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Ausleben - Gedanken an den Tod verschiebt man gerne aufspäter

September Oktober 2020

Titel des Buches
Titel des Buches
Bild: Christoph Merian Verlag

von Ursula A. Kolbe

„Ausleben“ – der Titel setzt Ausrufe-, aber auch Fragezeichen. Auf jeden Fall fordert er aber dazu auf, dieses Buch in die Hand zu nehmen, sich darin zu vertiefen. Geht es hier doch um nichts weniger als um die Gedanken, Ängste und Hoffnungen mit Blick auf den eigenen Tod alter Menschen.

In diesem Buch geht es um Lebensgeschichten von Schweizer Frauen und Männern. Ob eine Bergbäuerin, Hebamme oder Richterin, ob Architekt, Verdingbub oder Nobelpreisträger: In allen 15 Porträts blicken Menschen im Alter zwischen 83 und 111 auf ihr Leben zurück, auf ihre Gedanken mit dem Blick nach vorn. Offen reflektieren sie ihr bisheriges Sein.

„Die Begegnungen mit den Menschen in diesem Buch waren von Beginn an eine wunderbare Erfahrung“, schreibt die Autorin Mena Kost im Vorwort. „Die Fotografin Annette Bouteller und ich wurde überall freundlich und offen empfangen. ….Nie zuvor haben wir so viele zuverlässige, aufgeräumte und ehrliche Menschen zum Gespräch getroffen. Es war eine große Bereicherung, einen Einblick in all diese Leben zu erhalten“.

Werner Arber z. B., der Basler Mikrobiologe und Nobelpreisträger, Jahrgang 1929. Als Naturwissenschaftler sieht er Sinn im ständigen Kommen und Gehen von Menschen und Tieren, Pflanzen und Bakterien: eine schlichte Notwendigkeit der Natur. Getragen fühlt er sich vom Wissen, dass über sein Lebenswerk hinaus etwas von ihm zurückbleibt – seine Kinder und Nachkommen werden seine Erbinformationen auf ewig weitertragen.

Oder der 89jährige Charles Probst aus Bern. Jahrelang hat er nie über sein Leben gesprochen. Erst heute kann er von seiner Kindheit als Verdingbub erzählen. Nie wurde er beim Namen genannt, immer nur „der Bub“ gerufen, und er war wie schon sein Großvater und seine Mutter verdingt, die ihn übrigens als uneheliches Kind des Bauern auf die Welt brachte. Nach der obligatorischen Pockenimpfung als Achtjähriger bekam er einen schweren Ausschlag, kam ins Spital, später wollte ihn der Bauer nicht zurück. Nächste Stationen waren weitere Bauernhöfe, eine Arbeitsanstalt für schwererziehbare Kinder….

Später kam er frei, hatte aber nie sein Kassenbüchlein erhalten. Das ganze Leben war ein Auf und Ab, ist in der ganzen Welt herumgekommen. Er war verheiratet, hat zwei Kinder, ist geschieden und heute in einer neuen Beziehung. Und er sagt: „Ich hatte ein verpfuschtes Leben, das schon. Aber ich habe gelebt, ich habe gekämpft und mich durchgebracht.“

Eines machen die 15 Porträts deutlich: Gemeinsam sind allen die altersbedingten Einschränkungen. Der Tod erwartet uns alle. Die einen gehen voraus, die anderen kommen hinterher. Es lohnt sich, diese Gedanken zu lesen.

Christoph Merian Verlag
Basel, Schweiz
ISBN 978 -3 – 85616 – 914 – 5