Weniger Scheu am Einsamkeitstelefon in Coronazeit

Weniger Scheu am Einsamkeitstelefon in Coronazeit

Die Corona-Krise hat nach Einschätzung des Einsamkeitstelefons «Silbernetz» an Tabus gerüttelt. «Corona hat das Thema Einsamkeit und Vereinsamung ein Stück weit in die Normalität gebracht», sagte Gründerin Elke Schilling der Deutschen Presse-Agentur. Es riefen zum Beispiel doppelt so viele Männer an wie früher und auch jüngere Menschen ab 30. Je länger die Krise dauere, desto häufiger sprächen hochbetagte Anrufer aber auch über Lebensmüdigkeit.

Eine Mitarbeiterin der Telefonseelsorge nimmt ein Telefonat an

© dpa

Eine Mitarbeiterin der Telefonseelsorge nimmt ein Telefonat an.

Seit rund acht Wochen ist das Einsamkeitstelefon, das vor eineinhalb Jahren nach britischem Vorbild entstand, bundesweit geschaltet. Seitdem hätten 2500 Menschen das Angebot genutzt, einfach mal zu reden, berichtete Schilling. Die 16 festen Mitarbeiter und 45 ehrenamtlichen Freiwilligen sind in Gesprächsführung und im Zuhören geschult, sie beraten aber nicht. In Krisensituationen geben sie auf Wunsch Kontakte zu professionellen Helfern weiter.

Altersdurchschnitt der Anrufer deutlich gesunken

Vor Corona habe es als Defizit gegolten, wenn jemand nicht im Stande war, seine sozialen Kontakte zu pflegen, sagte Schilling. «Nun ist das plötzlich etwas Normales geworden.» Darüber könnten jetzt auch mehr Männer sprechen. Machten sie früher rund zehn bis zwölf Prozent aller Anrufer aus, sei es jetzt ein gutes Drittel.
Es gebe nun zwei Gruppen von Anrufern: Diejenigen, die sich schon vor der Krise einsam fühlten. «Und dazu nun die Menschen, die aus ihrem aktiven und vernetzten Leben heraus- und in ihre eigen vier Wänden hineingeschubst wurden.» Der Altersdurchschnitt aller Anrufer liege nun bei 60 Jahren - und damit rund zehn Jahre niedriger als vor der Pandemie. «Es rufen jetzt auch Menschen ab 30 an», sagte Schilling. Auch drei Kinder seien schon in der Leitung gewesen. «Sie haben gesagt, niemand höre ihnen zu.»

Ältere Menschen bangen um ihre Restlebenszeit

Neu für die Zuhörer am Telefon sind seit dem Beginn der Corona-Krise im März bis zu fünf Mal mehr Anrufe von Menschen, die lebensmüde erscheinen. Es seien immer noch Einzelfälle - aber eben deutlich mehr als früher, erläuterte Schilling. «Sie hinterfragen angesichts der äußeren Umstände den Sinn des Lebens. Da stehen oft Zukunftsängste dahinter.» Unter den Anrufern seien zumeist sehr alte Menschen, die sich Gedanken über ihre Restlebenszeit machten. «Meist ist es die Ungewissheit, ob sie jemals wieder vernünftig rauskommen können.» Hinein mischten sich vor allem in Stadtzentren aber auch diffuse Versorgungs- und Existenzängste - zum Beispiel vor Mieterhöhungen nach der Krise.
Für manche älteren Anrufer sei das Einsamkeitstelefon inzwischen so etwas wie ein Familienersatz. Auch, wenn sie eine Familie hätten. Sie sorgten sich darum, Kindern und Enkeln zur Last zu fallen. Oder den Satz zu hören: «Nicht schon wieder diese Geschichte.» Es gehe häufig um Einsamkeitsgefühle und nicht um den Fakt, dass ein Mensch zwei Wochen lang mit niemandem gesprochen habe, ergänzte die Gründerin. «Aber das gibt es auch.»

Schilling: Viele Anrufer vermissen Umarmungen

Elke Schilling ist selbst 75 Jahre alt. «Ich bin inzwischen süchtig nach Berührung», berichtete sie. Auch viele Anrufer vermissten vor allem Umarmungen. Die Lockerungen in der Pandemie verschafften vielen Anrufern noch keine Erleichterung. Denn ältere Menschen gehörten zu Risikogruppen. «Auch ich merke diese Frustration», sagte Schilling. Weil eine Teilhabe am Leben von vorneherein unter das Diktum gestellt werde: Du solltest lieber zu Hause bleiben - inklusive schräger Blicke auf weiße Haare. Das wirke auf sie diskriminierend, sagt Schilling. «Ich will nicht zu Hause bleiben. Rausgehen ist für mich wie eine Autonomiekundgebung.» Statt U- und S-Bahn fahre sie jetzt Fahrrad. Auch am Telefon gebe es solche Stimmen: «Ich sterbe doch lieber durch Corona als durch Einsamkeit», sagte ein älterer Mann.
Das Einsamkeitstelefon finanziert sich über Mittel der Jobcenter und Privatspenden für die Telefonrechnung. Die Anrufe sind kostenlos und auf Wusch anonym. Träger ist zur Zeit der Humanistische Verband. Zu erreichen ist das Silbernetz täglich von 8 bis 22 Uhr unter der Nummer 0800 4708090.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Montag, 18. Mai 2020 08:52 Uhr

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