An und auf dem Edersee gehört und notiert

März April 2019

Blick auf die Edersee-Staumauer
Bild: Nationalpark Kellerwald-Edersee

von Ursula A. Kolbe

„Ein Paradies für Naturliebhaber und Abenteurer ist der fast 6.000 Hektar große Nationalpark Kellerwald-Edersee …“, hatte ich meinen Beitrag über die Tour mit Fahrtziel Natur in der letzten November/Dezember-Ausgabe eingeleitet, in dem ich über anregende Erlebnisse in diesem Gebiet Nordhessens berichtet habe.

Solche naturbelassenen Regionen günstig und umweltfreundlich zu erreichen, hat sich ja bekanntlich Fahrtziel Natur im Verbund von BUND, NABU, VCD sowie National- und Naturparke und Biosphärenreservate aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Aufgabe gestellt, den touristischen Verkehr in solch sensiblen Naturräumen vom privaten Pkw auf öffentliche Verkehrsmittel zu verlagern. Wie im Nationalpark Kellerwald-Edersee, seit Jahresbeginn 2018 das 23. Mitglied von Fahrtziel Natur.

Ein Abendspaziergang im Wildtierpark, dem nahen Nationalpark angegliedert, steht sicher nicht jeden Tag auf dem Programm. Umso neugieriger waren wir auf den Besuch in der Dämmerung zur Nacht. Forstwirt und Ranger Erhard Bemman, der sich selbst zu den „Urgesteinen“ der Mitarbeiter zählt und einer der ersten war, als die Waldschule eröffnet wurde, brachte uns „seine“ heimischen Wildtiere nahe, als wir an den großen Gehegen der Wölfe, Luchse und Rotwild vorbeikamen.

Das Rot-, Dam- und Muffelwild kann sich hier im insgesamt 80 ha großen Wildpark frei bewegen, hob er hervor. Auch Auer- und Birkwild, das heutzutage in nordhessischer Wildbahn nicht mehr vorkommt, ist hier noch anzutreffen.
An einem der herrlichsten Aussichtsplätze, mitten im WildtierPark, liegt die Greifenwarte.

Die Falkner haben sich hier ihrer Aufgabe verschrieben, seltene Greifvögel zu erhalten und die Tradition der Falknerei zu pflegen. Um dies auch den Besuchern zu zeigen, finden von März bis Mitte November täglich zweimal täglich (außer Montag) die beeindruckenden Flugschauen von grandioser Kulisse mit Blick über den Edersee und auf Schloss Waldeck statt.

Das konnten wir in der Abenddämmerung natürlich leider nicht erleben, dafür aber den phantastischen Ausblick auf die hell erleuchtete Stauseemauer, die zum 100. Jahrestag des Baus installiert worden war, und das ebenso hell angestrahlte auf dem Berg thronende Schloss Waldeck.

Eine Bemerkung noch an dieser Stelle: Meine Beine wollten nicht so recht an diesem Tag, was ich mir selbst nicht eingestehen wollte, dies aber schon registriert wurde. So kam ich „auf den Scooter“, den elektrischen Fahruntersatz. Nach einer kurzen Schreckstarre setzte ich mich drauf, drehte eine Runde und alles war vergessen…

Ein Service, der vor allem Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten angeboten wird, damit auch sie die Schönheiten dieses Flecken Wald und Tier kennenlernen können. Da noch ein zweiter Scooter zur Verfügung stand, genoss ich mit meinem Kollegen Kurt entspannt die interessante und informative Abendrunde inmitten dieser Tierwelt.

Auf zum Baumkronenweg am Edersee

Mancher wird beim Wort Baumkronenweg oder-pfad denken, ach, ich war doch schon auf einem oder gar zweien, brauch‘ ich nicht. Irrtum! Jeder dieser Wege ist anders, hat seine territorialen Eigenheiten und reizvollen Gegebenheiten. Unmittelbar am Südufer des Edersees gelegen sowie in der Nähe zum WildtierPark und Kletterpark wechselten die Blicke vom satten Grün der Buchenkronen auf den See, dessen Wassertiefe zur Zeit unseres Besuches Ende August vergangenen Jahres bereits alarmierend niedrig war.

Schon der Spaziergang zum Baumkronenweg auf dem 750 Meter Eichhörnchenpfad war beeindruckend. Erlebnisstationen fordern die Jungen wie die Erwachsenen zu eigener Aktivität heraus, wobei manch Interessantes zutage kommt. Info-Tafeln laden zum Stopp ein, will man doch auch z. B. etwas erfahren über die Wollige Buchenlaus, den Moschusbock, die Rotbeinige Baumwanze, den Nagelfleck oder den Kleinen Eichenbock, die man nicht unbedingt im Alltagswissen hat. Übrigens: Insgesamt 22 solcher Tafeln machen schlauer.

Natürlich gibt es auch weitere Attraktionen und Events wie regelmäßige Abendwanderungen, ein tolles Erlebnis für die ganze Familie. Beliebt sind ebenso themenbezogene Führungen. Hobby-Ornithologen horchen sicher bei von Experten geführten Rundgängen auf und finden auch ideale Bedingungen für Vogelbeobachtungen auf der Aussichtsplattform vor. Und: Die Anlage ist barrierefrei, stufenlos, hat ein geringes Gefälle, gilt als rundum sicher.

Die Sperrmauer im Edertal

Als wir an der Sperrmauer des Ederseestaudamms standen und auf das Wasser hinunterguckten, war der Wasserstand, wie gesagt, schon beängstigend gefallen. Wir erfuhren, dass Boote, die sonst am Steg vor sich hin dümpeln, oberhalb am Ufer im Trockenen lagen. Zuallererst aber wollten wir etwas über die Geschichte der nunmehr über 100jährigen Staumauer erfahren. Marianne Latzel, seit mehr als 20 Jahren bei der Ederseetouristik, gab uns sachkundig Auskunft.

Einiges in Stichpunkten: Die Edertalsperre wurde in den Jahren 1908 bis 1914 errichtet, um der Schifffahrt auf der Weser und dem Mittellandkanal jederzeit ausreichend Wasser zuführen zu können. Darüber hinaus dient sie dem Hochwasserschutz und der Stromerzeugung. Die 48 m hohe Mauer staute damit die Eder zum flächenmäßig zweit- und volumenmäßig drittgrößten Stausee in Deutschland auf. Damals, 1918, eine wahre Spitzenleistung der Ingenieurskunst.

Die Kehrseite der Medaille: Durch die Flutung des Edertals verloren 700 Menschen in drei Ortschaften ihr Heim. Die Dörfer Asel, Bringhausen und Berich sind abgetragen worden und versanken dann in den Fluten. Ein neues Zuhause fanden die Einwohner teilweise in Gebieten oberhalb ihrer Dörfer oder in Neu-Berich bei Bad Arolsen.

Am 17. Mai 1943 brach eine kaum für möglich gehaltene Katastrophe herein: Flugzeuge der britischen Armee griffen die Staumauer an – eine Rotationsbombe riss ein 70 × 70m großes Loch in die Mauer. 160 Millionen Kubikmeter Wasser schossen ins Tal, brachten Tod und Verderben. In den Fluten starben 68 Menschen, allein im Kreis Waldeck wurden 23 Gebäude zerstört. Die Ernte war vernichtet, sämtliche Brücken von den Wassermassen weggerissen. Noch im selben Jahr ist die Talsperre von Zwangsarbeitern der „Organisation Todt“ wieder aufgebaut worden.

Mit den umfangreichen Sanierungsarbeiten in den Jahren1990 bis 1994 ist die Ederseetalsperre für die nächsten 80 bis 100 Jahre wieder fit. Und das ist auch der Tourismus. Ein Begriff, der auch in dieser Region erst in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Blickpunkt geriet. Heute pulsiert das Leben um die Talsperre, auf dem Edersee, strahlt mit dem Nationalpark in die ganze Region und darüber hinaus aus.

Auf Bootstour mit Blick auf den Seegrund

Natürlich wollten wir auch gern eine Bootsfahrt auf dem Edersee unternehmen. Doch bis zur letzten Minute stand die Frage im Raum: Klappt’s noch? Denn wie gesagt, auch der Edersee war durch den lange ausbleibenden Regen so leer wie schon lange nicht mehr. Dort, wo sonst eine Tiefe von zehn Meter gemessen wurde, kamen schon die Ruinen der Dörfer ans Tageslicht, die sonst nur in sehr trockenen Zeiten zu sehen waren.

Aber wir hatten Glück – und konnten losschippern. Dabei hatten wir zugleich eine „Edersee-Atlantis – Expedition“, die sonst auch vom Nationalpark angeboten wird. Wir erahnten Reste der alten Siedlungen wie etwa die Aseler Brücke, Teile der mit Betondeckungen versehenen alten Friedhöfe und versuchten uns in etwa in das damalige Leben hinein zu versetzen. Fazit: Die Zeit auf dem Wasser war nicht nur erholsam und den Blick weitend, sie war Bildung pur. Neugierig auf neue Entdeckungen gingen wir dann von Bord.