Gruppenfoto mit Bundespräsident und Erinnerung an Mutige

Gruppenfoto mit Bundespräsident und Erinnerung an Mutige

Schüler, einstige DDR-Bürgerrechtler - und zwei frühere inoffizielle Stasi-Mitarbeiter (IM) sind gekommen. Im früheren Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Lichtenberg wird am Mittwoch an die Eroberung des riesigen Areals am 15. Januar 1990 durch Oppositionelle und tausende DDR-Bürger erinnert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich für den Besuch mehr Zeit genommen als das Protokoll vorsah. Er würdigt die Mutigen von einst und ihren «friedlichen Sturm auf die Bastionen der Repression.»

Steinmeier im Stasi-Unterlagen-Archiv

© dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf Besuch im Stasi-Unterlagen-Archiv.

«Es ist der richtige Moment, bei Ihnen zu sein», sagt Steinmeier zu der Diskussionsrunde, in der es um Widerstand und Anpassung in der DDR geht. Er denke, der Blick auf die damalige Zeit sei schärfer und genauer geworden. Ost und West hätten gerade zum 30. Jahrestag des Mauerfalls viel miteinander gesprochen. «Wir haben mehr über unsere Geschichten und damit auch mehr über unsere Geschichte erfahren.» Er wolle ermutigen, das weiter zu tun.
Auf dem Podium sitzt auch Angela Marquardt (48). Sie berichtet den Schülern, wie sie in einer «regimetreuen Familie» aufwuchs und als Jugendliche von der Stasi verpflichtet wurde. «Leute wie ich haben das System gestützt», sagt das heutige SPD-Mitglied. Das müsse sie ihr Leben lang mit sich herumtragen, sagte Marquardt, die früher auch wegen ihrer Punkfrisur für Aufsehen sorgte. Es müsse aber weiter offengelegt werden, wie es funktionierte, Menschen kaputt zu machen, Vertrauen zu zerstören. Das zeige, warum Demokratie so wertvoll sei.
Uwe Schwabe, der einst wegen Flugblättern für Meinungsfreiheit in DDR-Haft kam, sitzt neben Marquardt. Auch er appelliert an die Schüler, sich für Demokratie einzusetzen. Er findet, die geretteten Stasi-Akten seien nicht nur Dokumente von Bespitzelung und Verrat. Sie zeigten auch Mut und Zivilcourage in Situationen, «in denen man schon in der Tinte saß». Das mache den heutigen Wert der Papiere aus.
Der 16-jährige David aus einer Berliner Gemeinschaftsschule zeigt sich nach der Diskussion beeindruckt. Dass die Stasi so stark in das Leben junger Menschen eingegriffen habe, habe er nicht gedacht. «Das war gut», so sein Fazit zu der Runde. Zum Schluss gibt es ein Gruppenfoto mit dem Bundespräsidenten, der bis dahin aufmerksam zuhörte.
An diesem Jahrestag dürfte deutlich geworden sein, dass die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit längst nicht erledigt ist und dass der Blick zurück differenzierter geworden ist. Nun gehe es darum, Brücken in die Zukunft zu bauen, sagt der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. Für ihn ist dieser 15. Januar 1990 ein historischer Tag, ein «Stück der friedlichen Revolution». Aus den Akten sollten gerade Jüngere lernen können, so der einstige Oppositionelle. Deshalb setzt er sich dafür ein, dass der frühere Ort der Repression weiter zu einem Campus der Demokratie ausgebaut wird.
Die am 15. Januar 1990 gestoppte weitere Vernichtung von Stasi-Akten in dem einst abgeschotteten Ministerium hatte zusammen mit einer weiteren Besetzung kurz vor der Wiedervereinigung den Grundstein für den Aufbau der Stasi-Unterlagen-Behörde gelegt. Doch nun stehen Veränderungen an: Alle Unterlagen sollen unter das Dach des Bundesarchivs kommen. Die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen wird es in der jetzigen Form nicht mehr geben.
In den Archiven lagert mehr als 111 Kilometer gerettetes Schriftgut der Staatssicherheit. Zudem gibt es noch mehr als 15 000 Säcke mit zerrissenen und noch nicht erschlossenen Stasi-Papieren. Nur ein kleiner Teil wurde zusammengesetzt, das meiste per Hand. Die Rekonstruktion am Computer solle wieder in Gang gesetzt werden, verspricht der Bundesbeauftragte Jahn.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Mittwoch, 15. Januar 2020 16:54 Uhr

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