Viamala-Schlucht- „…wo rasende Fluten sich den Weg durch die Felsen bahnten…“

Januar/Februar 2018

Blick auf das Viamala Besucherzentrum
Bild: hü7

von Ursula A. Kolbe

Bekanntlich engagieren sich das Netzwerk Schweizer Pärke, der Verkehrsclub der Schweiz, der Bündner Vogelschutz, Rhätische Bahn und PostAuto Graubünden seit 2016 als Mitglied der Kooperation Fahrtziel Natur, getragen von den drei großen deutschen Umweltverbänden BUND, NABU und VCD sowie der Deutschen Bahn im Kanton Graubünden für nachhaltigen Naturtourismus und umweltfreundliche Mobilität in sensiblen Naturräumen.

Über erste Eindrücke einer Reise mit Fahrtziel Natur in diese Pilotregion berichteten wir in der November/Dezember-Ausgabe der „Spätlese“. Lesen Sie über weitere Eindrücke in der Südostschweiz. Wie gesagt, im Zilliser Gasthaus „Alte Post“ mit Andreettas Spezialität der hausgemachten Capuns bestens verköstigt, brachen wir auf zu unserer Tour in die Viamala-Schlucht, ließen uns auch von Wetterkapriolen nicht abhalten.

Schon zur Römerzeit führte ein Weg durch die Schlucht

Die Viamala bezeichnet einen früher berüchtigten, rund acht Kilometer langen Wegabschnitt entlang des Hinterrheins zwischen Thusis und Zillis Reischen im Kanton Graubünden. Forschungen von Armon Planta zeigen, dass bereits zur Römerzeit ein Weg durch die Viamala führte. Felszeichnungen aus der Bronzezeit auf Carschenna sowie bronze- und eisenzeitliche Funde im Schams im Süden und Domleschg im Norden weisen bereits damals (also schon ab etwa 1.500 v. Chr.) auf einen Saumpfad über die Alpen (Splügen und San Bernardino) durch diese Gegend.

Sie ist ein beeindruckendes Naturmonument mit bis zu 300 m hohen Felswänden, die an den engsten Stellen nur wenige Meter voneinander getrennt sind. Die tief eingegrabene Schlucht ist das schwierigste Hindernis im Verlauf der Unteren Strasse von Chur zu den Alpenpässen Splügen und San Bernardino.

Seit jeher fasziniert die Viamala die Menschen. So hielt einst der Philosoph Friedrich Nietzsche in seinen Aufzeichnungen fest, „Ich schreibe nichts von der ungeheuren Großartigkeit der Via Mala: mir ist es, als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt hätte.“ Und auch Conrad Ferdinand Meyer ließ sich fesseln und vermerkte: „Als eine Welt der Willkür, des Trotzes und der Auflehnung kann diese Schlucht, wo rasende Fluten sich den Weg durch die Felsen bahnten, beschrieben werden.“

Die Viamala-Schlucht, seit Jahrhunderten auch als Durchgang auf der Nord-Süd-Achse berühmt, erlangte ab 1903 durch den Bau einer Treppen- und Galerieanlage – nicht weniger als 359 Treppenstufen führen in die tiefe Schlucht – große touristische Bedeutung inmitten wildromantischer Natur. Dieser Faszination kann sich keiner entziehen.

Zu einem gemütlichen Stopp lädt das Besucherzentrum neben der Treppenanlage mit neuem Shop und Terrasse ein. Eine kleine Ausstellung etwas weiter oberhalb der Brücke informiert über Geschichte und Landschaft. Die Verkehrsgeschichte der Viamala erfahren die Besucher in Führungen und nächtlichen Shows. Beispielsweise ist die San Bernardino-Route, eigentlich als Tourismusstrecke konzipiert, eine Warentransit-Achse von Deutschland nach Italien und umgekehrt geworden.

Legendär auch die Brückenkonstruktionen im Herzen der Schlucht. Die Brücken des renommierten Brückenbauers Jürg Conzett gewähren spektakuläre Einblicke ins Naturmonument der Viamala-Schlucht. Mit dem Traversinersteg und der Punt da Suransuns hat er hier bereits zwei Aufsehen erregende Brücken realisiert. Sein neuestes Werk beeindruckt als zweiteilige Geländerbrücke aus Edelstahl mit einem Gehbelag aus robustem einheimischen Lärchenholz. Erlebnisse, die man so schnell nicht vergisst. Die wieder einmal den Ruf der Schweiz als ein Land der Brückenbauer bestätigen.

Schafkäse von der Flix-Alp

Eindrücke ganz anderer Art erhielten wir auf dem Bauernhof der Familie Cotti auf der Flix-Alp in Sur. Bestes Futter als natürliche Grundlage für den unvergleichlichen Bündner Schafkäse der Cottis finden hier ihre Tiere vor. Die „Macher“ auf dem Hof in zweiter Generation sind jetzt die Söhne. Claudia Cotti selbst trägt die Verantwortung für die Käserei.

Und dafür finden die Cotti-Schafe beste natürliche Bedingungen auf der Alp-Flix vor, wo sie in den Sommermonaten weiden, eine wahre Schatzinsel der Artenvielfalt bis auf 2.400 m. ü. M. Die reichhaltigen Bergkräuter geben der Milch, für die der höhere Fettgehalt typisch ist, ihre einzigartige Note, den unverwechselbaren Geschmack.

Hinzu kommt die traditionelle Machart auf dem Holzfeuer im Kupferkessel. Der Käse wird in Formen abgefüllt, geschnitten, kommt bis zum nächsten Tag in die Wärmekammer. Dann wird er gepresst, immer wieder gedreht, kommt ins Salzbad. Im Natursteinkeller schließlich werden die Käselaibe mit großer Sorgfalt gepflegt. Das alles passiert von Februar bis Oktober. Ab März/April wird wieder verkauft.

Die verschiedenen Sorten Flixer mild, jährig, Bärlauch, Bockshornkleesamen, aber auch Butter aus der Molke sind in der Region sehr begehrt, gehen auch per Post auf Reisen. Das Beste natürlich zum Schluss – eine kleine Verkostung. Jede einzelne Sorte verleitet zum Zugreifen. Mir hatte es besonders der Flix Bärlauch angetan. – Alp Flixer Schafkäse ist Gaumenfreude pur. Wieder zurück in Berlin habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich keinen „importiert“ habe.

Die schmalen, roten Zugkompositionen ziehen den Blick auf sich

Das ist die Rhätische Bahn – Für die Schweizer gehört sie zur Landschaft wie die Steinböcke und die Berge. Nicht nur dortzulande lieben und verehren die Bahnfreunde diese Schmalspurbahn. Seit nunmehr über 125 Jahren befördert sie ihre Fahrgäste, können während der Fahrt die Schönheiten der Natur bewundert werden.

Die RhB, wie die Bündner ihre Bahn nennen, hat ein Verkehrsmittel, das sich von vielen anderen abhebt. Sie passt so großartig in die Landschaft, dass eine ihrer Linien, der Albula-Bernina-Ast, 2008 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde. Die Kunstbauten dieser Linie, die kühnen Viadukte, die Kehrtunnels, die Bogenbrücke bei Brusio, das alles trägt zum Charme der Bahnstrecke und Graubündens bei.

Übrigens: Seit Dezember 2015 ist Graubünden an das ICE-Netz der Deutschen Bahn angeschlossen. Bis zu dreimal täglich lassen sich die einzigartigen Naturlandschaften einfach und bequem mit dem ICE direkt ab Hamburg über Frankfurt nach Landquart in die Kantonshauptstadt Chur in Graubünden erreichen; mit Umsteigeverbindungen kann man Graubünden auch stündlich erreichen.

Das Europa-Spezial kann ohne Aufpreis auch mit einer Anschlussfahrt an das Netz der Rhätischen Bahn oder von PostAuto kombiniert werden. Inhaber der BahnCard 25 mit 25 Prozent Rabatt und Kinder bis 14 Jahren mit Eltern oder Großeltern fahren kostenlos.

Und warum beim nächsten Besuch in der Bündner Bergwelt, in der wir uns so wohl gefühlt und vieles erlebt haben, – es gibt noch viel mehr zu erkunden – nicht wieder im Hotel Piz Mitgel in Savognin die Zelte aufschlagen? Im Haus aus der Postkutscherzeit, dessen Charme, vor allem im großen Saal, im Engagement von Regina und Sepp Waldegg bis in die heutige Zeit wirkt. Sie legen auch Wert darauf, dass Feines aus der Region und den umliegenden Tälern auf den Tisch kommt.