«Berlin ist meine zweite Heimat»: Luftbrücke vor 70 Jahren

«Berlin ist meine zweite Heimat»: Luftbrücke vor 70 Jahren

Ununterbrochen flogen die Maschinen West-Berlin an. Landen, entladen, betanken, erneut starten, und das im Minutentakt. Der monströse Aufwand zur Rettung des blockierten West-Berlins, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, ist heute kaum noch vorstellbar.

Michael Müller und Katarina Barley beim Fest der Luftbrücke

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Michael Müller (SPD, l), Regierender Bürgermeister von Berlin, und Katarina Barley (SPD), Bundesjustizministerin. Foto: Bernd von Jutrczenka

Berlin (dpa/bb) - Den bewegendsten Auftritt bot sicher der 98 Jahre alte Gail Halvorsen. Vor 70 Jahren war er Pilot der US-Luftwaffe und versorgte West-Berlin mit Lebensmitteln. Am Sonntagmorgen stand Halvorsen mit grüner Uniformjacke und Orden vor dem Luftbrückendenkmal am früheren Flughafen Tempelhof. Er rief den Gästen der Gedenkfeier zum Ende der sowjetischen Blockade 1949 laut zu: «Berlin ist meine zweite Heimat.» Da standen die Bürgermeister, Senatoren und Botschafter auf und klatschten begeistert.
Halvorsen wurde berühmt, weil er während der Luftbrücke im Landeanflug selbstgebastelte Taschentuch-Fallschirme mit Schokolade und Kaugummis für die Kinder abgeworfen hatte. Nun absolvierte der alte Ex-Pilot in Berlin ein tagelanges Gedenkprogramm.
Mit seinen beiden Töchtern besuchte er am Samstag den Baseballverein Berlin Braves, der seinen Platz auf dem alten Flughafen in «Gail S. Halvorsen Park - Home of the Berlin Braves» umbenannte. «Er hat damals viel für die Kinder getan», sagte ein Vereinssprecher. Am Sonntagnachmittag war noch ein kurzer Auftritt mit Kindern beim Fest der Luftbrücke geplant. Am Montag sollte Halvorsen schließlich «Ehrenschüler» einer nach ihm benannten Schule in Berlin-Dahlem werden.
Bei der feierlichen Gedenkzeremonie am Sonntag sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD): «Die Luftbrücke zeigte den Menschen, dass sie nicht allein gelassen wurden.» Die Berliner würden das «nie vergessen». Müller berichtete von den Erfahrungen seiner Familie, die früher nur wenige Straßen entfernt vom Flughafen lebte. «Mein Vater hat hier als Kind miterlebt, wie die Rosinenbomber zur Hoffnung für die Berliner wurden», sagte Müller. «Seine Familie hörte Tag und Nacht dieses Brummen.»
Auch Justizministerin Katarina Barley (SPD), die einen britischen Vater hat, wählte emotionale Worte. Mit der Luftbrücke sei «Unmögliches möglich geworden». Barley erinnerte an die verunglückten Piloten und andere Tote. «Es wurden Opfer gebracht, um Freiheit und Demokratie in ein Land zu bringen, von dem man selbst noch wenige Jahre zuvor angegriffen wurde.»
Während der Blockade West-Berlins vom 26. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949 hatten Amerikaner, Briten und Franzosen die mehr als zwei Millionen Einwohner der geteilten Stadt mit Flugzeugen versorgt. Mit fast 280 000 Flügen brachten sie mehr als zwei Millionen Tonnen Kohle, Lebensmittel und andere Güter in die Stadt. Zeitweise landete alle drei Minuten ein Flugzeug.
Für einige zehntausend Besucher des Luftbrücken-Festes lebte die Nachkriegszeit zumindest in der Anschauung kurz auf. «Troop Carrier» stand auf einem alten, silbernen Propellerflugzeug der US-Luftwaffe unter dem riesigen Vordach des alten Flughafens. Von der Bühne klang der Klassiker «Lilli Marleen» herüber. In den großen Hangars, in denen früher die Flugzeuge standen, posierten Besucher vor alten Feuerwehrautos zwischen Care-Paketen, und Säcken voll Kohlen oder Kartoffeln. Gezeigt wurden Filme, Fotos und alte Briefe.
Erinnerungen der Großeltern und Eltern an die Luftbrücke prägen für manche Besucher das Bild bis heute. «Meine Mutter erzählte später immer von dem Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den Amerikanern während der Blockade», sagte eine 62-Jährige aus Kreuzberg. Ein junger Mann hatte von seinem Großvater Berichte gehört. «Dass die Menschen damals diese harten Nachkriegswinter so durchgehalten haben, kann man sich heute kaum noch vorstellen.»
Einen kleinen Schatten erhielt der Gedenktag aus Sicht der Politik nur durch den langjährigen Verbündeten USA. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte noch am Samstag den damaligen Zusammenhalt der westlichen Welt gelobt. «Diese Einsatzbereitschaft war die ausgestreckte Hand der ehemaligen Kriegsgegner an Deutschland.»
Bei den Feiern am Sonntag fehlte dann der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell. Eine Absage oder Begründung habe es nicht gegeben, hieß es vom Senat. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) nannte das Fehlen gegenüber der «Berliner Morgenpost» «traurig und bedauerlich». Grenell gilt als politischer Vertrauter von US-Präsident Donald Trump.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Sonntag, 12. Mai 2019 16:40 Uhr

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