Der Mensch selbst zerstört sein Leben

Juli August 2019

Gefährdeter kolumbianischer Kolibri
Gefährdeter kolumbianischer Kolibri
Bild: AFP

von Ursula A. Kolbe

Die neuesten Fakten zur weltweiten Artenvielfalt liegen auf dem Tisch. Geballt und ungeschönt: Bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Und schuld daran ist der Mensch selbst. Durch sein Eingreifen in die Natur hat er das globale Artensterben dermaßen beschleunigt, dass seine eigene Existenz in Gefahr ist.

So steht es im Bericht des Weltrates für Biodiversität der 132 IPBES-Mitglieder, der nach mehrtägigen Verhandlungen in Paris gefasst worden ist. Für diesen ersten umfangreichsten Bericht seit 14 Jahren haben 145 Wissenschaftler aus 50 Ländern mehr als 15.000 Studien u. a. Quellen ausgewertet und eine Bilanz der Biodiversität über die letzten 50 Jahre gezogen.

Wie gesagt, der Bericht vermittelt ein düsteres Bild vom Zustand unserer Erde. Demnach sind von den geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten bis zu einer Million vom Aussterben bedroht, viele davon bereits in den kommenden Jahrzehnten. Schon heute leben auf der Welt durchschnittlich etwa 20 Prozent weniger Arten als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mehr als 40 Prozent der Amphibienarten, 33 Prozent aller riffbildenden Korallen sowie mehr als ein Drittel aller Meeressäugetiere sind laut Bericht akut bedroht.

Außerdem seien seit dem 16. Jahrhundert mindestens 680 Wirbeltierarten ausgestorben sowie mehr als neun Prozent aller domestizierenden Säugetierrassen, die für Ernährung und Landwirtschaft verwendet werden. Zusätzlich seien drei Viertel der Landfläche und zwei Drittel der Meere entscheidend durch den Menschen verändert worden. Solche negative Veränderungen seien weit weniger gravierend oder nicht existent in Gebieten, die von indigenen Völkern oder lokalen Gemeinschaften verwaltet würden.

Was sind die fünf wichtigsten Faktoren für diese Entwicklungen? Im Bericht wird geschlussfolgert, dass es sich in absteigender Reihenfolge ihrer Bedeutung dabei um veränderte Land- und Meeresnutzung, direkte Nutzung von Pflanzen und Tieren, den Klimawandel, Verschmutzung und invasive Arten handelt. Zumindest in einigen Bereichen, betonen die Forscher, werde aber der Klimawandel in den nächsten Jahren wieder an die Spitze der Bedeutung rücken.

Netz des Lebens franst immer mehr aus

„Das essentielle Netz des Lebens wird kleiner und franst immer mehr aus“, so Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, der neben der Argentinierin Sandra Diaz und dem brasilianischen Anthropologen Eduardo Brondizio Hauptautor des IPBES-Berichtes ist. „Dieser Verlust ist eine Folge menschlichen Handelns und stellt eine direkte Bedrohung für das menschliche Wohlbefinden in allen Regionen der Welt dar“, sagte Settele. „Beängstigend“ seien die Ergebnisse, betonte der Leiter des IPBES-Berichts, Sir Robert Watson. Die Gesundheit der Ökosysteme, von denen Menschen und andere Spezis abhingen, verschlechtere sich schneller denn je. Die Menschheit sei dabei, die Grundlagen von Einkommen, Ernährung, Gesundheit und Lebensqualität zu beseitigen.

Diese Erkenntnis ist einer der Kernpunkte des Berichts. Denn der Schwund der Artenvielfalt sei inzwischen so weit fortgeschritten, dass sich seine Folgen negativ auf den Menschen auswirken werden. Bis zu 80 Prozent der von den Vereinten Nationen festgelegten Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) seien bedroht, wenn der Mensch weiter in dieser Geschwindigkeit seine Lebensgrundlage zerstört. Der Verlust an Biodiversität sei also nicht nur ein reines Umweltthema, sondern auch eine Bedrohung für die globale Entwicklung, Wirtschaft und Sicherheit.

Überhaupt hängen zahlreiche der im Bericht aufgelisteten Entwicklungen eng mit dem rasanten Wachstum der Bevölkerung zusammen. So ist der größte Treiber des Artenschwundes die Landwirtschaft durch den Menschen. Seit 1970 haben sich die Ernteerträge verdreifacht und der Holzeinschlag nahezu verdoppelt. Zusätzlich werden jedes Jahr 60 Milliarden Tonnen erneuerbare und nichterneuerbare Rohstoffe abgebaut – fast doppelt so viele wie noch 1980. Die mit Städten bebaute Gesamtfläche ist inzwischen mehr als doppelt so groß wie noch 1992. Gar verzehnfacht hat sich seit 1980 die Plastikmüll-Verschmutzung, Unmengen anderer Gifte, Abfallstoffe gelangen in Gewässer.

Den bisherigen Bemühungen der Menschheit, die biologische Vielfalt im Rahmen von UNO-Abkommen besser zu schützen, wurde ein katastrophales Zeugnis ausgestellt. So seien bisher nur vier der 20 Aichi-Ziele erreicht, die die Staatengemeinschaft 2010 in Japan verabschiedet hatte. Bis 2020 sollten u. a. der Verlust an natürlichen Lebensräumen halbiert, die Überfischung der Weltmeere gestoppt sowie 17 Prozent der Meere unter Schutz gestellt werden. Die meisten Ziele seien bis nächstes Jahr nicht mehr zu erreichen.

Was können wir in Deutschland tun?

Thomas Borsch, Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin sowie Prof. für Systematik und Biogeografie der Pflanzen an der FU, der mehrere Projekte zum Thema Artenvielfalt leitet, stellt auch die Frage in den Raum, was wir in Deutschland tun können. Er sagt im „Tagesspiegel“: Wir müssen die artenreichen Lebensräume und Vorkommen seltener Arten überall dort sichern, wo sie noch vorhanden sind. Damit kann auch erreicht werden, dass die genetische Variabilität weiter verfügbar ist. Viele Arten haben nur so langfristig eine Überlebenschance.

Wir brauchen wissenschaftlich fundierte, gezielte Artenschutz-Strategien auch bei Pflanzen. Hierbei müssen Prioritäten gesetzt werden. Die Erfahrungen aus bisherigen Artenschutz-Projekten zeigen aber, dass gute Erfolge möglich sind“, betont Borsch und erklärt weiter, ganzheitlich vorgehen zu müssen, denn: „Insektenschutz ist vor allem Schutz und Wiederherstellung der natürlichen Lebensräume von Insekten. Pflanzenvielfalt ist hier der Schlüssel, denn gerade seltene Insekten sind auf seltene Pflanzen spezialisiert.

Ein globales Umdenken bei Konsum, Landwirtschaft und Mobilität würde ebenso gegen das Artensterben helfen. Denn viele Arten sterben selbst in den Schutzgebieten, etwa durch Substanzen aus der Landwirtschaft. Und Artenschutz ist auch Klimaschutz: Wer etwa Moore, Feuchtgebiete und Feuchtgrünland entwässert, zerstört nicht nur Artenvielfalt, sondern setzt auch viel CO2 frei.

Noch ist es nicht zu spät“, appelliert der Wissenschaftler, „aber wir können uns weitere Verluste nicht leisten. Wir brauchen keine Samentüten, sondern konsequente politische Weichenstellung, und möglichst international. Und wir müssen alle aktiv werden! Denn Verursacher des großen Sterbens ist der Mensch.“