Bundespräsident: Umbruch traf jede Familie im Osten

Bundespräsident: Umbruch traf jede Familie im Osten

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sieht drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall noch Gesprächsbedarf. Der Umbruch habe vor allem die Ostdeutschen getroffen. «Viele ihrer Geschichten sind noch nicht erzählt und sind noch kein Bestandteil einer gemeinsamen deutschen Erzählung», sagte Steinmeier am Freitag in Berlin. «Ich würde sie gern hören.» Er sei sicher, dass viele ihre Geschichte auch gern erzählen würden.

Gesprächsreihe "Geteilte Geschichte(n)"

© dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei der Veranstaltung.

Im Osten habe der Umbruch «jede einzelne Familie» getroffen, sagte Steinmeier. Millionen hätten ihre Arbeit verloren, viele hätten umschulen müssen oder seien in den Westen gegangen. «Es waren vor allem die Jungen, viele Frauen, die diesen Schritt wagten. Ein riesiger, ein schmerzhafter Aderlass.» Das wirke bis heute fort, in manchen Gegenden fehle eine ganze Generation.
«Das kann uns nicht gleichgültig sein», sagte Steinmeier. Es sei vor allem Aufgabe von Politik, für gleichwertige Lebensverhältnisse in ländlichen Regionen zu sorgen, im Osten wie im Westen. Aber es komme auch auf den Einzelnen an. Es sei ermutigend, dass heute wieder etwas mehr Menschen von West nach Ost zögen als umgekehrt. Steinmeier hatte zum dritten Mal zur Gesprächsreihe «Geteilte Geschichte(n)» ins Schloss Bellevue eingeladen. Thema waren «Weggehen und Heimkehren».
Die Brandenburgerin Stephanie Auras-Lehmann erzählte beispielsweise von ihrer Beratungsstelle «Comeback Elbe-Elster», die sie für Rückkehrer gegründet hat. Auch Autorin Jana Simon, die Enkelin des Schriftstellerpaars Christa und Gerhard Wolf, war zu Gast. Sie hat das Buch «Unter Druck: wie Deutschland sich verändert» geschrieben. Sie forderte die Menschen auf, miteinander im Gespräch zu bleiben.
Steinmeier forderte auch eine ehrliche, aber respektvolle Auseinandersetzung in der Gesellschaft. Was man gewiss nicht brauche - das wolle er auch aus gegebenem Anlass sagen -, «das sind aggressive Gesprächsverhinderungen, Einschüchterung und Angriffe», sagte Steinmeier. Niemand müsse schweigen, wenn ihm etwas nicht gefalle. «Aber andere zum Schweigen bringen zu wollen, nur weil sie das eigene Weltbild irritieren, ist nicht akzeptabel.»
Steinmeier bezog sich damit auf Proteste in Hamburg und Göttingen. In der vergangenen Woche hatten mehrere Hundert Demonstranten eine Vorlesung des AfD-Mitbegründers Bernd Lucke gestört, der als Wirtschaftsprofessor an die Universität Hamburg zurückgekehrt war. Am Montag verhinderten linke Aktivisten beim Göttinger Literaturherbst eine Lesung des Ex-Innenministers Thomas de Maizière (CDU).

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Freitag, 25. Oktober 2019 15:18 Uhr

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