Rammstein: Wir wollen provozieren, aber nicht schocken

Rammstein: Wir wollen provozieren, aber nicht schocken

Nach zehn Jahren kündigt Rammstein einen neuen Song mit provozierendem Video-Schnipsel an. Was folgt, sind Kritik, erregte Reaktionen, Schnappatmung. Nun nehmen die Musiker erstmals Stellung.

Till Lindemann

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Till Lindemann, Sänger der Band Rammstein, steht beim Wacken Open-Air Festival (WOA) auf der Bühne. Foto: Axel Heimken/Archivbild

Berlin (dpa) - Der oft mehrdeutige, mitunter zweifelhafte Umgang mit Texten und Bildern rückt die Musik von Rammstein immer wieder ins Zentrum kritischer Auseinandersetzungen. Die Musiker geben sich nun überrascht angesichts vieler Reaktionen auf ihr «Deutschland»-Video.
«Es geht uns nicht darum, Leute zu schocken», sagte Keyboarder Christian «Flake» Lorenz dem Musikmagazin «Rolling Stone» (Juni-Ausgabe). Die Band nimmt in dem Interview erstmals öffentlich Stellung zur jüngsten Kritik. «Ein Schock ist etwas Lähmendes. Er ruft keine Reaktionen hervor. Das wollen wir nicht. Wir wollen provozieren, Leute in Bewegung bringen.» Lorenz sieht darin das Gegenteil von Unterhaltung. «Wenn man das Publikum unterhalten will, hat man in meinen Augen den Endpunkt der Kunst erreicht. Dann kann man eigentlich auch aufhören.»
Nach zehn Jahren ohne neues Album hatte Rammstein Ende März das «Deutschland»-Video mit einer sofort von Protesten begleiteten Provokation angekündigt: In der kurzen Sequenz, die im kompletten Video kaum noch eine Rolle spielt, sind Mitglieder der Band in Kleidung zu sehen, die an die von KZ-Häftlingen erinnert. «Wer den Holocaust zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch», hatte dazu etwa der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, gesagt.
Eric Remberg, der als «Specter Berlin» das Video produziert hat, sagte im «Rolling Stone» zur Wahl dieser Szene: «Für mich ist es ein Riesenzeichen, wenn Künstler sich in dieser Form das Leid der Opfer anziehen. Und dann zum Schluss das Wort «Deutschland» wie in einer Todesanzeige. Ich weiß nicht, wie man das so falsch verstehen kann.»
Auch Lorenz verteidigt die Auswahl: «Die Sache mit dem Trailer war wichtig, um der Öffentlichkeit zu demonstrieren, wie schnell sie oft reagiert, ohne überhaupt den Hintergrund zu kennen.» Die Reaktion habe Rammstein aktiv provoziert. «Weil wir den Leuten genau das zeigen wollten: wie leichtfertig sie jeden Bissen verschlingen, den man ihnen hinwirft.»
Der Song «Deutschland» selbst ist eine ebenso brutale wie wenig nationale Abrechnung mit 2000 Jahren Geschichte eines Landes, dem der Text von Sänger Till Lindemann sagt: «Meine Liebe kann ich dir nicht geben».
«Der Song handelt von dem ambivalenten Verhältnis, das wir zu Deutschland haben», sagte Lorenz. Das Video zeige, woher dieses Verhältnis komme. Rammstein wollte laut Lorenz kein banales, eindeutiges Lied machen. «Rammstein sind keine Punkband, die "Bullenschweine!" oder "Deutschland verrecke!" ruft. Wir bringen ein solches Thema in eine künstlerische Form, die mit Metaphern spielt und tiefer geht als simple Parolen.»
Metaphern bringen Rammstein immer wieder heftige Kritik ein. Kurz vor Veröffentlichung des neuen Albums lud die Band mit der gut 20 Jahre alten Coverversion «Stripped» von Depeche Mode eines ihrer umstrittensten Videos auf Youtube hoch. Die angeprangerte Nazi-Ästhetik mit Ausschnitten von NS-Ikone Leni Riefenstahl hatten sie selbst schon mal als Grenzüberschreitung bezeichnet.
Am Dienstagabend veröffentlichte die Band nach «Deutschland» und «Radio» das dritte Video aus dem neuen Album, dem Rammstein keinen Namen gegeben hat. Der für Rammstein-Verhältnisse erstaunlich mitklatschfähige Song «Ausländer» dreht sich um einen Lebemann, der international seinem Sexleben frönt.
In der Videovariante kommen die Musiker mit Schwimmweste in einem Schlauchboot paddelnd über das Meer zu einer Insel. Die schwarzen Ureinwohner heißen die als Kolonialisten auftretenden Weißen willkommen. Aufregungspotenzial liegt vielleicht in vielen nackten Brüsten oder der weitgehenden Reduktion von Ureinwohnern auf Tanz, Jagd und Stammesriten, von Frauen auf Sex und Mütter. Für einen neuen Skandal à la Rammstein dürfte das kaum taugen.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Dienstag, 28. Mai 2019 20:10 Uhr

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