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2018 - "Paradise Island" mit Dietmar Wischmeyer

Jugendliche stehen vor einem Bildschirm, auf dem ein Foto von Dietmar Wischmeyer zu sehen ist.

Es war ein Spiel in mehreren Runden – Ende ungewiss.
Zu Beginn erhielten die 20 Teilnehmer einen Brief des Leiters von Paradise Island. Sie wurden auf Verfügung des Stifters der Insel namens Egon Must per Zufallsprinzip auserwählt, den Rest ihres Lebens dort verbringen zu dürfen und mussten in 10 Episoden nachweisen, dass sie verrückt genug sind, um dort integriert werden zu können.

Wie ging das Spiel weiter?

Blumen im Vordergrund mir blauem Meer im Hintergrund

In der zweiten Runde wurden die Bewerber aufgefordert, ein ihnen zugesandtes, anonymisiertes Bewerberschreiben hinsichtlich vorgegebener Kriterien auf seine Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Das heißt, jetzt war Ellenbogenmentalität gefragt! Je besser man den anderen beurteilte, um so mehr sanken die eigenen Chancen. Das war neu und ungewohnt, für Egoismus belohnt zu werden! Manche liefen dabei zu Höchstform auf, anderen fiel es sichtlich schwer, so dass sich in ihre Bewertungen lobende Worte für den Text des Gegners einschlichen.
Alle 20 Analysen wurden dann der Insel-Direktion zugeschickt.

Vier Wochen später erreichte die Teilnehmer der dritte Brief. Zusammen mit diesem bekamen sie zugeschickt:
  • das eigene Bewerbungsschreiben aus der ersten Runde für Paradise Island
  • die Beurteilung, die einer der Mitbewerber über dieses Bewerbungsschreiben für Paradise Island verfasst hat
  • die Beurteilung, die sie über das Bewerbungsschreiben eines ihrer Mitbewerbers verfasst hatten

Alles natürlich anonymisiert.

Jetzt waren die Teilnehmer wieder an der Reihe, dem Paradise-Island-Team (Wischmeyer) zu antworten und einzuschätzen, welcher der zwei Gruppen sie das Team wohl zugeordnet hat​. Als Premium-Gast im goldenen Käfig oder als Security mit geringerem Standard, aber mehr Freiheiten. Wichtig war, dass sie sich erstens in der von ihnen eingenommenen Rolle analysieren und dann auch noch darüber nachdenken sollten, wie sie vom Insel-Team auf der Basis der bisherigen Briefe eingeschätzt wurden. Diese Vermutung mussten sie begründen.
Lagen sie falsch, wären sie raus gewesen aus dem Spiel, wurde ihnen suggeriert. Eine Aufgabe mit hohem, ungewohnten Schwierigkeitsgrad!

Und dann kam der letzte Brief, der mit wenigen Worten alles wieder gerade rückte. Aber lesen Sie selbst!

Das Buch ist für 5,00 € in der Mark-Twain-Bibliothek erhältlich.

Dietmar Wischmeyer über "Paradise Island"

Portraifoto von Dietmar Wischmeyer

Dieser Storytausch war insofern ungewöhnlich, als keine Geschichten weitererzählt wurden, es war eher ein Rollentausch. Die Erzähler mussten zuerst in die Rolle des ambivalenten Sich-für-verrückt-Ausgebenden schlüpfen. Schon das war nicht einfach, denn wie erkläre ich jemandem schriftlich, dass ich verrückt bin, dies aber in „nicht-verrückter“ Diktion. Trotz dieser Schwierigkeiten haben alle diese Hürde erstaunlich gut gemeistert, einige sogar so überzeugend, dass man tatsächlich den Eindruck haben könnte, man sei der Wahrheit auf der Spur. Im zweiten Schritt nun wechselten sie von der Rolle des Bewerbers in die des Jurors und sollten die Bewerbungen eines anderen beurteilen. Schwierig daran war, dass sie ja nicht nur „Bewerter“ waren, sondern gleichzeitig noch in der alten, eigenen Rolle des „Bewerbers“ verharrten. Hier drohte das Spiel allmählich an seinen eigenen Ansprüchen zu scheitern und selbstkritisch finde ich im Nachhinein diese Aufgabe etwas zu überdreht. Umso respektabler, dass die Spieler auch hier dabeigeblieben sind und mit viel Spaß an der Kritik die Texte ihrer Mitbewerber auseinandergenommen haben. Im dritten Schritt wurde es noch verworrener, nun wurde das Feld geteilt in Premiumgäste und deren Bewacher, eine Entscheidung zwischen Luxus oder Bewegungsfreiheit. Zudem wurde behauptet, die Entscheidung sei längst gefallen und man überprüfe nur noch in der Selbsteinschätzung der Bewerber, ob man richtig liege. Hier war das Rollenspiel nun endgültig auf dem Gipfel der Verwirrtheit angelangt und dennoch haben (fast) alle die Herausforderung angenommen. Im Nachhinein fand ich (meine) Spielidee, die sich erst im weiteren Verlaufe endgültig entwickelt hat, als zu verworren. Positiv ist mir aber deutlich geworden, welch riesige Bedeutung der schriftliche Ausdruck für unsere Rolle als zivilisierter Mensch hat. Es geht nicht nur um „schulische“ Fertigkeiten wie Rechtschreibung oder Vielfalt im Ausdruck – um die natürlich auch – das Wichtigste ist jedoch, dass allein der Text die Möglichkeit offeriert, in die Gedankenwelt, die Psyche und die Rolle eines anderen Menschen zu schlüpfen und ihn – hoffentlich – danach besser zu verstehen. Das leistet kein Bildmedium, es bleibt dabei immer an der Oberfläche. Deshalb kann man das Projekt „Storytausch“ nicht hoch genug bewerten und hoffen, dass es noch viel Unterstützung findet.
Denn ich glaube – oder befürchte – dass diese Form des Reinschlüpfens in die Gedankenwelt eines anderen Menschen durch einen literarischen Text in der Schule kaum noch eine Rolle spielt. Oder schreibt man dort z.B. Aufsätze mit dem Thema. „Wie ich einmal einen Tag lang mein Lehrer war“ oder „Als ich mich selbst als meine Eltern erziehen musste“? Die Liste ließ sich endlos fortsetzen. Zum Schluss noch eine letzte Aufgabe an alle, die dazu Lust haben: „Wenn ich nicht ich, sondern ein anderer wäre, wer wäre ich dann am liebsten?“

Viel Spaß auf Paradise Island wünscht Dietmar Wischmeyer

Eindrücke von der Lesung

Bühne mit Akteuren und Publikum in mehreren Stuhlreihen
Bild: Frank Ludwig

Hier geht’s zum Fotoalbum mit vielen tollen Schnappschüssen von der Lesung mit Dietmar Wischmeyer am 15.12.2018.
Alle Fotos: © Frank Ludwig

Paradise Island - Gesamtversion

Storytausch 8: Text

PDF-Dokument (8.5 MB)