Ländliches Leben in städtischen Messehallen

März April 2019

Fahnenmeer zur Grünen Woche
Bild: Gero Schreier

von Ursula A. Kolbe

Alle Jahre wieder heißt es zu Anfang eines neuen Jahres: Türen auf für die Besucher der Internationalen Grünen Woche. Und zur nunmehr 84. Auflage strömten wieder wie im Vorjahr rund 400.000 Messe- und Kongressbesucher aus 75 Ländern in die Messehallen unter dem Berliner Funkturm.

Das Agrarbusiness zog Bilanz, umriss die neuen Aufgaben in Land- und Tierwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Im Blick die Digitalisierung des Wirtschaftszweiges wie im ländlichen Raum, der anstehende Brexit, den wohl kaum einen in Ruhe lässt, breite Diskussionen um „Tierwohl“ und „Lebensmittelkennzeichnung“, die Sicherung der Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung. Die Palette ist groß.

Vor allem aber hieß es wieder kosten, kosten, kosten, was auf den Feldern wächst und im Stall heranwächst. Die Auswahl unter den Produkten der 1.750 Aussteller aus 61 Ländern war riesig und geschmackvoll. Das Motto: „Heute auf der Grünen Woche – morgen im Handel“. Und so mancher war auf der Suche danach, was uns denn die Zukunft denn so auf den Teller bringt.

Partnerland Finnland und seine Lebensmittel aus der wilden Natur

Im nördlichsten Agrarland der EU, das im zweiten Halbjahr die
EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, beruht die traditionelle Küche vor allem auf Fisch, besonders Lachs, Maränen, Hechten oder Heringen – zusammen mit Kartoffeln oder Brot serviert; als Fleisch liegt vor allem Lamm oder (im Norden) Rentier auf dem Teller. Typisch auch, es wird viel geräuchert und eingesalzen. Die Schweine-Blutwurst „Mustamakkara“ wird ebenfalls sehr gern meist mit Preiselbeerkonfitüre gegessen.

Finnland ist ja das nördlichste Land und demzufolge die Wachstumsperiode kurz. Aber das bringt auch Vorteile. Die langen und hellen Sommertage beschleunigen die Entwicklung der Pflanzen, geben vielen Beeren und Gemüsesorten ihren einzigartigen Geschmack. Außerdem reinigt der kalte Winter den Boden und reduziert das Auftreten von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen.

Übrigens kommt ein Drittel des Kümmels weltweit von hier. Er gedeiht in den langen hellen Sommernächten und ist bekannt für seine Reinheit und das reiche Aroma. Auch der Hafer wächst bestens im ersten nordischen Partnerland. Als einer seiner größten Produzenten und Exporteure auf der Welt stand auf der Messe besonders seine Qualität im Mittelpunkt.

Und natürlich interessierte die Besucher auch die Tourismusangebote, die sechs Regionen gemeinsam mit ihren Lebensmitteln präsentierten: So in Südwest Finnland, das südöstlich gelegene Seenland Saimaa, die Westliche Seenplatte, die östlichste, an der Grenze zu Rußland gelegene Provinz Nordkarelien und die in Nordfinnland liegenden Provinz Kainuu.

Suomi, wie Finnland in der Landessprache heißt, ist auch ein Land des Waldes. Über 70 Prozent der Bodenfläche bedecken Wälder. Die Bestände sind vollständig erkundet, die Informationen für alle Akteure in elektronischer Form leicht zugänglich. Das bietet eine gute Grundlage für die finnische Bioökonomie und eine nachhaltige, verantwortungsbewusste Nutzung der Wälder. Denn: Sie wachsen mehr als sie gerodet werden, und für jeden gefällten Baum werden vier neue gepflanzt.

Kulinarisches Netzwerk „Baltic Sea Culinary Routes“

Zu einer kulinarischen Rundreise durch den Ostseeraum hatten neun Ostseeanrainerstaaten und eine skandinavische Nation am Messestand Estland eingeladen. Repräsentanten aus Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Rußland und Schweden engagieren sich im Projekt „Baltic Sea Food – eine Weiterentwicklung des Netzwerks „Baltic Sea Culinary Routes“ – um mehr regionale Produkte in den Handel zu bringen. In Zusammenarbeit mit dem Verein LANDURLAUB Mecklenburg-Vorpommern ist der Landestourismusverband sowohl beim Netzwerk als auch beim Projekt als aktiver Partner beteiligt.

Von der Hanfbutter bis zum Rauchsauna-Speck – immer sind es kleine Handwerksbetriebe, in denen vom Brot über Fleisch, Fisch, Gemüse und Kräuter bis zu Getränken und süßen Leckereien das Können die Garantie für Qualität ist. Und das sind meist Familienbetriebe, die keine großen Mengen produzieren.
Also: Um mehr als die Nachbarn in der Region oder einige lukullische Philanthropen zu begeistern, haben sich 80 Regionalvermarktungsinitiativen und 109 Händler, alles Klein- und Kleinstunternehmen, zusammengeschlossen, um gemeinsam mehr Aufmerksamkeit für ihre Produkte zu erzielen. Dabei sollen neue Zielgruppen erreicht und zugleich für ihre Regionen als Reiseziele geworben werden.

Das Projekt „Baltic Sea Food“ ist Teil der „Baltic Sea Culinary Routes“. Sie vereinen nicht nur Landwirte und Produzenten von Lebensmitteln, sondern auch Köche in den Regionen, die aus den lokalen Nahrungsmitteln einzigartige Speisen kreieren. Dadurch werden z. B. Restaurants Ziele von Touristen, die den Ostseeraum kulinarisch entdecken. Das alles wirkt über Ländergrenzen hinweg auch identitätsstiftend und stärkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit unbeschadet der einzelnen, eigenständigen Kulturen.

Die Grüne Woche bot sich da an, solche Erfahrungen weiter zu geben, neue Geschäftsbeziehungen anzubahnen und natürlich auch, die Produkte bei den Verbrauchern zu testen. So z. B. dänische Salami mit Fenchel und schwarzem Pfeffer und luftgetrockneter Schinken vom Metzger Christiansen von der Insel Fanoe, Stralsunder Marzipan, estnischer cremiger Waldhonig aus Tahkuranna mit Moosbeeren, Schwarzbrot mit geräuchertem Schweinefleisch aus Litauen, Garnelencocktail aus Nordnorwegen oder auch Spezialitäten aus dem russischen Wald.

Zu Gast beim Entenwirt in der Bayernhalle

Grüne-Woche-Atmosphäre – Lebens- und Genussfreude pur auch in der Bayernhalle. Und der Entenwirt aus Samerberg mittendrin. Seit nunmehr neun Jahren wacht er über das Wohl der Gäste im Messe-Biergarten. Seine Spezialität natürlich: Die Ente. Rund 3.000 Portionen der gefiederten Köstlichkeit kommen neben anderen Köstlichkeiten an den Messetagen auf den Tisch.

Außerhalb dieser Zeit betreibt Gastwirt Peter Schrödl seit mehreren Jahrzehnten seine Wirtschaft in Samerberg, Alpenhochtal Samerberg. Er ist gelernter Metzger, erwarb den Koch-Brief und später auch den Hotelbetriebswirt. Als er vor 30 Jahren ein altes Haus abreißen ließ, neu baute und sich dann selbständig machte, ahnte er sicher nicht, wie stolz er heute auf das mit seiner Familie und dem gesamten Team Erreichte – die weithin bekannte Gastwirtschaft – sein kann.

Gastwirt Schrödl verkörpert bayerisches Lebensgefühl pur. Für ihn ist ein gut gehendes Wirtshaus Teil und Stütze ländlichen Lebens, auch seines persönlichen Wohnumfeldes und vermittelt dies in seiner Person und seinem Wirken auch den Gästen von überall her. Dieses Anliegen war übrigens auch Thema eines kleinen Journalistentreffs u. a. mit dem Mitglied des Bundestages Karl Holmeier, Astrid von Rauhecker, die sich dafür vom Chiemsee-Alpen-Stand „losgeeist“ hatte – es herrschte ja sehr reger Andrang – und Anton Hötzelsberger, Pressesprecher des Bayerischen Trachtenverbandes.

So hatte eingangs Karl Holmeier auch mit Blick auf seine Heimatgemeinde Weiding und den Wahlkreisen Cham und Schwandorf konstatiert, dass Wirtshäuser ins Dorf gehören, Leib und Seele seien. Und das umso mehr, da der Tourismus auch in den ländlichen Regionen wachse.

Noch mal ein kurzer Blick auf Samerberg mit einem Zitat aus der Broschüre „Samerberg – Das Wanderparadies“, in der die Gemeinde mit ihren über 70 Ortsteilen mit alten Bauernhöfen und auch über 20 bayerisch geführten Gastwirtschaften beschrieben wird: „Eine knusprig gebratene Ente bei Deutschlands 1. Entenwirt oder die klassische Schweinshaxe, dazu ein würziges Bier von einer der vielfach prämierten Rosenheimer Brauereien lassen bayerisches Lebensgefühl auf der Zunge zergehen.

Einzigartig und besonders während einer Wanderung oder Radtour einladend sind die zahlreichen Almwirtschaften. Abseits des Touristenrummels bieten sie herrliche Ausblicke, stille Einkehr und Kultur pur zugleich. Viele Bauernhöfe im Tal bieten Ihnen einen unvergesslichen Urlaub mit selbstgemachten Produkten. Besonders beliebt sind Käse- Schnapsproben.”

Ja, das Wirtshaus, das wurde deutlich, ist ein Teil gelebter ländlicher Kultur, ein Ort der Begegnung, des Austausches und auch der Unterhaltung. Dass darf nicht weniger, das muss z. T. wiederbelebt und ausgebaut werden. Gerade in den ländlichen Gegenden.