Massentests in Senioren-Einrichtungen: Amtsärzte skeptisch

Massentests in Senioren-Einrichtungen: Amtsärzte skeptisch

Die Pläne der Berliner Gesundheitsverwaltung für flächendeckende und regelmäßige Corona-Tests in Alten- und Pflegeheimen stoßen bei Amtsärzten in der Hauptstadt auf Bedenken. «Wir sehen das mit großer Skepsis und sind in die Planung nicht mit einbezogen worden», sagte Reinickendorfs Amtsarzt Patrick Larscheid der Deutschen Presse-Agentur. «Das hat nicht unsere Zustimmung.» Auch die Berliner Krankenhausgesellschaft wundert sich über manche spontane Entscheidungen der Gesundheitsverwaltung. So seien Kliniken für Bewohner aus evakuierten Seniorenheimen ohne Krankheitsanzeichen der falsche Ort.

Patrick Larscheid lehnt an einer Wand

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Patrick Larscheid lehnt an einer Wand.

Mit Blick auf Senioren-Einrichtungen sei es eine planlose Vorstellung, alle einfach mal durchzutesten, kritisierte Amtsarzt Larscheid. Selbst wenn das regelmäßig geschehen solle. «Niemand hat ein Konzept, welche Häuser man da nimmt. Und Ausbruchsgeschehen bearbeitet das zuständige Gesundheitsamt ja ohnehin.»
Zuletzt war eine Berliner Seniorenresidenz im Bezirk Lichtenberg wegen 28 bekannter Corona-Infektionen unter den Bewohnern in der Nacht zu Dienstag komplett geräumt worden. 75 weitere Senioren waren aus dem Haus gebracht worden und kamen in neun Krankenhäusern unter.
Auch an diesem Vorgehen gibt es einige Zweifel. Die Berliner Krankenhausgesellschaft wünscht sich ein anderes Notfallkonzept für solche Evakuierungsmaßnahmen. «Wenn Senioren keine Covid-Patienten sind, ist eine Klinik der falsche Ort für sie», sagte Sprecherin Barbara Ogrinz. Es müsse andere Aufnahmeeinrichtungen geben, die Krankenhäuser hätten andere Aufgaben. Und Fehlbelegungen bekommen sie nicht erstattet.
Moritz Quiske, Sprecher der Senatsgesundheitsverwaltung, rechtfertigte die Entscheidung am Donnerstag als «im ersten Schritt richtig». Für betagte und demente Menschen habe es in diesem Moment keinen anderen Ort als eine Klinik geben können. Diese Lösung sei aber ein «konzeptioneller Zwischenschritt». Über Kostenerstattungen werde nach einer Kalkulation nachgedacht.
Mit Stand vom Donnerstag waren laut Quiske in Berlin 186 Infektionen von Alten- und Pflegeheimbewohnern und 41 Todesfälle bekannt. 102 Menschen vom Personal haben sich ebenfalls angesteckt. Darin sind die Zahlen des jüngsten Ausbruchs in der Seniorenresidenz noch nicht enthalten. Die Staatsanwaltschaft ermittele, sagte Quiske. Ergebnisse seien ihm noch nicht bekannt.
Flächendeckende und regelmäßige Tests in Senioren-Einrichtungen, die Patientenschützer begrüßen, könnten nach Ansicht von Amtsarzt Larscheid allerdings an der Praxis scheitern. «Da ist allein schon die Frage, ob das duldungspflichtig ist», sagte er. Der Mediziner sieht darüber hinaus das Problem einer Scheinsicherheit durch eine solche Maßnahme. Denn ein Test sei immer nur eine Momentaufnahme.
Allerdings hatte auch das Robert Koch-Institut am Donnerstag eine Ausweitung der Test auf Senioren-Einrichtungen vorgeschlagen. Mit dem Argument, Menschen seien bereits vor den ersten Symptomen infektiös und könnten dadurch andere anstecken.
Die größte Sicherheit für Bewohner sei aus seiner Sicht ausreichendes und ausreichend qualifiziertes Personal mit entsprechenden Verhaltensregeln in einer Einrichtung, betonte Larscheid. Das Personal dürfe nicht in andere Bereiche wechseln - und es müsse ausreichend Schutzmaterial vorhanden sein. «Wenn konsequent mit Hygienemaßnahmen gearbeitet wird, sind die Bewohner gut geschützt», bilanzierte er.

Quelle: dpa

| Aktualisierung: Donnerstag, 30. April 2020 18:09 Uhr

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