Gewalt auf Amateurplätzen: Schiedsrichter in Angst

Gewalt auf Amateurplätzen: Schiedsrichter in Angst

Der Appell vor der Saison nützte nichts. Es war eine Aktion von Hamburger und Berliner Schiedsrichtern. Das Motto: «Gemeinsam für Respekt und Fairness». 191 zahlende Zuschauer kamen zum Saisoneröffnungsspiel in der Berlin-Liga, bei dem Mannschaften, Schiedsrichter und der Berliner Fußballverbands-Chef Bernd Schultz das Plakat zur Aktion hochhielten. Die Hoffnung: Weniger Spielabbrüche, weniger Gewalt und mehr Sportlichkeit auf den Plätzen.

Blick über leeren Fußballplatz

© dpa

Blick über leeren Rasenfußballplatz.

Die Realität: Nicht mal drei Monate später haben bereits zwei Landesverbände jeweils einen kompletten Spieltag unterklassiger Ligen abgesagt. Und die Wortwahl ist deutlicher geworden: «Es darf nicht den ersten toten Schiedsrichter in Deutschland geben», bevor sich etwas ändere, sagte der Berliner Schiedsrichter-Sprecher Ralf Kisting dem Deutschlandfunk.
Im September streikten die Amateur-Schiedsrichter im Saarland. Diesmal waren es die Berliner. Einzelfälle? «Das Problem haben alle, das zieht sich durch», sagte Berlins Schiedsrichter-Chef Jörg Wehling. Er pfiff selbst fast 30 Jahre bis 2010. «Ich habe mich nie unsicher gefühlt auf dem Platz. Aber das hat sich geändert», sagte er in einem Interview der «Süddeutschen Zeitung». «Von unseren Schiedsrichtern höre ich jetzt immer wieder: "Nee, zu dieser Partie gehe ich nicht. Ich habe Angst." Und das gab es früher nicht.» Der Respekt sei nicht mehr da.
In Berlin stieg die Zahl der bisherigen Vorfälle bereits um 20 Prozent. Nach Angaben der Referees wurde in der vergangenen Spielzeit allerdings auch schon jeder siebte Schiedsrichter Opfer von Angriffen.
Im Saarland hatte der Verbandsschiedsrichterausschuss Anfang September wegen eines gewalttätigen Angriffs auf einen Schiedsrichter bei einem C-Jugend-Spiel - 12- bis 14-Jährige - für einen Spieltag im Nachwuchsbereich einen landesweiten Streik ausgerufen. In Berlin sorgten vor allem Zwischenfälle beim Spiel der sechstklassigen Berlin-Liga zwischen dem BSV Al Dersimspor und dem Frohnauer SC im September für Aufsehen. Der Schiedsrichter war von einem Dersimspor-Spieler tätlich angegriffen worden, der daraufhin bis Ende 2020 gesperrt wurde.
Wehling berichtete in der «Süddeutschen Zeitung» auch von einer Morddrohung in der Landesliga im vergangenen Jahr. «In den Kreisligen gibt es immer wieder die Situation, dass die Schiedsrichter geschlagen, getreten oder bedroht werden.» Zuletzt habe bei Spielen in der Kreisliga B sogar die Polizei mit Mannschaftsstärke dazwischengehen müssen, als die beiden Teams aufeinanderlosgegangen waren.
Allzu überraschend kam der Streik der Schiedsrichter für manche daher nicht. «Ich habe beinahe mit solch einer Entscheidung gerechnet und bin absolut dafür. Ich bin selbst seit vielen Jahren auch als Schiri-Beobachter unterwegs und habe zuletzt bei mehreren Spielen erlebt, dass Referees beleidigt und fast angegriffen wurden», sagte der Präsident von Berlin-Liga-Tabellenführer SV Sparta Lichtenberg, Werner Natalis, der «Berliner Zeitung» und dem «Berliner Kurier» (Samstag). «Man muss einmal mit der Faust auf den Tisch hauen, damit sich etwas zum Positiven verändert.»
Vielleicht sollte man zügig einen Runden Tisch einberufen – mit den Vereinen, dem Verband und den Referees − und alle Probleme diskutieren, schlug Stefan Teichmann, Präsident von Berlin-Liga-Aufsteiger Berlin United vor.
Könnten Vergehen nachgewiesen werden, sei es auch möglich, Mannschaften komplett auszuschließen, meinte der BFV-Vizepräsident Gerd Liesegang in der ARD-«Tagesschau» (Samstag). Er sieht das Problem allerdings auch gesamtgesellschaftlich. «Dass wir überlegen, wie treten wir auf, wie nehmen wir Menschen wahr.»
Berlins Schiedsrichter-Chef Wehling fordert konkret bei jedem Spiel zwei Ordner, die vom Verein gestellt werden, an die sich der Schiedsrichter wenden kann. «Und wir brauchen hauptamtliche Kräfte im Sportgericht, damit die Urteile, die Auflagen und Bewährungsstrafen ein Maß erreichen, bei dem man sagt: Ja, das ist eine professionelle Aufarbeitung.» Zudem sollen Spieler eine Schulung in Regelkunde bekommen.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Sonntag, 27. Oktober 2019 10:37 Uhr

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