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Elektrisch gegen die Stoppeln

Mai / Juni 2021

Mann rasiert sich mit einem Trockenrasierer
Bild: dpa

von Hans-Jürgen Kolbe, Benno Schwinghammer dpa

Eigentlich muss ich mich gleich eingangs zu diesem Beitrag bei unseren Leserinnen entschuldigen; denn der Artikel wendet sich gewissermaßen ausschließlich an unsere männlichen Leser. Es ist und bleibt eine der großen Fragen unserer Zeit: Nass oder trocken? Dass Rasieren auch ein Stück weit Kulturkampf ist, haben wir einem historischen Durchbruch vor 90 Jahren zu verdanken: Einer für die damalige Zeit sensationellen Erfindung des US-Amerikaners Jacob Schick im Jahr 1931 – dem Elektrorasierer. Nach Jahren der Tüftelei verhalf Stick am 18. März 1931 dem strombetriebenen Bartschneider zum Durchbruch.

Wild Sprießendes Gesichtshaar hat die Menschen offenbar schon vor Tausenden von Jahren gestört, denn unsere Vorfahren benutzten Überlieferungen zufolge Muscheln und scharfkantige Steine, um sich ihres Bartes zu entledigen. Schließlich wurden Kupfer-Rasierklingen erfunden und die Bartlosigkeit fand eine ihrer ersten Fashion-Ikonen in Alexander dem Großen.

Die Klingen wurden schärfer, die Rasierer professioneller: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich ging die Barthaar-Schneiderei schließlich dank Nassrasur mit Schaum zumindest bei geübten Benutzern ohne blutende Wunden vonstatten. Dem US-Soldaten Jacob Schick reichte das aber nicht. In den 1910er-Jahren war er in Alaska stationiert und hatte es – so zumindest geht die Legende – satt, bei Minusgraden Tag für Tag durch die Eisdecke eines Sees zu brechen, um das für seine Nassrasur benötigte Wasser zu schöpfen.

Pläne für den ersten elektrischen Rasierer
Da es in Alaska auch sonst nicht so viel zu tun gab, hatte Schick viel Zeit, um seine Pläne für einen der ersten elektrischen Rasierer voranzutreiben. Version Nummer eins ließ aber vor allem beim Thema Handlichkeit noch zu wünschen übrig. Der externe Motor, mit dem Scherkopf durch ein Kabel verbunden, war so groß wie eine Grapefruit – Hersteller lehnten das Produkt ab.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg trieb Schick seine Erfindung weiter voran. Er entwickelte einen deutlich kleineren Motor, der in den eigentlichen Rasierer passte und Ende der 20er-Jahre war sein Gerät marktreif. Er gründete eine Firma und brachte seinen Rasierer 1931 in New York City in die Geschäfte. Zunächst hielten sich die Verkaufszahlen in Grenzen, doch der Erfinder baute sein Geschäft kontinuierlich aus und erreichte schließlich Millionenverkäufe. Die Rasur mit dem Rasierapparat wurde auch als “Sicherheitsrasur” bekannt, da kein offenes Messer verwendet wird.

Der Messerblock liegt geschützt hinter einer Scherfolie (Scherblatt). 1931 wurde in den USA der erste handliche Elektrorasierer von Jacob Schick (1878–1937) mit oszillierendem System (Schwingankermotor) durch die Firma Remington angeboten. 1937 hat er in den USA, Kanada und England bereits über zwei Millionen Exemplare abgesetzt. 1939 folgte Philips mit einem eigenen rotierenden 3-Klingen-Schersystem, das von Alexandre Horowitz erfunden wurde.

Breit durchsetzen konnte sich die relativ teure Technik der Trockenrasur nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1980er und 1990er Jahren vertrieb auch Grundig Rasierer mit einem 40 Mikrometer dicken Scherblatt und oszillierendem Messerblock. Den prägendsten Einfluss auf die Erscheinungsform des modernen Trockenrasierers wird Roland Ullmann zugeschrieben, der für Braun mehr als 100 Rasierer entwarf und im Zusammenhang mit maschinellen Rasierern weit über 100 Patente registrierte.

Es dürfte nicht wundern, dass Schicks Konkurrenz schnell wuchs – unter anderem mit den heute noch bekannten Marken Remington und Braun. Schnell wurden die Geräte günstiger und technisch ausgefeilter, der Elektrorasierer erlebte zwischenzeitlich einen regelrechten Hype. Doch eins schaffte er nicht: Seinen stromlosen Kollegen komplett zu verdrängen: Noch immer hält sich die Schaum-Prozedur wacker – und wird von einigen gar als Lebensgefühl verstanden. Nass oder trocken? Das wird wohl auch in Zukunft Thema bleiben.