet, eine Verordnung verloren zu haben, bekomme zwar neuen Ersatzstoff - aber nur noch in der Ambulanz.
Die meisten Patienten seien kooperativ und dankbar. Doch es komme auch zu Wutausbrüchen und Beschimpfungen von Menschen mit existenziellen Problemen, berichtet Lyonn in der «taz». Im Moment könne ihnen aber kaum jemand angemessen helfen. Beratungen gibt es zur Zeit meist nur telefonisch und nicht jeder in der Szene hat einen Anschluss oder ein Handy.
Astrid Leicht kann sich vorstellen, dass Fixpunkt in Zukunft neben HIV- und Hepatitis-Tests auch Antikörper-Tests auf Corona anbietet, wenn sie ausgereift und sicher sind. Denn die Sorge, sich mit dem neuen Virus anzustecken, ist in der Drogenszene groß.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Sonntag, 19. April 2020 08:25 Uhr

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