Juwelendiebstahl: Razzia und Festnahmen in Berlin

Juwelendiebstahl: Razzia und Festnahmen in Berlin

Fast genau ein Jahr nach dem Einbruch und Kunstdiebstahl im historischen Grünen Gewölbe in Dresden haben die Ermittler einen großen Schritt zur Aufklärung des spektakulären Falles gemacht. Im Zuge einer Großrazzia in den frühen Morgenstunden in Berlin nahm die Polizei am Dienstag drei von derzeit fünf dringend Tatverdächtigen fest. Die jungen Männer im Alter zwischen 23 und 26 Jahren stammen aus dem Clan-Milieu und sind in Untersuchungshaft, wie die Dresdner Staatsanwaltschaft mitteilte. Nach zwei 21-jährigen Zwillingsbrüdern, gegen die ebenso Haftbefehle wegen schweren Bandendiebstahls und Brandstiftung bestehen, wird nun international gefahndet.

Polizeifahrzeuge stehen in der Gitschiner Straße

© dpa

Polizeifahrzeuge stehen in der Gitschiner Straße.

An dem großangelegten Einsatz in Berlin waren knapp 1640 Polizeibeamte aus acht Bundesländern beteiligt, darunter Spezialkräfte des Bundes sowie der Länder Berlin und Sachsen. Insgesamt wurden 20 Wohnungen, zwei Garagen, ein Café sowie mehrere Fahrzeuge vorwiegend im Bezirk Neukölln durchsucht. Dabei stellten Beamte unter anderem zahlreiche Speichermedien sowie Bekleidungsstücke und geringe Mengen Betäubungsmittel sicher. «Die gestohlenen Kunstschätze wurden bislang nicht aufgefunden», so die Staatsanwaltschaft.
Bei einem der spektakulärsten Einbrüche der vergangenen Jahrzehnte hatten Unbekannte am 25. November 2019 aus dem berühmten Dresdner Schatzkammerkammermuseum aus dem 18. Jahrhundert Schmuckstücke aus Brillanten und Diamanten von kaum messbarem Wert gestohlen. Sie waren am frühen Morgen gewaltsam ins Residenzschlosses eingedrungen, hatten ein Fenstergitter durchtrennt, das Fenster herausgestemmt, im Juwelenzimmer mit einer Axt Löcher in die Vitrine mit den prächtigsten Stücken gehackt und zugegriffen. Der Coup, der auch international Schlagzeilen machte, dauerte nur wenige Minuten. Als die Polizei eintraf, waren Diebe und Beute verschwunden.
Die Auswertung von Überwachungskamera-Aufnahmen und die Untersuchung eines Fluchtautos brachten die Soko «Epaulette», auf die Spur der Verdächtigen. Die vor und während des Diebstahls aufgenommen Bilder gaben den Ermittlern wertvolle Hinweise zum Verhalten der Täter, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärte. Kriminaltechniker hätten am Tatort wichtige Spuren gesichert. Weitere Hinweise habe die Polizei aus einem sichergestellten Fluchtauto erlangt, einem als Taxi getarnten Mercedes 500.
Die Beschuldigten gehören zu einer polizeibekannten arabischstämmigen Großfamilie - nach Angaben der Ermittler handelt es sich um den Berliner Remmo-Clan. Dieser wird auch für andere große Straftaten wie den Goldmünzen-Diebstahl aus dem Berliner Bode-Museum 2017 verantwortlich gemacht.
Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) sprach von einem großen Schlag gegen das organisierte Verbrechen. «Ich hoffe, dass es uns so gelingen wird, den Verbleib des gestohlenen Staatsschatzes aufzuklären», sagte er am Abend der Deutschen Presse-Agentur. Wenn die Täter wirklich gefasst seien, «wäre das ein großer Erfolg und es wäre ein gutes Signal in schwierigen Zeiten», sagte Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU). «Jetzt endlich dürfen wir Hoffnung haben, die gestohlenen Juwelen zurückzubekommen.»
Auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) glauben weiter an die Rückkehr ihrer Schätze. «Die aktuellen Entwicklungen in Berlin geben uns große Hoffnung», sagte Generaldirektorin Marion Ackermann. «Da müsste man sehr viel Glück haben, dass man die ein Jahr nach der Tat noch finden würde», sagte indes der Sprecher der Dresdner Polizei, Thomas Geithner. Die Staatsanwaltschaft will eine zeitnahe Anklageerhebung. Ganz klar sei aber auch: «Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit», sagte deren Sprecher.
Im Zusammenhang mit der Fahndung suchte die Polizei nach einem grauen Renault Megane neueren Baujahrs mit dem amtlichen Kennzeichen B-HB 306, mit dem einer der Flüchtigen unterwegs sein sollte. Das Fahrzeug wurde gefunden, wie die Dresdner Staatsanwaltschaft am Abend mitteilte. Nähere Angaben dazu machte sie nicht. Die Fahndung nach den beiden dringend Tatverdächtigen in dem Fall Grünes Gewölbe dauere an. Dabei handelt es sich um zwei 21 Jahre alte Zwillingsbrüder aus dem Berliner Clan, zu dem auch die drei bereits Festgenommenen gehören.
Bereits im September waren im Zusammenhang mit dem Fluchtauto der Täter Betriebe in Berlin durchsucht worden. In einem Neuköllner Internet-Café und eine Wohnung hatte die Soko «Epaulette» Beweismaterial gefunden. Für Hinweise zur Ergreifung der Täter ist eine Belohnung von einer halben Million Euro ausgesetzt. Die für die Aufklärung gebildete Sonderkommission «Epaulette» - benannt nach einem der gestohlenen kostbaren Schmuckstücke - hat nach derzeitigem Stand sechs unmittelbar Beteiligte im Visier. Fünf davon sind dringend tatverdächtig.
In die Freude in der Elbestadt mischte sich auch Kritik aus dem Landtag. Für den Chef der Linke-Fraktion Rico Gebhardt bleiben nach einer möglichen Aufklärung des Falls «viele Fragen offen», etwa es zu dem Einbruch «ins angebliche «Fort Knox» kommen konnte, wessen Versäumnisse den Tätern zum Erfolg verhalfen, wie und warum sie den Tatort unbehelligt verlassen konnten.
Die AfD-Fraktion sieht keinen Grund für «Jubelmeldungen», weil unter anderem vom «Kunstschatz» weiter jede Spur fehlt. Sie warf der Regierung vor, dass bisher keine personellen Konsequenzen nach dem Kunstraub gezogen wurden.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Dienstag, 17. November 2020 19:13 Uhr

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