Sandkastenspiele

Januar Februar 2019

Ein Pershing-Flugkörper der Bundeswehr 1969
Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F 029235-0037

von Rudolf Winterfeldt

Nur mit einem Lendenschurz und einem Kopfschmuck aus Federn bekleidete Männer springen um ein Lagerfeuer herum und schwingen ihre Streitäxte. Jeder Junge kennt diese Szene aus Indianergeschichten. Was hat das zu bedeuten? So können nur „Unwissende“ fragen. Es ist die mentale Vorbereitung der Krieger auf einen bevorstehenden Kampf, den der Häuptling befahl. Klar zu erkennen, der Häuptling ist der „Spieler“ und die Krieger die „Kandidaten“. Das ganze Leben ist ein Spiel?

Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen, wie Machthaber ihr „Spiel“ getrieben haben. In ihrem Auftrag haben hohe Militärs Kriegsstrategien in „Sandkästen“ erarbeitet. Diese „Spiele“ wurden später in die Tat umgesetzt. Notwendige Soldaten stellte das Volk, das durch Propaganda mental auf diese Kriege vorbereitet wurde. Ein Spiel? Ja, ein blutiges Spiel und die „Kandidaten“ wurden geopfert. Durch die Propaganda waren sie so beeinflusst, dass sie sogar damit einverstanden waren.

In der Zeit des „Kalten Krieges“ war ich selbst in bestimmte „Sandkastenspiele“ einbezogen. Wir nannten es „Landesverteidigung“ und ich war, durch entsprechende Propaganda, davon überzeugt, dass es eine wichtige Aufgabe für mich war, um meinen Staat und sein Volk vor Schäden zu schützen. Was ich allerdings dabei erkannte, war die Tatsache, dass die Weltmächte das deutsche Territorium, sowohl die BRD als auch die DDR, als sogenannte Pufferzone verwendeten. Die damalige Stationierung von Atomraketen in beiden deutschen Staaten (ab 1983 in der BRD und ab 1984 in der DDR) diente wohl dem Zweck, in einem Krieg der Mächtigen, die ersten Schläge auf dieses Gebiet zu konzentrieren.

Damit wären beide deutsche Staaten dem Erdboden gleichgemacht und atomar verseucht. Ein Durchmarsch von Bodentruppen in beiden Richtungen für einen größeren Zeitraum nicht möglich oder doch erschwert. Ich kann mich erinnern, dass ich als Chef der Feuerwehr den Auftrag hatte, in einem solchen atomar verseuchten Gebiet, Wassergassen zu schlagen, um Rettungswege bzw. Marschstraßen zu schaffen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Einsatzkräfte einen solchen Einsatz nicht ohne Schäden überstehen, war sehr groß. Trotzdem habe ich so geplant und die „Verluste“ hingenommen. Ich war in diesem Fall „Spieler“ und meine Feuerwehrmänner waren die „Kandidaten“. Das ganze Leben ist ein Spiel?

Was „spielt“ heute die Politik? Die Legislative beschließt Gesetze, an die sich jeder Bürger des Volkes zu halten hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob er damit einverstanden ist oder nicht. Ich denke dabei an Kriege oder auch, z.B. bei uns, an Reformen. Die „Spieler“ sitzen an den Hebeln der Macht und die „Kandidaten“ sind die „Kleinen Leute“, die letztendlich die Suppe auszulöffeln haben. Hier wird ganz klar sichtbar: „Das ganze Leben ist ein Spiel“.

Nun sind aber die Menschen mit den Jahren auch klüger geworden und lassen nicht mehr alles mit sich machen. Jetzt kommt, notwendigerweise, die „Moderne Propaganda“ ins Spiel.

Von 1917 bis 1919 wurde in den USA die „Creel-Kommission“, benannt nach seinem Vorsitzenden George Creel, ins Leben gerufen. Diese Kommission gilt als Vorgänger der heutigen „Modernen Propaganda“ oder besser „Public-Relations-Industrie“ was so viel bedeutet wie „Öffentlichkeitsarbeit-Industrie“. Sie hatte die Aufgabe, das amerikanische Volk psychologisch auf den Krieg mit Deutschland vorzubereiten.

75.000 Propagandisten arbeiteten im Auftrag dieser Kommission in den USA. Unterstützt wurde diese Aktion durch besondere Filme wie: „Die Klauen der Hunnen“, „Der preußische Hundesohn“ und „Der Kaiser, die Bestie von Berlin“. Walter Lippmann, Mitglied dieser Kommission, entwickelte eine „Demokratie-Theorie“, welche besagt, dass das Volk im Wesentlichen aus zwei Klassen bestehe:

Einerseits aus der Klasse der Spezialisten, die aktiv mit den Angelegenheiten der Allgemeinheit betraut ist und die Entscheidungen trifft, andererseits aus der großen Mehrheit, die, mangels eigenen Wissens, zur Unterstützung der „vernünftigen“ Entscheidungen der Spezialisten gebracht werden müsse. Kann man da möglicher Weise heute Parallelen erkennen? Das ganze Leben ist ein Spiel?

Ja, man muss es einfach begreifen, dass Menschen, die die Macht haben, andere manipulieren und sie für ihr „Spiel“ vorbereiten. Kein Spieler kann ohne Kandidaten, oder anderen Geständen, spielen. Das ist im Kleinen so wie im Großen und wir sind nun mal entweder „Spieler“ oder „Kandidaten“. HaPe Kerkeling hat schon recht, wenn er singt: „Das ganze Leben ist ein Spiel und wir sind nur die Kandidaten“.