Gipfelglück für „Flachland-Tiroler“

Blick auf die Berliner Hütte im Zillertal in den Tiroler Alpen
Blick auf die Berliner Hütte im Zillertal in den Tiroler Alpen
Bild: TIROL WERBUNG

von Hans-Jürgen Rudolf

Die Sehnsucht nach der Bergwelt mit klarer Luft und und unberührter Natur scheint den Berlinern im Blut zu liegen. Wie wäre es sonst möglich, dass die Berliner Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV), der im Sommer seinen 150. Geburtstag feierte, mit rund 20.100 Mitgliedern nach Hertha BSC und dem 1. FC Union den dritten Platz unter den mitgliederstärksten Vereinen der Stadt einnimmt?

Als vor 150 Jahren der Alpenverein und am 3. November 1869 die Sektion Berlin gegründet wurde, war sie die Sektion mit der größten Entfernung zu den Alpen. So verwundert es nicht, dass in den Anfangsjahren die Schar der Bergbegeisterten in Preußens Metropole überschaubar blieb. Doch die Berliner fanden das richtige Rezept für alpenferne Bergfans: Im Zentrum die Bergsteigerei und rundherum die richtige Mischung für die Zeit zwischen den Bergtouren. Hütten- und Wegebau, Wanderungen im Umland, Alpenbälle, Kletterfahrten in das Elbsandsteingebirge und schon sehr früh winterliche Ausflüge mit dem Schneeschuh.

So wuchs das in den Anfangsjahren zarte Pflänzchen „Sektion Berlin“ zu einem stattlichen Gebilde heran, war zeitweilig die zweitgrößte Sektion des Alpenvereins (nach München und vor Wien) und vereint heute tausende Bergbegeisterte zu einer Gemeinschaft, die Bergsport im Team und dennoch selbstverantwortlich ausübt, die in die Berge will und dennoch den Naturschutz achtet. Und die vor allem die Alpen für weitere 150 Jahre als einen Ort erhalten will, in dem Ruhe, Herausforderung, Naturerleben und Nervenkitzel weiterhin zu Hause sind.

Die Sehnsucht preußischer Flachländler nach Gipfelglück währt seit 1869 also unvermindert. Eineinhalb Jahrhunderte nach der Gründung des DAV ist Bergsport so angesagt wie nie und reicht in alle Gesellschaftsschichten hinein. Ging es den DAV-Gründern 1869 vor allem darum, „die Bereisung der Alpen zu erleichtern und die Kenntnis der Alpen zu verbreitern“, zeigt sich der weltgrößte Bergsteigerverband in der Gegenwart weit vielfältiger und ist längst von großer gesellschaftlicher Bedeutung.

Schutzhütte mit Telefonanschluss,Postamt und Schuhmacher-Werkstatt

Der Deutsche Alpenverein betreibt heute 132 Schutzhütten in Tirol. Einige davon wurden schon vor über 100 Jahren von unterschiedlichen Sektionen des DAV gebaut. Bayern, Baden-Württemberg. Sachsen, Nordrhein-Westfalen oder Berlin gaben ihren Schutz- oder Wanderhütten Namen ihrer Städte. So kann man heute noch auf die Kölner, die Dresdner oder die Berliner Hütte wandern.Ein Höhepunkt in der Geschichte der Berliner Sektion war der Bau der Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen in Tirol.

Die Berliner Hütte ist ursprünglich die älteste Schutzhütte der Zillertaler Alpen. 1879 wurde sie mit einer Größe von 10 × 6 m Grundfläche eröffnet und sollte in den nächsten Jahren durch Zu- und Anbauten eine der größten Hütten im Alpenraum werden.

Die Berliner Hütte ist Stützpunkt des Berliner Höhenwegs und ein einzigartiges alpines Museum der Gründerzeit. Prunkstück der ersten denkmalgeschützten Hütte der Alpen ist der ca. 5 m hohe zirbengetäfelte Speisesaal. Die Hütte bietet auf Schritt und Tritt ein Erlebnis, selbst wenn draußen das Wetter mal keine Touren erlauben sollte. Mit eigener Post- und Telegrafenstation, Telefon, Gaserzeugungsanlage, Wasserkraftwerk, Backstube und Schuhmacherwerkstatt bot die Hütte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Technik und Service auf höchstem Niveau.

Noch heute sind Eingangshalle, der Esssaal und der Damensalon mehr als sehenswert und Zeugen der damaligen Zeit. Nicht umsonst wurde die Berliner Hütte als erste Alpenvereinshütte schon 1996 unter Denkmalschutz gestellt! Seither muss sie auf Grund ihrer Besonderheiten so erhalten werden, wie sie ist. Restauriert wird nach alten Plänen und so gibt es in guter Berliner Tradition rund um die Hütte immer eine Baustelle.

Die Hütte liegt in einem Hochtal, der Schwarzensteinalm, auf der im Sommer Schafe, Kühe und Pferde weiden. Hier bieten sich mehrere Ausflugsziele in der Umgebung an, wie die Ausläufer von Horn- und Schwarzensteinkees oder der Schwarzsee. Anspruchsvolle Gipfelziele der Umgebung sind Schwarzenstein und Berliner Spitze, noch immer mit Gletscherbegehungen.

Gerade für die Hochsaison ist eine frühzeitige Buchung angesagt, will man eins der vielen kleinen Zimmer erhalten, was sich bei einem Aufenthalt, der über eine Nacht hinausgeht, anbietet. Und das ist bei der Berliner Hütte allemal empfehlenswert!

Sechs Schutzhütten sind heute noch im Besitz der Sektion Berlin. Dazu gehören im Zillertal neben der Berliner Hütte noch das Friesenberghaus und das Furtschlaglhaus sowie im Ötztal die Martin-Busch-Hütte, das Hochjoch Hospitz und das Brandenburger Haus, die mit 3.277 Metern höchst gelegene Schutzhütte des DAV.

Themen am Puls der Zeit

Das starke Wachstum des DAV ist vor allem bedingt durch das Interesse an den Bergen und dem Verhältnis des Menschen zur Natur sowie zu sportlicher Betätigung. „Deutschlandweit begeistern sich die Menschen für den Bergsport, die Berge und einen nachhaltigen Umgang mit ihnen. Das Verhältnis zu Natur und Sport hat sich damit in den letzten 150 Jahren massiv gewandelt“, sagt Dr. Olaf Tabor, Geschäftsführer des DAV.

Themen des DAV sind heute Themen der breiten Gesellschaft. Diskussionen um Erschließungsprojekte und die weitere Zukunft des Alpenraums werden heute mit großer öffentlicher Beteiligung und medialer Aufmerksamkeit geführt. Das Klettern ist 2020 in Tokio erstmals olympische Disziplin. Damit treffen die historisch gewachsenen Tätigkeitsfelder des Deutschen Alpenvereins den Puls unserer Zeit wie nie zuvor. Was gestern Verdienst war, kann heute Verhängnis sein: Einst waren die Bemühungen darauf gerichtet, die Bergwelt als Erholungsraum zu erschließen. Doch inzwischen gibt es ein Problem – es sind schlichtweg zu viele Touristen in den Alpen unterwegs.

Josef Klenner, DAV-Präsident stellt in diesem Zusammenhang fest.“ Das Netz ist seit den 1970er Jahren abgeschlossen. Es gibt genug Hütten und Wege. Man muss nicht mehr bauen – auch für den Schutz der Berge sollte man darauf verzichten.“

Erschließung versus Naturschutz. Das ist das Dilemma, in dem der Verband steckt. Die Alpen glühen. Die Erderwärmung lässt die Temperaturen steigen. Gletscher verschwinden. Schon jetzt gibt es weniger von Enzian und Edelweiss, während andere Pflanzen und Tiere sich in immer höhere Hanglagen wagen. In niedrigen Lagen gibt es keine Schneesicherheit mehr. Dann müssen sie künstlich beschneien, was wieder schlecht fürs Klima ist und noch mehr Eis schmelzen lässt. Bis Ende des Jahrhunderts könnten die Alpen so gut wie eisfrei sein. Das bestätigt eine aktuelle Studie von Schweizer Forschern.

Knapp 150 Jahre nach der Gründung des DAV ist Bergsport so angesagt wie nie und reicht in alle Gesellschaftsschichten hinein. Während Bilder der Berge unter Hashtags wie #bergliebe oder #wandern ganz Deutschland überspülen, erfährt der DAV bundesweit Mitgliederzahlen in nie gekannter Höhe. Ging es den DAV-Gründern 1869 vor allem darum, „die Bereisung der Alpen zu erleichtern und die Kenntnis der Alpen zu verbreitern“, zeigt sich der weltgrößte Bergsteigerverband im Jubiläumsjahr 2019 weit vielfältiger und ist längst von großer gesellschaftlicher Bedeutung.