Telčer Entdeckungen unter und über der Erde

September/Oktober 2017

Blick auf den Zacharia-Platz in Telč, Tschechien
Bild: Archiv des Stadtamtes Telč

von Ursula A. Kolbe

Es lohnt sich doch immer wieder, bei längeren Urlaubsreisen ans ersehnte Ziel einen Zwischenstopp einzulegen und auch dort sich umzuschauen, neue Eindrücke zu gewinnen. Diesmal sollte es auf unserem Weg durch Tschechien ein Ort in Böhmen sein: Telč (Teltsch). Schon seine Lobpreisungen wie „Mährisch Venedig“, die „weiße Perle der tschechischen Städte“, „ein Gedicht aus Stein“ machten neugierig auf die 6.000 Einwohner zählende Stadt an der Grenze von Böhmen zu Mähren“.

Ein Blick in die Geschichte sagt, dass die Herrschaft Telč im Jahre 1339 aus den königlichen Händen auf die Herren von Hradec überging. Diese veränderten den Ort in eine mittelalterliche Wasserfeste, geschützt von Teichen, Wassergräben, Schanzen und Toren.

Heute liegt die Stadt wie eine Insel aus längst vergangenen Zeiten eingerahmt zwischen den Fischteichen. Ihr Charme übt einen besonderen Reiz auf Einwohner wie Besucher aus. Einst war sie ein wichtiger Handelsplatz auf halbem Weg zwischen Prag und Wien. Ihre Bürger lebten vom Bierbraurecht, dem Salzverkauf und dem Ehrgeiz des landadligen Zacharias von Neuhaus.

Er machte Telč im 16. Jahrhundert zu seinem Herrensitz, holte italienische Baumeister ins mährische Hochland und verwandelte sein Provinzstädtchen in eine Residenzstadt. Die ursprüngliche gotische Burg wurde in einen imposanten Renaissance-Sitz verändert und heute noch reichhaltigem Interieur und einem herrlichen Arkadenhof.

Telč ist ein Kulturdenkmal mit schönen Bürgerhäusern und Laubengängen an der „Straße der tschechischen Renaissance“. In all den Jahrzehnten wurde das Historische erhalten, ein neues kulturelles wie wirtschaftliches Leben erblühte. Und immer behielt die Stadt zwischen den Teichen und Toren ihr Antlitz aus der Zeit des Adels der Zacharias. 1992 wurde der historische Kern in das Verzeichnis des Weltkulturerbes UNESCO eingetragen.

Abtauchen in den Untergrund…

Unser Hotel „U Cernébo orla“ (Zum Schwarzen Adler) lag direkt am Zacharias-Platz unweit des Schlosses. Und der Blick aus dem Fenster ließ uns jedes Mal die Sgraffititi und Fresken an den Bürgerhäusern, die ja durch Zacharias von der italienischen Architektur inspiriert waren, schweifen. Mit Jana Nováková von der Tourist-Information der Stadt hatten wir eine sachkundige Führerin.

Sie überraschte uns gleich zu Beginn, als sie den Rundgang im „Untergrund“ begann, konkret unter dem historischen Stadtzentrum. Neugierig darauf stiegen wir im Haus Nr. 71, der Kunstschule, hinab in den Keller. Der diente einst als Getreidespeicher und Lebensmittellager, bot in Kriegszeiten Unterschlupf.

Ein einleitender Film im Vorführraum lässt u.a. Erinnerungen dreier Einwohner wach werden, die hier nach dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht gefunden hatten. Mit Taschenlampen ausgerüstet, ging es dann weiter in die Unterkellerungen. Sie waren gerade mal maximal 1,50 Meter hoch. Schon recht mühselig. Aber im Hinterkopf die interessanten Fakten aus der Stadtgeschichte, untermauert in einer interaktiven Wiedergabetechnik.

Dann an der frischen Luft umfing uns die anheimelnde Atmosphäre des Zacharias-Platzes mit seinen historischen Häusern und den Arkaden. 71 Gebäude stehen rund um den Platz. Und jedes hat seine Geschichte. Jana Nováková lenkte unseren Blick auf einige interessante Fassaden. Da zieht erst einmal das Rathaus als das größte im gesamten Ensemble den Blick auf sich. Eigentlich sind das zwei Häuser, doch die ursprünglich gotischen Bauten sind durch eine Renaissance-Fassade zu einem majestätischen Gebäude umgestaltet worden.

An der Fassade der Attika befinden sich Sgraffititi; eine Kratztechnik zur Gestaltung von Hausfassaden, ursprünglich in der Renaissance angewendet. Die Attika dient zur Verdeckung des Dachansatzes und verleiht dem Haus die Illusion eines weiteren Stockwerkes. Das Haus Nr. 65, wie andere auch, verfügt über einen Laubengang, elegant und praktisch, weil dadurch auch ein Außenverkauf möglich ist. Das Hauswappen ist eine Bier-Quetschwalze, als Zeichen für das Recht zum Brauen und Ausschank.

Die Nachbarschaft Nr. 64 wiederum trägt das Wappen der Metzgerzunft, ebenso wie das gegenüberliegende Haus Nr. 8. 1490 verlieh Heinrich von Neuhaus der Metzgerzunft das Privileg, eigene Statuten zu besitzen. Das Haus Nr.62 gehörte über Jahre hinweg einem Schmied, üblicherweise kein reicher Mann, schlicht eingerichtet. Später zog die Schmiede in die Vorstadt. Heute befindet sich im Haus eine Bank.

Das Haus Nr. 61 besaß Bäcker Michal. Als er es 1553 kaufte, sollte es dann das schönste der Stadt werden. Er wollte nämlich Bürgermeister werden. Das Haus erhielt einen Renaissance-Giebel, einen mit Sgraffititi geschmückten Schweifgiebel, der durch die venezianische Renaissance inspiriert wurde.

Alte Gemäuer mit moderner Kunst

Auch die Stadtgalerie „Feuerwehrhaus“ am Platz hat Geschichte geschrieben. Einst stand hier ein gotisch gewölbtes Tor aus dem 17. Jahrhundert mit einem Renaissancegiebel, durch das man in die Fleischbänke gehen konnte. Der Brand im Jahre 1871 gab dann den Impuls für die Gründung der Feuerwehr. Das Feuerwehrhaus ist neueste Gebäude am Platz.

Der kleine romantische Bau wurde 1944 der neuen Technik angepasst, veränderte den Bau. Die Rekonstruktion 2004 gab das ursprüngliche Aussehen zurück, und das Ausstellungsprogramm möchte eine würdige Ergänzung zu den architektonischen Denkmälern des historischen Stadtzentrums sein. Ein Schwerpunkt liegt hier im Schaffen der Künstler, die durch ihr Leben mit der Region Vysocina verbunden sind.

Das alles liegt dem Betrachter zu Füßen, wenn er auf den Heiliggeistturm steigt. Ebenso blickt er auf die zwei Brunnen, die Mariensäule und die Pfarrkirche St. Jakob mit ihrem 60 m hohen Turm, schaut auf das Renaissanceschloss.
Noch eine kurze Bemerkung zur Holzbrücke über den Teich Ulicky, nur eine kurze Strecke vom Zentrum entfernt. Sie ist das „Geschenk der schweizerischen Gemeinde an die Stadt Telč als Zeichen der Freundschaft und Verbundenheit“, erinnert eine Tafel daran. Sie ist eine wichtige Abkürzung vor allem für die Schulkinder, deren Weg jetzt wesentlich kürzer ist.

Telč lebt aber nicht nur von seinen historischen Sehenswürdigkeiten, seiner einprägsamen Architektur. Auch das wirtschaftliche und kulturelle Leben wächst. Das Stadtleben wird ebenso geprägt von Musikfestivals, Ausstellungen, Sportveranstaltungen, Fasching, Adventkonzerten, Fesselballon-Flügen, Schifffahrten.

Während der historischen Festlichkeiten kann man auf dem Marktplatz oder am Brunnen Zacharias von Neuhaus mit seiner Gemahlin treffen, an den Tagen der geöffneten Türen findet der Handwerkermarkt statt mit dem Geschick der Beteiligten für die alten Handwerke. Alles umrahmt von historischer Fassade. Dieser Ort lädt nicht nur zum Zwischenstopp ein.