Sonderausstellung „China und Ägypten. Wiegen der Welt“: Tausende Kilometer entfernt und doch viel Verbindendes

September/Oktober 2017

Skulpturen und Schriftzeichen
Bild: SMB, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung/Sandra Steiß

von Ursula A. Kolbe

China und Ägypten – zwischen beiden Ländern liegen Tausende von Kilometern. Aber beide dieser alten Hochkulturen entwickelten ähnliche Kulturen und Praktiken. Die Sonderausstellung „China und Ägypten – Wiegen der Welt“, die noch bis zum 3. Dezember im Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel zu sehen ist, erkundet diese durch den direkten Vergleich der Artefakte.

Die rund 250 einzigartigen Kunstschätze sowie Alltagsgegenstände beider Hochkulturen umfassen einen Zeitraum von 4500 v. Chr. Bis in das 3. Jh. n. Chr. und sind jetzt erstmalig in Berlin zu sehen. Die ägyptischen Bestände stammen aus den Sammlungen des Berliner Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung; die chinesischen Leihgaben mehrheitlich aus dem Shanghai Museum.

Die Idee, das alte China in Berlin zu präsentieren, fußt auf dem 2014 mit dem Shanghai Museum geschlossenen Memorandum of Understanding zur Zusammenarbeit der Museen. Aber das Asiatische Museum sowie die Südamerika-Abteilung in Dahlem stehen wegen des Umzugs ins Humboldt-Forum nicht zur Verfügung, und im Vorderasiatischen Museum im Pergamon-Museum war wegen der Bauarbeiten auch kein Platz. So kam es zur Zusammenarbeit mit dem Ägyptischen Museum.

Die Ausstellung sei kultur-anthropologisch orientiert und gehe der Frage nach, erläuterte Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums und Papyrussammlung, wie verschiedene Kulturen, die nie miteinander Kontakt hatten, auf ähnliche Herausforderungen mal ähnlich, mal unähnlich reagierten. Und Yang Zhigang, Direktor des Shangai Museums, betonte, in der Schau könne man die Gemeinsamkeiten der Menschheit und den Stand der damaligen Globalisierung betrachten.

Damit die Besucher in der Schau einen guten Überblick haben, hatte das Team um Ausstellungsarchitektin Anna Hollstein und Mitkuratorin Mariana Jung eine verblüffende Darstellungsform gefunden: Chinesische Exponate stehen auf roten Sockeln, ägyptische auf schwarzen. Rot bedeutet in China die Farbe des Glücks. Ägypten hieß früher Kemet, Schwarzes Land, abgeleitet von der Farbe des schwarzbraunen Nilschlamms.

Es hat nie einen direkten Kontakt zwischen dem alten Ägypten und dem alten China gegeben. In beiden Regionen wurden die Grundlagen großer Zivilisation geschaffen. Jedes dieser Objekte hat seine eigene Geschichte und steht zugleich stellvertretend für seinen Kulturkreis.

Die Ausstellung ermöglicht mit den Gegenüberstellungen in den fünf Themenbereichen Lebenswelten, Schrift, Tod und Jenseits, Glaubenswelten sowie Herrschaft und Verwaltung verblüffende Einsichten in die Wege zweier Hochkulturen. Mit diesen Parametern könne man Hochkulturen abbilden, erklärt Friederike Syfried.

In Lebenswelten zeigt sich die Gegenüberstellung von Dingen des täglichen Lebens aus vier Jahrtausenden und zwei so unterschiedlichen Kulturkreisen einerseits, wie hochspezialisiert und arbeitsteilig diese Kulturen waren und wie ähnlich sich das Lebens damals und heute abspielt. Man erkennt z. B., dass Waschgeschirr aus Schüssel und Kanne ähnlich aussieht, auch wenn die ägyptischen Objekte rund 1.500 Jahre älter sind.

In China bezahlte man schon sehr früh mit Kaurimuscheln, dann mit Spaten- und Messermünzen, während das Geld in Ägypten erst mit den Römern Einzug hielt. Der „Bereich Maße, Gewicht und Handel“ wird anhand einer alten ägyptischen Waage, aber auch mit zahlreichen chinesischen Münzen illustriert, denn China gilt als das Land mit der ältesten Münzwährung.

Dass Schrift unerlässlich ist, wird ebenso deutlich. Die Entwicklung der Menschheit belegt es seit Ackerbau und Viehzucht, Warenaustausch, Handel und Transport. In Ägypten (um 3500) und China (mit den Jiahu-Zeichen um 6600 v. Chr.) haben sich die Schriftformen über bildhafte Zeichen und abstrahierte Piktogramme entwickelt und dabei anfänglich erstaunlich ähnliche Lösungen gefunden.

Am Anfang sehen sich die Zeichen sehr ähnlich, die Sonne ist ein Kreis mit einem Punkt, Wasser wird durch Schlangenlinien dargestellt. Während in Ägypten mit der Ankunft der Römer die lateinische Sprache dominiert, ist die chinesische Tradition der Schrift bis heute ungebrochen.

Spektakuläre Leihgabe des Xuzhou-Museums: Ein Jadegewand

Als spektakulärer Höhepunkt der Ausstellung wird ein prachtvolles chinesisches Jadegewand neben einer reich bemalten ägyptischen Mumienhülle präsentiert. Jeder kennt die Mumifizierung, die bei den Ägyptern die Leichname der Verstorbenen für das Jenseits erhalten sollte. Auch die aufwendig produzierten chinesischen Jadegewänder hatten die Aufgabe, die Körper der adligen Verstorbenen zu schützen.

Im alten China verschwimmen die Grenzen zwischen irdischer und göttlicher Welt. Kultobjekte aus Jade und Bronze stehen stellvertretend für eine Vielzahl an Naturgewalten und mythischen Wesen, die als Verbindung zwischen den Welten fungierten. Neben diesen Naturgottheiten wurden vor allem die verstorbenen Ahnen verehrt. Zusammen mit altägyptischen Statuen und Stelen werden die verschiedenen Götterwelten, Kultpraktiken und religiösen Verehrungsformen erklärt.

Während in Ägypten seit der Reichseinigung der Pharao als gottgleicher Alleinherrscher regierte, wurde das chinesische Reich vor der Regierung des ersten Kaisers der Qin-Dynastie durch ein weitverzweigtes Netzwerk von Adelsfamilien beherrscht. Deren Macht und Wohlstand zeigen sich in verschiedenen abstrakten Symbolen und nicht in Darstellungen des Herrschers, wie dies in Ägypten Brauch war.

Noch einmal Friederike Syfried: „Es ist interessant, welche menschheitsgeschichtliche Konstanten die Kulturen hervorbringen. An unterschiedlichen Stellen der Welt entstehen ähnliche Lösungsmöglichkeiten….Der Mensch ist halt der Mensch. Uns verbindet mehr als wir denken.“

Praktische Unterstützung beim Rundgang

Ein Multimedia-Guide sowie Film- und Spielstationen für Kinder und Erwachsene ergänzen den didaktischen Teil der Ausstellung. Außerdem werden einige Exponate reproduziert und stehen den Besuchern als betastbare Objekte zur Verfügung. Dadurch werden die jahrtausendealten Originale für alle Menschen haptisch sichtbar.