Neulich in Berlin – Kurioses aus dem Hauptstadt-Kaff

Mai/Juni 2018

Cover des Buches
Bild: be.bra verlag

von Ursula A. Kolbe

Der Autor des Buches Torsten Harmsen, Ur-Berliner, Jahrgang 1961, gelernter Schriftsetzer, studierter Journalist und tätig in der „Berliner Zeitung“, zuletzt im Feuilleton und im Wissenschaftsressort, hat all‘ seine Beobachtungen aufgeschrieben, wöchentlich in der „Berliner“ nachzulesen.

Ob „Neulich …an der Ampel (statt eines Vorworts)“ oder „…vor dem Zigarettenladen“, „…aus dem Bahnhoflautsprecher“, „…auf dem Fußweg“, „…vor der Protzanlage“ … augenzwinkernd erzählen die Begebenheiten von der Mentalität der Berliner und den Eigenheiten des Berlinischen, das für fast jede Lebenslage einen passenden Ausdruck hat.

Eine kleine Leseprobe aus „Neulich … im Museum“:
Zwei Berliner betrachten Bilder in einem Museum. Das hört sich etwa so an: „Kiek ma, wat soll’n dit vorstelln? Der Typ hat’n viereckjen Deez und dit Ohr anne Backe. Sieht aus wie du“. – „Pass ma uff. Hast wohl lange nich mehr im Jipsverband aus’m Charitéfenster jekiekt, wa?“ – „Reech da nich uff! Is ehmt Kunst, wa!“ –„Wat, Kunst? Dit kann doch’n Dreijährija! So wat ha’ ick ja schon in Kinderjarten jepinselt.”

Klar, der Berliner hat immer schon was im Kindergarten Großartiges gepinselt. Er lässt sich auch nicht vorschreiben, was er schön finden soll. Wenn man ihm was vorsetzt, reagiert er skeptisch, ja despektierlich. Vor allem, wenn es um Kunst und Architektur geht. Da ließ zum Beispiel der Preußische König um 1830 eine große Granitschale im Lustgarten aufstellen – fast sieben Meter Durchmesser, ein Symbol von Macht und Schönheit. Und der Berliner nennt sie einfach „Suppenschüssel“.

Der 1970 eingeweihte „Brunnen der Völkerfreundschaft“ auf dem Alex wurde zur „Nuttenbrosche“, die Kongresshalle im Tiergarten zur „Schwangeren Auster“, das Luftbrückendenkmal in Tempelhof zur „Hungerharke“, das Turmrestaurant Steglitz zum „Bierpinsel“, der Weltkugelbrunnen am Europa-Center zum „Wasserklops“.
Originalität kann man dem Ganzen nicht absprechen. Mitunter auch echten Geist.

Die 1806 durch die Truppen des „Napoljum“ verschleppte Quadriga vom Brandenburger Tor zum Beispiel nannte der Berliner „Retourkutsche“, als sie 1814 endlich aus Paris zurückgeholt wurde. Aber wehe, man schwatzt ihm einen bestimmten Namen auf. So etwa vor Jahrzehnten, als der neu gebaute Fernsehturm am Alex in den Medien immer wieder „Telespargel“ genannt wurde. „Nöö, dit is mir zu blöde“, sagt sich da der Berliner. „Ick nenn‘ den einfach Fernsehturm“.

Ein paar Mal hat der Berliner leider nicht aufgepasst. …(Lesen Sie weiter!“)
Kurioses aus Berlin. Allein wer selbst viel im Alltag mit den Öffentlichen unterwegs ist, auf dem S-Bahnhof auf einen ausgefallenen Zug wartet, sich im Café mal eine Auszeit gönnt, könnte wohl auch manch Erlebtes dazu beisteuern.

So sind die Geschichten in diesem Buch letztlich so vielfältig und wunderlich wie die Stadt selbst. Eine Stadt mit all‘ ihren Ecken und Kanten, die man einfach lieben muss; in der viele sagen „Nachtigall, ick hör dir trapsen“.
be.bra verlag, Berlin
ISBN 978 -3 8148 -0231 -2: Preis: 14,40 Euro