Portrait Leo Borchard

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Bild: Archiv

Geboren wird Leo Borchard im März 1899 in Moskau, wo er noch als Abiturient die russische Revolution erlebt. Er studiert Musik, genauer Violine, bei bekannten Meistern dieses Instruments. Danach wendet er sich der Kompositionslehre zu und erhält in Berlin eine Ausbildung als Pianist.

Von 1920 ab, als er endgültig nach Deutschland übersiedelt, widmet er sich nur noch seiner Dirigentenlaufbahn. Er wird Korrepetitor an der Städtischen Oper in Berlin unter Otto Klemperer. Es folgt die Berufung als Erster Kapellmeister am Rundfunk in Königsberg.

Er gibt Gastspiele als Dirigent an verschiedenen deutschen Sendern und dirigiert im Januar 1933 – im deutschen Schicksalsjahr – zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker.

Es folgen zahlreiche Konzerte mit dem Orchester, bei denen er sich besonders
für Werke moderner Musik einsetzt.

Zwar erhält er 1935 in Deutschland wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ Auftrittsverbot, dennoch gibt er auch noch während des Krieges zahlreiche Auslandsgastspiele.

Bereits 1938 bildet sich um ihn und seine Lebensgefährtin, die Journalistin Ruth
Andreas-Friedrich, eine Widerstandsgruppe unter dem Decknamen „Onkel Emil“. Sie kümmern sich um rassisch und politisch verfolgte Mitbürger, gewähren Unterschlupf, besorgen ihnen – gefälschte – Ausweise und beschaffen Lebensmittelkarten. So sichern sie das Überleben dieser Menschen, darunter vieler Juden. Ruth Andreas-Friedrich hat diese Zeit in ihrem Tagebuch unter dem Titel „Der Schattenmann“ mit großer Eindringlichkeit festgehalten. Leo Borchard ist für diese Gruppe eine wichtige Stütze, insbesondere durch seine zahlreichen Kontakte, die Auslandsaufenthalte, aber nicht zuletzt sind es auch seine Konsequenz und die Kompromisslosigkeit seiner menschlichen Haltung.

Borchard bleibt auch während der letzten Kriegsmonate in Berlin. So kann er unmittelbar nach dem Zusammenbruch die verstreuten Musiker der Berliner Philharmoniker aufspüren und sammeln und so den Wiederaufbau des Orchesters beginnen. Er schafft das Unglaubliche: Bereits drei Wochen nach der Kapitulation gibt er im Titania-Palast in der Steglitzer Schlossstraße das erste Konzert der Philharmoniker.

Die Erlaubnis dazu erhält er von den Besatzungsmächten aufgrund seines hohen und untadeligen künstlerischen und menschlichen Ansehens. Tausend Menschen sitzen in stummer Erwartung im Saal, als es dunkel wird. Gekommen sind sie aus ihren Trümmerwohnungen, aus den Sorgen des Alltags und den Ängsten der Nacht – zu Fuß, per Rad. Und sie lauschen den zarten Klängen von Felix Mendelssohns „Sommernachtstraum“, einer Musik, welcher ein Joseph Goebbels als „jüdisches Machwerk“ die Existenzberechtigung abgesprochen hatte. Eindrucksvoll beschreibt Ruth Andreas-Friedrich in ihrem Tagebuch diese Aufführung und die Gefühle der Menschen, die diese Musik als Keim der Hoffnung erleben.

Die Philharmoniker wählen Leo Borchard zum ersten ständigen Dirigenten. Er dirigiert 21 Konzerte in den knapp drei Monaten, die ihm noch verbleiben. Durch einen tragischen Unglücksfall – er wird versehentlich von einem US-Soldaten erschossen – stirbt er am 23. August 1945. Zurück bleibt das Andenken an einen Musiker mit herausragenden künstlerischen Fähigkeiten und einen Menschen, der durch Hilfsbereitschaft, Wahrhaftigkeit und Freiheitswillen ein Vorbild geworden ist.

Die Musikschule des Bezirks Steglitz-Zehlendorf trägt seit 1990 seinen Namen.

LEO BORCHARD * 31. März 1899 † 23. August 1945

Wolfgang Schönebeck in “Steglitzer Heimat Nr. 142”, November 2010