„Die Übernahme“ - Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

Januar Februar 2020

Titel des Buches
Titel des Buches
Bild: Verlag C.H. Beck

von Günter Knackfuß

30 Jahre nach dem Mauerfall hat der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk Bilanz gezogen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? Und weshalb sind Populisten und Extremisten hier so erfolgreich? Ohne Scheuklappen stellt er in seinem Buch harte Fakten neben persönliche Erfahrungen – und liefert damit das politische Buch der Stunde.

Die Revolution in der DDR kam völlig überraschend. Als die Mauer fiel, hatte niemand damit gerechnet. Die Herstellung der deutschen Einheit erfolgte in einem rasanten Tempo. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Die Menschen mussten ihren Alltag, ihr Leben von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt.

Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt in seinem kurzweiligen Essay, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchten und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt. Er entfaltet dabei ein breites politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Panorama – mit Ecken und Kanten, voller Überraschungen und Zuspitzungen. Kernaussage: So, wie das alles abgelaufen ist, konnten die Ostdeutschen keinen Zugang zu dem neuen System finden, Also, ein streitbares Buch? Meiner Meinung nach keinesfalls. Eher ein nachdenkliches Buch. Vielleicht erscheint der Titel als gewollte Provokation.

Wie hat sich denn der Übernahme-Beitritt vollzogen? Die überganglose Einführung von Behörden. Strukturen und damit eine komplett unbekannte Gesellschaftsordnung. Der Vollzug der Vereinigung war und ist auch weiterhin eine Symbiose von Missverständnissen und Zumutungen, so lange sich die ehemaligen DDR-Bürger in ihrer großen Mehrheit als Deutsche „zweiter Klasse“ vorkommen. Die bekannte Schauspielerin Jutta Wachowiak hat unter Bezugnahme auf den 9. November 1989 aktuell gesagt: „Nun konnte man reisen – aber das Zuhause war weg.“ Ihr Zuhause, das war auch „die ganz andere Wertschätzung“‚ ihrer Arbeit. Eigentlich ein urdemokratischer Impuls, der auch heute guttäte.

Aber an gesellschaftlichen Wegscheiden ist alles möglich. Alles richtig? Alles falsch? Die Art und Weise, wie die Einheit nach westdeutschen Muster „durchgezogen“ wurde und noch immer wird, lässt jeden verdienten Respekt vor den Lebensleistungen der Ostdeutschen vermissen. Genau aus diesem Blickwinkel erklärt der Historiker in seinem Essay, um was es gegangen wäre und noch immer geht: gleiche Löhne, gleiche Arbeitszeit, gleiche Renten und so viele Ostdeutsche in Führungspositionen, wie es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung Deutschlands entspricht. Ilko-Sascha Kowalczuk (Jahrgang 1967) ist zu danken, dass er den Finger in die Wunde legt, wenn er einfordert, endlich einen Generationswechsel beim „Aufarbeiten“ der DDR-Geschichte vorzunehmen. An seiner Seite stehen dabei Wissenschaftler, die sogar eine „Revision“ des in den letzten dreißig Jahren kolportierten Geschichtsbildes über die DDR als „notwendig“ erachten. Das vorliegende Buch könnte eine Art Auftakt dazu sein. Sein Fazit: „Diesen Weg wollten die Ostdeutschen nicht“. Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme, Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde, Verlag CH Beck, 320 S, Klappenbroschur, 16,95 Euro