BVL: Digitalisierung – Treiber für Veränderungen

Januar/Februar 2018

Blick in die Eingangshalle zum 34. Logostik-Kongress
Bild: BVL/Bublitz

von Ursula A. Kolbe

Lassen Sie mich Prof. Dr. Ing. Raimund Klinkner, Vorstandsvorsitzender der BVL (Bundesvereinigung Logistik), zitieren, der mit Blick auf den 34. Deutschen Logistik-Kongress in Berlin in seinem Editorial folgendes Zitat vorangestellt hatte: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel“. So formulierte der amerikanisch-österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick die Gefahr einer zu starken und zu frühen Begrenzung des Lösungsraums.

Und Prof. Klinkner schrieb weiter: „Womöglich unterliegen Wirtschaft und Gesellschaft mit Blick auf die allgegenwärtige Digitalisierung derzeit genau diesem Risiko. Aber wie kann der richtige Umgang mit diesem Thema aussehen? Es zu negieren, wäre fatal. Vielmehr sollte es um das gehen, was die BVL mit ihrem Jahresmotto „Neues denken – Digitales leben“ ausdrückt: Digitalisierung nicht als technologisches Konzept zu verstehen, sondern in ihr den intelligenten Treiber für Veränderungen zu sehen – und sie tatsächlich in der betrieblichen Praxis umzusetzen.“

So hatten mehr als 3.400 Teilnehmer aus rund 40 Ländern auf dem dreitägigen Treffen in einem offenen und kreativen Austausch über die facettenreichen Aspekte von Supply Chain Management und Logistik und beste Lösungen diskutiert. In diesem Umfeld stand auch der Offene Brief der BVL als Veranstalterin des 34. Deutschen Logistik-Kongresses an die Mitglieder des Deutschen Bundestages mit Forderungen zu fünf politischen Handlungsfeldern, dessen Inhalte Prof. Klinkner bei der Kongresseröffnung vorgestellt hatte.

Darin heißt es: „Logistik ist mit einer Leistung von 258 Milliarden Euro im Jahr 2016 und über drei Millionen Beschäftigten der drittgrößte Wirtschaftsbereich Deutschlands und zugleich ein wichtiger Motor für wirtschaftliches Wachstum und den Arbeitsmarkt. Logistik sichert unseren Wohlstand, ist erfolgsrelevant und trägt unmittelbar zum Ergebnis aller Wirtschaftsbereiche bei. Sie ist Treiber des digitalen Wandels und ihr kommt eine hohe Verantwortung zu….Dabei bedürfe es zukunftssicherer Rahmenbedingungen.“

Als die fünf politischen Handlungsfelder mit höchster Relevanz für die Logistik führt der Brief die Verkehrsinfrastruktur an, die digitale Infrastruktur, die urbane Logistik, die Bildung und die Beschleunigung von Planungsverfahren. Die BVL formuliert jedoch nicht nur Forderungen, sie bietet auch die gemeinsame Entwicklung von Konzepten an. (Mehr zum Offenen Brief: www.bvl.de/offener-brief.de)

Logistik auf solidem Kurs

Zum Jahresende 2017 lautet die Hochrechnung der Logistikweisen für den Umsatz, nach einem zum siebten Mal hintereinander stabilem Wachstum: 264 Mrd. Euro., 3,1 Mio. Beschäftigte. Das bedeutet ein Wachstum um 1,9 Prozent gegenüber 2016. Die Prognose für 2018 liegt bei 2,2 Prozent Wachstum. Nach der leichten Abkühlung im Sommer 2017 zeigt sich das Geschäftsklima auf dem höchsten Stand seit sechs Jahren.

In der Septemberumfrage des Logistikindikators erweisen sich die Logistikdienstleister als Muntermacher, deren Lageeinschätzung und Erwartungswerte gleichermaßen nach oben weisen. Die Werte in Industrie und Handel sind ähnlich. Insgesamt ist das Geschäftsklima günstig, die Geschäftslage gut, der Personalbedarf nimmt zu – und die Preise werden voraussichtlich steigen. Die europäische Logistikwirtschaft wuchs im Jahr 2016 um rund 2 Prozent.

Untersucht werden neben den 28 EU-Ländern auch Norwegen und die Schweiz. So wurde ein Volumen von über 19 Mrd. t Gütern in den 30 europäischen Ländern transportiert. Die Transportleistungen allein entsprechen dabei einem Umsatzvolumen von rund 470 Mrd. Euro.

Insgesamt besteht der Logistikkostenmix aus den Kosten für Transporte, Lagerlogistik, Bestandskosten und Kosten für Administration, Planung und Auftragsverarbeitung. In Summe umfasst die Logistikwirtschaft ein Volumen von rund 1.050 Mrd. Euro in 2016. Gemessen an den Kopfzahlen lag die Logistik somit 2015 über dem Wachstum des BIP der EU, der von Eurostat mit 2,2 Prozent angegeben wird. Die Bandbreite auf dem Kongress war groß, die Themen breit gefächert. Einige Streiflichter:

Bündelung der Air-&-Ocean-Verkehre

Die Rhenus-Gruppe ist ein weltweit operierendes Logistikunternehmen mit mehr als 28.000 Beschäftigten an über 580 Standorten. Ihre Luft- und Seefrachteinheiten sind in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen. Gleich zwei neue Gateways für Sammelverkehre eröffnete der Logistikdienstleister in den vergangenen Monaten in Hilden und Frankfurt/M.

Durch die Konsolidierung von Luft- und Seefrachtsendungen an den neuen Drehkreuzen, so Jörn Schmersahl. CEO Air & Ocean Europe der Rhenus Air & Ocean Management, auf dem Kongress, sollen seine Verkehre effizienter gebündelt und enger mit dem Landverkehrsnetz verzahnt werden.

Hauptverbindungen bestehen derzeit mit Asien, Nord- und Südamerika, Südafrika und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Im Blick liegt die Ausweitung auf Länder wie Österreich, Polen, der Slowakei, der Schweiz, der Tschechischen Republik sowie Ungarn. Aber grundsätzlich solle der Luftfracht-Gateway am Flughafen Frankfurt/M. eine gesamteuropäische Ausstrahlung haben.

Alternativen für urbane Versorgung

Diese sind dringender denn je. Feinstaub, Dieselskandal, Fahrverbote hängen wie ein Damoklesschwert in der Luft. Lieferfahrzeuge, die in den Innenstädten unterwegs sind, fahren zu mehr als 90 Prozent mit Dieselkraftstoff, laufen also große Gefahr, gerichtlich verboten zu werden.

Bittere Wahrheit ist, den Städten droht der Verkehrsinfarkt. Allein die Innenstadt von Düsseldorf z. B. steuern lt. Fraunhofer-Institut 60.000 Lkw an. Wurden 2016 deutschlandweit 3,16 Mrd. Päckchen und Pakete ausgeliefert, wird sich das Volumen nach Schätzungen des Bundesverbands Paket- und Expresslogistik (BLEK) bis 2021 auf 4,15 Mrd. erhöhen. Ein Plus von über 30 Prozent.

In der Fachsequenz „Urbane Logistikkonzepte“ sprach REWE-Logistikchefin Birgit Heitzer über die Nachtbelieferung, und namhafte Experten diskutierten darüber, wie eine massentaugliche, nachhaltige Innenstadtbelieferung möglich werden kann. – Ansätze, die vielversprechend scheinen. Das Stichwort Online-Handel ist ein weiteres Thema für sich.

Auf Exkursion ins weltweit drittgrößte Straßenbahnnetz

Auch diesmal ging‘s wieder auf Exkursion in Unternehmen in und um Berlin. Ich hatte mich für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) entschieden. Beindruckend der Gedanke, dass ihr Straßenbahnnetz nach Melbourne und Sankt Petersburg das drittgrößte der Welt ist. Beim größten kommunalen Verkehrsbetrieb Deutschlands sorgen rund 14.400 Mitarbeiter dafür, dass die Berliner und ihre Gäste mobil unterwegs sein können.

Im Berufsverkehr bringt die BVG Hunderttausende zur Arbeit und wieder nach Hause. Touristen können mit ihren Linien die Stadt erkunden, und Nachtschwärmer kommen mit dem 24-Stunden-Angebot sicher ans Ziel. Mit insgesamt 3.000 Fahrzeugen fuhr die BVG 2016 einen Rekord von 1.045 Millionen Fahrgästen ein, das sind mehr als 2,8 Millionen Fahrten pro Tag.

Unser Ziel war der Straßenbahnhof Lichtenberg. Schon seit 1913 in Betrieb, galt er damals als der weltweit größte seiner Art. Übriggens fuhr schon 1865 die erste Pferdebahn vom Brandenburger Tor nach Charlottenburg. 1881 dann nahm in Groß-Lichterfelde (seit 1920 OT von Berlin) die erste elektrische Straßenbahn der Welt ihren Betrieb auf.

Auf dem rund acht Hektar großen Betriebshof nahm uns Rico Gast, der Bereichsleiter Straßenbahn, in Empfang und gab einen kurzen Überblick über „sein“ Revier. Rund 187 Millionen Fahrgäste befördern die Straßenbahnen auf 22 km und insgesamt 300 km Strecke im Jahr. Dabei werden 802 Haltestellen bedient. Seit 1972 haben an diesem Standort auch Busse ihren Betriebshof.

Die Zeit der Oberleitungsbusse (von 1951 – 1973) ist ja lange vorbei. Seit 2014 ist die zentrale Bus- und Straßenbahnleitstelle der BVG (Kompetenz-Center Oberfläche, kurz KCO) in Lichtenberg zu Hause. 25 Bus- und acht Straßenbahnlinien werden von hier aus bedient. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass leider immer noch 40 nichtbehindertengerechte Tatra-Bahnen bis spätestens 2919/20 im Einsatz sind.

Praktisch wurde es dann in der Werkstatt, in der auch in Schichten gearbeitet wird, wo uns Rainer Döge, Abteilungskoordination, einen kleinen Einblick in die operativen Abläufe gab. Schon interessant, als Laie mal ein ausgebautes Fahrgestell einer Straßenbahn in Augenschein nehmen zu können. Insgesamt sind auf diesem Betriebshof 1.500 Mitarbeiter tätig.

Selbst einmal am Straßenbahn-Fahrsimulator zu sitzen und versuchen, sich ein bisschen in die Verantwortung eines Fahrers hineinzuversetzen, ließen sich die Besucher nicht nehmen. Seit 1999 ist er in Betrieb, neben Stuttgart nur zwei dieser Anlagen deutschlandweit. Leiterin Petra Kuder und Fahrlehrerin Ines Birnstiel gaben einen kurzen Überblick über die Ausbildung in Theorie und Praxis. Dabei horchte ich auf, als auch die Vermittlung einiger technischer Grundkenntnisse genannt wurde, um in Notfällen schon einmal selbst das Nötigste tun zu können.

Streiflichter

Immer wieder beliebter Treffpunkt in den Kongresstagen ist die Lounge der Häfen Rheinland-Pfalz in der bewährten Regie von Volker Klassen, seines Zeichens Geschäftsführer der Trierer Hafengesellschaft und BVL-Regionalgruppensprecher Mittelrhein-Mosel. In seinem Gepäcke hatte er diesmal auch die interaktive Wanderausstellung „Logik – Logistik“.

Diese Präsentation (mit drei exemplarischen Exponaten) vom Bundesvorstand Öffentlicher Binnenhäfen e. V. wurde anlässlich der Verleihung des Deutschen Logistik-Preises 2017 auf dem Galaabend im Foyer des Congress & Messe Center im Hotel Estrel gezeigt. Das Anliegen ist, sie künftig auch in Science-Centern, z. B. bei phaeno (Wissenschaft zum Anfassen) in Wolfsburg, in einer Experimentierlandschaft auszustellen. Und dafür gelte es, Sponsoren zu finden. Die Resonanz an diesem Abend, so Volker Klassen, sei gut gewesen.

In der Hafen-Lounge bin ich auch mit Philipp Loos, Student im 5. Semester an der Hochschule Ludwigshafen, ins Gespräch gekommen; sein Ausbildungsbetrieb die Trierer Hafengesellschaft im Rahmen des dreijährigen dualen Bachelorstudiengangs Logistik. An der Seite von Volker Klassen für ihn drei Tage logistische Vielfalt pur. Jetzt liegt ein Auslandssemester in einer Logistik-Firma in den USA vor ihm, mit der Unterstützung aus Trier im Rücken.

Nachtrag: Auf seinem jährlichen Strategiemeeting im November dankte der BVL-Vorstand Prof. Dr.-Ing. Raimund Klinkner für seine großen Verdienste um den Verband und verlieh ihm die Goldene Ehrennadel und den Ehrensitz auf Lebenszeit. Sein einstimmig gewählter Nachfolger Prof. Dr. Robert Blackburn hat zum 1. Januar 2018 die Nachfolge angetreten.