Logistiker-Motto: „Digitales trifft Reales“

Januar Februar 2019

Blick in den Kongress-Saal
Bild: BVL / Kai Bublitz

von Ursula A. Kolbe

„Zusammenkommen ist ein Beginn. Zusammenbleiben ein Fortschritt. Zusammenarbeit ein Erfolg.“ Henry Ford, der Pionier der Automobilproduktion, wird mit diesem Ausspruch gern zitiert. Auch der Vorstandsvorsitzende der Bundesvereinigung Logistik (BVL), Robert Blackburn, hatte mit diesen Worten den Blick auf den 35. Deutschen Logistik-Kongress gerichtet. Seit nunmehr 40 Jahren vernetzt die BVL Logistiker und leistet so ihren Beitrag zur Umsetzung des Ford‘schen Erfolgsgesetzes.

Zugleich richtete er die Aufmerksamkeit auf das Jahresmotto „Digitales trifft Reales“ und lenkte den Schwerpunkt auf die derzeit realen Problemstellungen – nämlich die Kapazitätsengpässe bei Transportangeboten und Infrastruktur sowie Fachkräftemangel mit Ansage. Es vollziehe sich ein Wandel. Die Anforderungen verändern sich. „Dabei würden Mensch und Maschine nach und nach zu Partnern in einer Social Networked Indystrie.

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für diesen Wandel sind gut. Laut einer Umfrage am Übergang zum vierten Quartal letzten Jahres wurde eine verhalten optimistische Stimmung konstatiert. In Industrie und Handel wird die aktuelle Geschäftslage aber signifikant besser eingeschätzt als die Erwartungen für die nächsten Monate. Bei den Logistik-Dienstleistern dagegen sind die Erwartungen steigend. Das ist nach Blackburns Einschätzung kein Jubelszenario, aber Ausdruck solider Zuversicht.

An die Politik gerichtet forderte Blackburn „Sacharbeit, Sacharbeit, Sacharbeit!“ Die Herausforderungen nach wie vor: Auflösung des Investitionsstaus bei Straße und Schiene, Stärkung der Intermodalität der Verkehrsträger, flächendeckende leistungsfähige IT-Netze. „Wir brauchen Deregulierung, Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren, Planungssicherheit durch Stabilität politischer Prozesse und Support für wirtschaftliche Vorhaben.“

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte auf der Eröffnungsveranstaltung u. a. eingestanden, dass sich die Bundesregierung mit ihrem Versprechen, das ganze Land bis 2018 flächendeckend mit 50 Mbit/s auszustatten, blamiert habe. Jetzt sei die nächste große Aufgabe der Ausbau des Glasfasernetzes und des 5G-Mobilfunkstandards. „Hier müssen wir weitere Fehler vermeiden.“

Die Digitalisierung sei eine industriepolitische Herausforderung. Bald würden alle Maschinen mit künstlicher Intelligenz arbeiten und per Spracherkennung bedient. „Werden es deutsche Unternehmen sein, die das bauen und Lizenzen erhalten?“, fragte Altmaier. Dazu sei eine „Strategie Künstliche Intelligenz“ der Regierung notwendig.

Verhaltener Optimismus in der Branche

Auch auf diesem Kongress wiesen die Logistikweisen wieder die Richtung. Sie prognostizieren für ihren Wirtschaftsbereich in diesem Jahr ein Wachstum von 1,7 Prozent. Damit liegt die Prognose zwischen den Vorhersagen des IWF und führender deutscher Wirtschaftsforscher, die ein Gesamtwachstum von 1,6 und 1,9 Prozent erwarten.

Aktuell ist die Stimmung gut, der Aufschwung hält an. Die Zufriedenheit bei den Verladern und Dienstleistern ist entsprechend hoch. Doch Jubelstimmung will sich nicht einstellen. Die Lage und Erwartungen klaffen weiter stark auseinander. Die Personalpolitik wird jedoch weniger expansiv.

Die Welthandelsorganisation (WTO) hat ihre Prognose für 2018 und 2019 in Sachen Wachstum des Warenaustauschs gesenkt. Für 2019 erwartet sie ein Plus von 3,7 Prozent. Die Risiken hätten zugenommen, schreiben die Experten und verweisen auf Handelsstreitigkeiten zwischen großen Exportländern und Risiken an den Finanzmärkten.

Dabei würden die politischen Rahmenbedingungen für die Ausgestaltung weltweiter Liefer-Netzwerke eine erhebliche Rolle spielen, machte Sigmar Gabriel, Bundesaußenminister a. D, deutlich. Der bevorstehende Brexit, neu aufkeimender Protektionismus, die Entwicklung Chinas zum Global Player oder die grundsätzliche Infragestellung von Multilateralismus würden die Welt unbequemer erscheinen lassen.

Weiter sprach er darüber, wie sich die datengetriebene globale Wirtschaft in politisch instabilen Zeiten entwickeln wird. Digitalisierung stelle die traditionellen Formen für Wertschöpfung grundsätzlich in Frage. Laut Gabriel ist derjenige, der die Mobilitätsplattform beherrscht, auch derjenige, der die Wertschöpfungskette beherrscht.

Bundesweite Imagekampagne „Logistikhelden“

Zum Kongressbeginn hatte Robert Blackburn die bundesweite Imagekampagne „Logistikhelden“ vorgestellt und zugleich um Unterstützung bei den über 3.500 Teilnehmern geworben. Auf Plakaten, in Anzeigen, im Internet und auf den gängigen Social-Media-Kanälen sowie Videoportalen präsentieren Menschen aus der Logistikpraxis – die „Logistikhelden“ – spannende Fakten oder Geschichten aus ihrem Arbeitsplatz. – Die Wirtschaftsmacher, unmittelbar selbst mittendrin.

Das alles soll auch helfen, den Engpässen am Arbeitsplatz zu begegnen. „Wir brauchen bunt, nicht braun. Wir brauchen engagierte Arbeitskräfte – egal aus welchem Kulturkreis und welcher Nation“, stellte Blackburn in den Raum und erhielt dafür auch viel Applaus. Der Arbeitskräftebedarf sei sowohl in Industrie und Handel als auch bei den Dienstleistern sehr groß.

Exkurs in die Berliner Verkehrsinformationszentrale

Auch das gehört längst zu den jährlichen Logistik-Kongressen: Ein Auswärts-Besuch vor Ort. Ich hatte mich den Logistikern angeschlossen, die die Berliner Verkehrsinformationszentrale im historischen Gebäude des Flughafen Tempelhofs besuchten. Hier sind wir in einer der größten und modernsten Verkehrsleit- und Informationszentrale Europas, macht deren Leiter Andreas Müer deutlich.

Und hier sitzen alle Akteure, die mit dem örtlichen Verkehr zu tun haben, in einem Raum; haben also kurze Verständigungswege. So kann gezielt in das Verkehrsgeschehen eingegriffen, Störungen minimiert oder sogar komplett verhindert werden.

Vergegenwärtigen wir uns ein paar nüchterne Fakten: Die Verkehrslage wird auf über 1.500 km Straße beobachtet, werden die Ampeln an über 2.000 Kreuzungen, neun Verkehrsbeeinflussungsanlagen (VBA), vor allem auf der Berliner Autobahn, überwacht und bei Bedarf manuell geschaltet und Verkehrsmeldungen der Landesmeldestelle für den Verkehrswarndienst (TMC-Verfahren) gesendet.

Ca. 1.100 Messstellen im Hauptverkehrsstraßennetz übermitteln Informationen, woraus eine aktuelle Verkehrslagedarstellung erstellt wird. 250 Videokameras, vor allem an Autobahnen, ergänzen die Informationen.

Übrigens kam ich hier auch kurz mit Sven Blümel ins Gespräch. Der Kollege von Radio Berlin 88.8 hat seinen Platz vor der großen Monitorwand, den aktuellen Verkehr ebenfalls ständig im Blick und informiert die Hörer halbstündlich nach Nachrichten und Wetterlage über das Straßengeschehen. Ein Service, den sicher nicht nur ich gerade morgens sehr schätze. Eben Infos in Echtzeit, die neben allen Verkehrsarten auch Infrastrukturen einschließen, den Weg zur netzübergreifenden Multimodalität und zeitgemäßer Mobilität ebnen.

KOMSA: Vom Bauernhof zum Multi-Channel-Distributor

Das sächsische Unternehmen KOMSA, ein Dienstleister in der Branche Informations- und Kommunikationstechnik aus dem sächsischen Hartmannsdorf bei Chemnitz, ist für das Projekt „Reload – Digitalisierung der Komsa-Intralogistik“ auf dem Gala-Abend mit dem Deutschen Logistik-Preis der Bundesvereinigung Logistik 2018 geehrt worden.

Höchste Flexibilität, Automatisierung und Digitalisierung – das sind Elemente dieses Projektes, mit dem KOMSA mit einer Investition von 30 Millionen Euro ein dreigeschossiges „Haus der Dienstleistungen“ und ein neues Logistikzentrum inklusive Hochregallager sowie einem Automatiklager errichtet hat. Gemeinsam mit seinem Partner LogistikPlan aus Dresden wurde damit der Logik gefolgt „kürzeste Wege, kleinste Fläche, größte Leistung“.

Durch dieses neue Logistikzentrum werden nun alle Lagerungs- und Versandprozesse gebündelt, die zuvor auf fünf verschiedenen Orten in Hartmannsdorf verteilt waren. Das „Haus der Dienstleistungen“ bietet Raum für bis zu 800 Arbeitsplätze in unmittelbarer Logistiknähe. Rund 14.500 Paletten finden seit 2017 im benachbarten Logistikzentrum im 21 Meter hohen Regallager einen Stellplatz. Ein zentraler Verbindungsbau integriert alle Logistik-Funktionen – von der Wareneingangs- und Servicelogistik über die Lager-, Repair- und Retourenbereiche bis zur Versandlogistik.

Ein Wort noch zur Geschichte, die 1992 auf einem idyllischen Bauernhof in Hartmannsdorf beginnt. Der gebürtige Schwede Dr. Gunnar Grosse gründet dort mit drei ambitionierten jungen Männern ein Unternehmen, mit dem er den Aufbau des Mobilfunk-Händlernetzes in Deutschland unterstützen will.

Heute nutzen über 20.000 Händler in Deutschland und Polen das aus über 30.000 Artikeln bestehende KOMSA-Sortiment. Neben Smartphones zählen dazu Tablets, Navigationsgeräte, smarte Uhren, Produkte für ein vernetztes Zuhause, Telefonanlagen und ein großes Zubehörsortiment von über 250 Herstellern in der ganzen Welt.

Zusätzlich unterstützt das Unternehmen seine Handelspartner im Verkauf, veredelt, konfiguriert, installiert, hilft bei technischen Problemen, nimmt Produkte zurück, repariert sie und bereitet sie wieder auf. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2017/18: 1,2 Milliarden Euro. Für KOMSA arbeiten mittlerweile rund 1.700 Menschen. www.komsa.com.

Der Wissenschaftspreis Logistik 2018 ging an die Wirtschaftsingenieurin und Logistikberaterin Dr.-Ing. Eva Klenk für ihre Dissertation „Ein analytisches Modell zur Bewertung der Leistung von Routenzugsystemen bei schwankenden Transportbedarfen“. Damit stehen nun in der Praxis anwendbare Empfehlungen zur Planung von Routenzugsystemen bei schwankenden Transportbedarfen zur Verfügung.