Heinz Sielmann: Nur wer die Natur kennt, wird sie schützen

Juli/August 2017

Heinz Sielmann bei Dreharbeiten zu Tiere im Schatten der Grenze
Bild: Heinz Sielmann Stiftung

von Ursula A. Kolbe

„Mir läuft es kalt über den Rücken, wenn ich sehe, was wir mit der Erde angestellt haben“, hatte Heinz Sielmann kurz vor seinem Tod gesagt. „Die Natur sendet SOS“. Vor wenigen Wochen, am 2. Juni, wäre er 100 Jahre alt geworden. Nach fast neun Jahrzehnten schaffensreichem Leben bleibt sein Name auch heute als Tierfilmer, Kameramann, Prozent und Publizist im Dienste der Natur und seiner Bewohner unvergessen. Sein Credo in allen Lebenslagen: „Nichts hinterlässt einen tieferen Eindruck als das persönliche Erleben in freier Natur.“

Besonders angetan hatte es ihm seit seiner Kindheit die Tierwelt und hier vor allem das Interesse an Tierfilmen, dokumentiert und persönlich nachzuempfinden, die vor den Hauptfilmen in den Kinos liefen und manch angeregten Gesprächsstoff lieferten. Nach ersten Versuchen mit dem Fotoapparat drehte Sielmann bereits 1938 seinen ersten Tierfilm „Vögel über Haff und Wiesen“ (noch als Stummfilm) in Ostpreußen und dem ehemaligen vom Völkerbund abgetrennten Memelland. Der brachte ihm große Anerkennung in der Fachwelt und beim Publikum ein.

Die Begeisterung des studierten Biologen und Zoologen für die Tierwelt blieb auch nach dem Krieg ungebrochen. Er drehte Filme – immer mehr in dem Bewusstsein, seine Mitmenschen für den Erhalt bedrohter Naturen zu sensibilisieren. So drehte er unter der Schirmherrschaft des belgischen Königs Leopold 1958 in Belgisch-Kongo einen der ersten Filme über die Berggorillas: „Herrscher des Urwalds“, der auch in die Kinos kam und sozusagen den Durchbruch brachte.

„Immer öfter dachten wir darüber nach, wie die Menschen innerhalb nur weniger Generationen in Jahrmillionen entwickelte Naturformen vernichten“, hatte einmal Inge, die Gefährtin, die alle wichtigen Entscheidungen mit ihrem Mann gemeinsam traf, einmal resümiert. In den 1960er Jahren erreichte Sielmann dann als Tierfilmproduzent den Zenit seines Schaffens.

Mit seinen unzähligen Filmen und Serien, darunter „Expeditionen ins Tierreich“, die er auch von 1965 bis 1991 im Ersten Deutschen Fernsehen moderierte, bereiste er sämtliche Kontinente. Oft war er monatelang unterwegs, manchmal begleitet von seiner Ehefrau Inge. Sielmanns Sohn Stephan kam 24jährig bei einem Unfall auf einer Expedition in Kenia ums Leben. 1994 erhielt Heinz Sielmann eine Honorarprofessur für Ökologie an der Fakultät für Biologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der „Naturschutz als positive Lebensphilosophie“

Einen weiteren Mosaikstein seines Schaffens legte der Naturwissenschaftler, als er 1988 den Film „Tiere im Schatten der Grenze“ drehte. Seitdem engagierte er sich Sielmann dafür, den Todesstreifen der ehemaligen Grenze zu Thüringen für den Naturschutz zu erhalten. Als „Grünes Band“ Deutschlands ist das Naturschutzprojekt inzwischen Teil des Grünen Bandes Europa.

Nicht zuletzt aus diesem Engagement resultierte 1994 die Heinz Sielmann Stiftung, die der längst berühmte Tierfilmer und –forscher gemeinsam mit seiner Frau Inge ins Leben rief. Der „Naturschutz als positive Lebensphilosophie“ ist seitdem Leitsatz der Stiftung, die seit 1996 auf Gut Herbigshagen bei Duderstadt ansässig ist. Die Maxime: Durch Ankauf und Pflege von Biotopen Lebensräume für bedrohte Arten zu schaffen und zu erhalten.

Heinz Sielmann starb am 6. Oktober 2006 in München. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Gelände der Heinz Sielmann Stiftung in der Franz-von-Assisi-Gedenkstätte. Schon früh hatte der Naturliebhaber erkannt, dass der achtlose Umgang der Menschen mit der Natur unseren Planeten in den Abgrund stürzen würde, wenn dem nicht entgegengesetzt würde. Arten- und Waldsterben, Verschmutzung der Gewässer, die unstillbare Gier nach Rohstoffen – all das bewegte ihn.

So investierten er und seine Frau mit der Sielmann Stiftung bewusst in den Kauf von brachliegenden Flächen, die zuvor – durch die langjährige Nutzung – unbrauchbar geworden waren. Ebenso erwarb die Stiftung auch Gebiete, die nach dem Abbau von Braunkohle renaturiert werden sollten.

23 Jahre nach Gründung der Stiftung haben sich in solchen Gebieten unzählige seltene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt. Wo einst Panzer rollten, Bomben und Granaten zu Testzwecken einschlugen, wo riesige Bagger Braunkohle abbauten, konnte und kann heute die Natur wieder Natur werden. Die Vision des Enthusiasten ist Wirklichkeit geworden – einzigartige Landschaften haben sich entwickelt.

Auch Inge Sielmann bleibt diesem Vermächtnis treu. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie den Vorsitz des Stiftungsrates übernommen. Neben dem unmittelbaren Naturschutz gilt ihre besondere Aufmerksamkeit der Natur- und Umweltbildung von Kindern und Jugendlichen. So sollen z. B. die Jüngsten im „Inge Sielmann Kindergarten“ in Fuhrbach, Kreis Göttingen, ganz bewusst mit der Natur aufwachsen. Es gibt eine Jugendorganisation der Sielmanns Ranger Deutschland e. V. Seit Mai 2006 trägt die Crinitzer Grundschule den Namen „Heinz Sielmann“.

Wanderausstellung SIELMANN! im Naturkundemuseum Berlin

Zu Ehren des 100. Geburtstages von Heinz Sielmann präsentieren die Heinz Sielmann Stiftung und das Naturkundemuseum Berlin noch bis zum 5. November 2017 die Ausstellung SIELMANN! Dokumentiert werden seltene Tierarten der Sielmanns Naturlandschaften durch Objekte und Filmbeiträge des Geehrten.

Diese sind jedoch nicht für jedermann sichtbar, sie müssen entdeckt werden. Denn Naturbeobachtung heißt – genau hinschauen. Kinder entschlüsseln z. B. ganz andere Geheimnisse als ihre Eltern. Und erschließen sich so ihre eigene Faszination Natur. Die Ausstellung spiegelt damit auch Heinz Sielmanns Motto wider: „Nur wer die Natur kennt und liebt, wird sie schützen.“ (www.naturkundemuseum.berlin)

Zu den wichtigsten „Sielmanns Naturlandschaften“ zählen in Brandenburg u. a. die Großschauener Seen, die Döberitzer Heide vor den Toren von Berlin und Potsdam, die Kyritz-Ruppiner Heide und das Naturerlebniszentrum Wannichen (Luckau). Mit mehr als 100.000 Besuchern im Jahr hat sich das Gut Herbigshagen als Regionales Umweltbildungszentrum (RUZ) des Landes Niedersachsen als ein wichtiger Partner für schulische Projekte entwickelt.

Hier gibt es u. a. einen Naturlehrpfad mit Bauerngarten, Bienenhaus, Insekten-Nistwand, Feuchtbiotop sowie Damwildgehege, Öko-Bauernhof mit seltenen Haus- und Nutztierrassen. In einer Sonderveröffentlichung der Heinz Sielmann Stiftung heißt es treffend charakterisierend: „Sielmanns Naturlandschaften gleichen Inseln der Vielfalt in einer Welt, die ansonsten durch das Zeitalter des Artenrückgangs gekennzeichnet ist.

Die Schönheit der Natur soll auch für künftige Generationen erhalten bleiben. Dies war einst der sehnlichste Wunsch Heinz Sielmanns.“