Drecoll: Rechtspopulisten wollen Erinnerungskultur verändern

Drecoll: Rechtspopulisten wollen Erinnerungskultur verändern

Rechtspopulistische Strömungen in der Bevölkerung erschweren den Brandenburgischen Gedenkstätten die pädagogische Arbeit zur Erinnerung an den NS-Terror, sagt Stiftungsdirektor Drecoll. Für die Zukunft setzt Drecoll auf mehr digitale Angebote.

Axel Drecoll

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Stiftungsdirektor stellt Jahresprogramm für Gedenkstätten vor. Foto: Ralf Hirschberger

Potsdam (dpa/bb) - Das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen erschwert die Arbeit der Brandenburgischen Gedenkstätten nach eigener Einschätzung erheblich. «Der Versuch, die Erinnerungskultur durch die Verharmlosung der NS-Geschichte fundamental zu verändern, betrifft die Arbeit der Gedenkstätten unmittelbar», sagte Stiftungsdirektor Axel Drecoll am Mittwoch auf der Jahrespressekonferenz in Potsdam. «Das ist eine Bedrohung, eine Gefahr und konterkariert unsere Arbeit.» Daher gelte es, das Gedenken und die Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen und ein kritisches Geschichtsbewusstsein in dem veränderten politischen Umfeld zu verteidigen und zu stärken.
Dabei sei das Interesse der Besucher aus aller Welt ungebrochen hoch, berichtete Drecoll. In die größte Gedenkstätte Sachsenhausen kamen im vergangenen Jahr wieder mehr als 700 000 Besucher, in alle sechs Gedenkstätten in Brandenburg kamen etwa 850 000 Gäste. Die Stiftung Gedenkstätte wolle auch ganz bewusst die Brandenburger erreichen, betonte Drecoll. Daher soll im Juni auf einer Podiumsdiskussion in Sachsenhausen über Rechtspopulismus und Erinnerungskultur diskutiert werden.
Im vergangenen Juli war eine Besuchergruppe der AfD aus dem Wahlkreis der AfD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Alice Weidel, vom Gelände der Gedenkstätte verwiesen worden. Teilnehmer der Gruppe sollen Tatsachen zum Massenmord wie die Existenz von Gaskammern in Abrede gestellt haben. Inzwischen werde gegen zwei Beschuldigte wegen Volksverhetzung ermittelt, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Neuruppin, Wilfried Lehmann, am Mittwoch auf Anfrage. Zuerst hatten die «Potsdamer Neuesten Nachrichten» (online) berichtet.
Die pädagogische Arbeit mit den Gästen soll zunehmend durch digitale Angebote ergänzt werden. Dafür sollen geeignete Formate entwickelt werden. So soll es in der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasiemorde einen virtuellen Rundgang über das Gelände geben. Im Rahmen eines Ausstellungsprojekts zur bürokratischen Organisation des KZ-Terrors soll die Wirkung und Wahrnehmung interaktiver Ausstellungsformen erforscht werden. Auch der museale Bestand in den Depots soll digital gesichert werden.
In Fürstenberg/Havel wird im September der 60. Jahrestag der Gründung der Gedenkstätte Ravensbrück in dem ehemaligen Frauenkonzentrationslager begangen. Bis dahin sollen dort die Sanierung des Wasserwerks und des Zellenbaus sowie die Wiederherstellung des Südgeländes abgeschlossen sein. Zum Jubiläum wird eine Ausstellung über deutsche politische Häftlinge gezeigt.
In den Gedenkstätten wurden im vergangenen Jahr zehn Ausstellungen gezeigt und mehr als 80 Veranstaltungen, unter anderem mit Zeitzeugen angeboten. Für die Besucher gab es rund 4500 pädagogische Führungen und Workshops. Wegen des großen Interesses von Hunderttausenden Gästen aus aller Welt haben die Gedenkstätten 4,5 zusätzliche Stellen, insbesondere für Gedenkstätten-Pädagogen, bewilligt bekommen. Zudem erhöhten der Bund und das Land Brandenburg den Jahreshaushalt der Stiftung und der Potsdamer Gedenkstätte Leistikowstraße um rund 800 000 Euro auf gut 7,7 Millionen Euro im Jahr 2019.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Mittwoch, 13. Februar 2019 16:40 Uhr

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